Aus einem China vor unserer Zeit

ein Gespräch mit Cong Feng

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


In Ihrem Film „Dr. Ma’s Country Clinic“ zeigen Sie den Alltag in einem abgeschiedenen Bergdorf. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Im Jahr 2000 war ich zum ersten Mal in Huangyangchuan, im Kreis Gulang in der Provinz Gansu, um einen Freund zu besuchen, der dort als Lehrer arbeitete. Mich hat sehr berührt, wie die Menschen in dieser Gegend leben. Ich blieb dann als Aushilfslehrer für ein Jahr dort. Schon damals wollte ich einen Film machen. Aber ich konnte mir keine Kamera leisten. Erst 2005 begann ich mit der Arbeit am Film.

War es schwierig, die Menschen zum Mitmachen zu bewegen?

Da ich dort gelebt hatte und auch danach jedes Jahr zu Besuch kam, war ich mit den Menschen sehr vertraut. Sie haben mich und meine Kamera sofort akzeptiert. Wichtig war auch, dass ich ihren Dialekt verstand.

Ein alter Mann leidet, als Folge seiner Arbeit in der Kohlengrube, an einer Staublunge. Ist das eine typische Erkrankung?

Die Staublunge gibt es oft, aber nur bei alten Menschen, denn die Kohlenzeche wurde schon vor vielen Jahren stillgelegt. Die häufigsten Krankheiten, die Dr. Ma behandelt, sind Erkältungen, Magen- und Kopfschmerzen. Wenn die Menschen ernsthaft krank sind oder operiert werden müssen, gehen sie in das städtische Krankenhaus.

Dr. Ma fühlt den Puls, schaut die Zunge an, dabei raucht er eine Zigarette ... Was ist das Geheimnis seiner Heilkunst?

Die Patienten und Dr. Ma kennen sich, sein Charme und seine heitere Gelassenheit helfen ihnen. Alle achten Dr. Ma und seine Heilkunst. Ich denke, in dieser Praxis geht es anders zu als in einer westlichen. In einer Berliner Klinik würde ein Arzt wohl eher nicht rauchen ...

Das stimmt! Die meisten Dorfbewohner in Ihrem Film sind Bauern. Wie leben sie?

Das Dorf liegt zwischen zwei Gebirgszügen. Seit Jahren herrscht dort Dürre. Während der Wachstumsperiode regnet es selten. Die Bauern pflanzen Weizen an, um sich selbst davon zu ernähren, sie können damit aber nichts dazuverdienen. Daher gehen die meisten jungen Männer und Frauen nach dem Frühling weg, um als Wanderarbeiter Geld zu verdienen. Nur die alten Leute bleiben zurück.

Welche Berührungen haben die Bauern mit der modernen, urbanen Welt?

Sie denken, die Menschen in Großstädten wie Peking oder Schanghai führen ein Leben wie im Himmel. Demgegenüber fühlen sie sich klein und demütig. Gleichzeitig sind sie voller Bewunderung für dieses andere Leben. Sie selbst sind aber von der Modernisierung ausgeschlossen.

Es gibt zu wenige junge Frauen in den Dörfern. Daher kaufen Väter Frauen aus noch ärmeren Gegenden als Ehefrauen für ihre Söhne.

Wissen Sie, wenn in China ein Mann auf dem Land mit 30 noch unverheiratet ist, ist es für ihn sehr schwer, überhaupt eine Ehefrau zu finden. Das Leben in den Dörfern ist oft noch traditionell. Frauen und Männer sind nicht gleichgestellt, auch wenn sie offiziell den gleichen Status haben. Wenn Sie bei einer Bauernfamilie zu Abend essen, dann sitzen nur Männer am Tisch. Die jungen Frauen aus den Dörfern erhoffen sich ein besseres Leben. Besonders wenn sie eine Zeit lang woanders gearbeitet haben, wollen sie nicht zurück.

Wie waren in China die Reaktionen auf Ihren Film?

In China gab es keine Zeitungsberichte, was für mich gut ist. Zu viel Aufmerksamkeit könnte für mich Schwierigkeiten von oben bedeuten. Der Film ist auf einigen unabhängigen chinesischen Festivals gezeigt worden und hat viel Kritikerlob bekommen.

Haben Ihre Protagonisten den Film gesehen?

Ich habe den Film Dr. Ma und einigen Freunden im Dorf gezeigt, aber nicht den Bauern, weil ich fürchte, dass er sonst doch zu den offiziellen Stellen durchdringen könnte.

Das Interview führten Jenny Friedrich-Freksa und Ivette Löcker



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