„Ohne uns kämen die nicht klar“

ein Interview mit Harry Kipss

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Sie arbeiten als Butler in einem Fünf-Sterne-Hotel in Dubai. Wie gefällt Ihnen Ihr Job?

Mir gefällt sehr, dass ich so viele unterschiedliche Menschen kennenlerne. Besonders interessant ist es, wenn die Gäste zum ersten Mal nach Dubai kommen. Man erklärt ihnen dann, welche Shoppingmalls sie besuchen könnten und wie Dubai entstanden ist: aus dem Nichts. Das ist ja eine sehr beeindruckende Geschichte. Was ich nicht mag, ist, wenn Gäste die Leistung des Hotelpersonals nicht anerkennen. Du stellst ihnen all deine Fähigkeiten und dein Wissen zur Verfügung und trotzdem denken sie, dass du nicht genug für sie getan hast. Das verletzt unsere Arbeitsmoral und verunsichert uns beim Arbeiten.

Aus welchen Ländern kommen die meisten Hotelgäste?

Wir haben viele Gäste aus Russland, Großbritannien, und Deutschland, aber auch aus Australien oder Afrika, und natürlich aus den arabischen Ländern. Aber die vermeiden es meist, auf die anderen Gäste zu treffen. Sie bleiben lieber unter sich. Es gibt natürlich auch große Unterschiede: Die einen laufen im Bikini herum, die anderen ziehen immer etwas an, um ihren Körper zu bedecken.

Was verdienen Sie?

Ich bekomme 600 Dollar im Monat.

Fragen Ihre Gäste Sie nach Ihren Arbeitsbedingungen?

Die meisten fragen. Viele wollen wissen, wie viele Stunden ich pro Tag arbeite, oder wie weit entfernt ich vom Hotel wohne. Einige wollen auch wissen, wie lange ich schon in Dubai bin und ob mir mein Arbeitsplatz gefällt.

Bereiten Ihre Vorgesetzten Sie auf solche Fragen vor?

Nein. Manchmal fragen sie uns nach persönlichen Dingen. Wir können uns auch mit Problemen an sie wenden, aber eigentlich versuchen wir, unsere Probleme selbst zu lösen.

Es ist schon ein bisschen seltsam, wie in manchen Luxushotels Superreiche und Arbeitsmigranten aufeinandertreffen, oder?

Ja. Viele der arabischen Gäste wollen zeigen, wie reich sie sind. Sie sprechen mit viel Stolz und manche behandeln uns, als seien wir Sklaven. Wir Arbeiter denken manchmal, dass die ohne uns gar nicht mehr klarkommen würden.

Was denken Sie über die Situation der Arbeitsmigranten in Dubai?

Man kommt hierher, um in einer guten Position zu leben und zu arbeiten. Und dann wieder nach Hause zurückzukehren. Dort kann man sich dann etwas leisten, was man vorher nicht bezahlen konnte: etwa Medikamente für ein verletztes Bein. Aber wir, die wir jetzt nach Hause zurückkehren, können uns das nicht leisten. Wir haben noch nicht genügend Geld verdient. Jeder von uns würde sich in seiner Heimat gerne ein Haus kaufen oder einen Laden eröffnen. Aber das ist nicht so leicht.

Sie stammen aus einer christlichen Familie in Kenia. Wie nehmen Sie das Leben in den Emiraten wahr?

Früher war es sehr schwierig, in den Golfstaaten Arbeit zu finden, weil damals nur Muslime hier arbeiten durften. Die Regel wurde abgeschafft, denn die Golfstaaten wissen, dass sie sich verändern müssen, um für ihre Zukunft gewappnet zu sein.

Spielt denn die Religion eine große Rolle unter den Arbeitsmigranten?

Ja, denn die Religion erinnert einen an das eigene Zuhause, den Ort, von dem man herkommt. Viele praktizieren deshalb ihre religiösen Rituale sehr genau.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich möchte nach Kenia zurückkehren. Eigentlich wollte ich noch etwas länger bleiben, aber zurzeit ist das Hotel so schlecht gebucht, dass viele von uns hier nicht weiterarbeiten können. Also kehre ich jetzt früher als beabsichtigt nach Hause zurück. Aber dann werde ich sicher noch einmal für fünf Jahre irgendwohin gehen, um zu arbeiten.

Ist es schwierig, zu den Verwandten zurückzukehren, ohne in der Fremde das erreicht zu haben, was man erreichen wollte?

Ja. Denn wir wissen ja, dass uns bei unserer Rückkehr keine sicheren, guten Verhältnisse erwarten. Wir gingen weg, damit sich für unsere Verwandten etwas ändert. Wir haben Großes von uns erwartet. Jetzt kehren wir mit leeren Händen zurück. Aber mein Traum ist es, irgendwann in Nairobi, wo ich aufgewachsen bin, mein eigenes Hotel zu eröffnen. Und ich werde sehr glücklich sein, wenn dieser Traum wahr wird.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa



Ähnliche Artikel

Das neue Italien (Theorie )

Die Schamschwelle sinkt

von Marianne Kneuer

Hier eine Beleidigung, da ein Shitstorm: Der Umgangston in politischen Diskussionen wird immer härter, sachliche Kritik ist out. Ist uns die Debattenkultur abhandengekommen?

mehr


Großbritannien (Bücher)

Gegensätze ziehen sich an

von Viola Voigt

Verschiedene Perspektiven auf ein wenig diskutiertes Thema: Ein von Michael Gleich und Peter Felixberger herausgegebener Sammelband behandelt die „kulturelle Diversität“

mehr


Körper (Weltreport)

„Es gibt nie nur eine Geschichte“

von Carmen Eller

Die Historikerin Leyla Neyzi sammelt die Lebensgeschichten von Armeniern und Türken. Ein Gespräch über quälende Erinnerungen und einen unbequemen Forschungsgegenstand

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Thema: Islam)

Die Ersten ihres Fachs

von Heidemarie Blankenstein

Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse verdanken wir der arabischen Welt. Ein Überblick

mehr


Frauen, wie geht's? (Thema: Frauen)

Mütter und Muezzine

von Peggy Reeves Sanday

Wie Matriarchat und Islam in West-Sumatra harmonieren

mehr


High. Ein Heft über Eliten (Praxis)

Macht Kultur automatisch emphatisch?

von Eckart Liebau

Immer häufiger werden Kultur- und Kunstprojekte mit sozialen Zielsetzungen verknüpft und dafür auch gefördert. Ist das wünschenswert? Oder laufen wir Gefahr, in Diskussionen um Teilhabe und Integration den Blick für ihren eigentlichen Wert zu verlieren?

mehr