Das sagt man uns nach

von Vanna Vannuccini

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Der Mensch sieht die Dinge grundsätzlich so, wie die Sprache sie ihm vorstellt, das wissen wir schon von Wilhelm von Humboldt. Jede Sprache hat Wörter, die nur ihr eigen und in andere Sprachen unübersetzbar sind. Im Deutschen gibt es jedoch zwei Besonderheiten. Alles ist sehr klein und präzise oder aber sehr groß und bedeutend – rasch ist von „letzten Dingen“ die Rede.

Deutsch ist wie Englisch eine Sprache, in der sich neue Wörter aus vorhandenen Wörtern bilden lassen. Aber während im Englischen die Neubildung konkreter ist als seine Bestandteile, ist sie im Deutschen abstrakter. Ein klassisches Beispiel ist die „Weltanschauung“, die in italienischen, englischen und französischen Wörterbüchern steht. Das Wort beinhaltet aber mehr als die zwei Wörter, aus denen es zusammengesetzt ist. Es enthält eine Dreiheit: Gott, den Menschen und die Welt.

Auch in der Gegenwart stoßen wir auf unübersetzbare deutsche Wörter: Wenn wir den Menschen, mit dem wir zusammen leben, ohne verheiratet zu sein, auf Italienisch vorstellen wollen, sagen wir: „Questo è il mio compagno“, das ist mein Freund. Auf Französisch sagen wir: „Mon copin“. In Englisch: „My boy-friend“. Dank ihrer Liebe zur Genauigkeit, will die deutsche Sprache aber auch erklären, um was für eine Beziehung es sich hier handelt, das heißt um welche Art von Freund oder Freundin. Nämlich um einen Lebensgefährten, und nicht etwa um einen Reisegefährten oder einen Freund, mit dem man gelegentlich Poker spielt. Damit nicht genug. Da man nicht in die Zukunft blicken kann, ist es ratsam, sich nicht auf ewig zu binden. Besser man ist realistisch und sagt gleich: „Das ist mein Lebensabschnittsgefährte.“ Als die Liebesgeschichte zwischen Nicolas Sarkozy und Carla Bruni anfing, war die ganze Welt der Meinung, dass Bruni für den französischen Präsidenten eine „Lebensabschnittsgefährtin“ sein wird. Aber nur die Deutschen hatten das Wort, um das auch zu sagen.

Wörter prägen ganze Geschichtsabschnitte. In einem Land mit einer so stark zerrissenen Geschichte spiegeln besonders viele Wörter die Veränderung der Mentalität wider. Da übermäßiger Autoritarismus und Konformismus die deutsche Geschichte besonders bestimmt haben, sollten wir uns Wörter wie „Nestbeschmutzer“ und „Querdenker“ genauer ansehen. Von Heinrich Heine über Marlene Dietrich bis zu Willi Brandt, die Nestbeschmutzer in der deutschen Geschichte sind Legende: Persönlichkeiten, denen die Deutschen lange ihre Anerkennung verweigert haben. Etwas Ähnliches, aber weniger Gravierendes ist mit den Querdenkern geschehen. Ursprünglich bezeichnete dieser Ausdruck Seefahrer, die „in die Quere“ kamen später „Querköpfe“, die, wenn man sie nicht in Schach hielt, zu Nestbeschmutzern werden konnten. Von den Wörterbüchern wurde der „Querdenker“ bis 1991 totgeschwiegen. Aber dann hielt das Wort doch seinen Einzug in den Duden, und zwar mit einer hundertprozentig positiven Auslegung. Seitdem häufen sich in den Zeitungen die Hymnen auf die Originalität. Keine Traueranzeige ohne das Wort „Querdenker“. Oder: „75 Jahre und noch ein Querdenker!“ – ein beliebtes Lob.

Die Leidenschaft für Linguistik und Systematik kann auch schaden. Irgendwann haben die Deutschen festgestellt, dass sie mit dem Wort „Schadenfreude“ ganz allein unter allen Völkern geblieben sind – auch wenn sicherlich das innige freudige Gefühl, wenn man erfährt, dass es den anderen schlechter geht als einem selbst, der restlichen Menschheit nicht fremd ist. Und da wir schon über Freude reden, möchte ich ein anderes deutsches Wort erwähnen: „Vorfreude“. „Vorfreude ist die schönste Freude“, sagen die Deutschen mit ihrem Pessimismus. Wir Italiener haben ein ähnliches Wort, obwohl längst nicht so bedeutungsvoll: „pregustare“, das in der christlichen Tradition bedeutete, die Himmelsfreuden im Voraus zu kosten.

Ein magisches Wort war in Deutschland bis vor Kurzem „Feierabend“. Man brauchte es nur auszusprechen, und sofort fielen die Kugelschreiber auf die Tische, die Jalousien wurden heruntergeknallt, die Maschinen standen still. Ausländer, die in Deutschland lebten, haben den Feierabend immer gefürchtet. Wenn man in Italien nach dem offiziellen Ladenschluss noch ein Lebensmittelgeschäft betritt, ist es undenkbar, dass die Kassiererin sich weigert, einen das Brot bezahlen zu lassen, das man sich noch aus dem Regal geschnappt hat. Heute hat sich das auch in Deutschland verändert: seitdem die Öffnungszeiten der Geschäfte flexibler geworden sind.



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