Bloggen in Iran

von Sebastian Kubitschko

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Genau 30 Jahre sind vergangen, seitdem die Islamische Revolution unter ihrem Anführer Ayatollah Khomeini die iranische Monarchie stürzte. Das Ergebnis war und ist bis heute ein politisches Hybridsystem, in dem gewählte Politiker unter der Führung des auf Lebenszeit eingesetzten Obersten Rechtsgelehrten stehen. Seit 1989 ist dies Ayatollah Khamenei. Auch Irans Medienlandschaft steht seit drei Jahrzehnten unter religiös motivierter Vormundschaft und Zensur in all ihren Formen. Oppositionelle und zum Schweigen genötigte Andersdenkende, seien es im Ausland lebende oder daheimgebliebene, melden sich nun jedoch zunehmend online zu Wort. Und wo sonst, wenn nicht auf Blogs? Schließlich steht das „log” in der heute gängigen Kurzform von Weblog für „to log in”, und ebendies ist es, was für iranische Dissidenten so anziehend ist: die Möglichkeit sich in gegenwärtige Medien- und politische Kommunikationsstrukturen einzuloggen.

Einst als narzisstische Onlinetagebücher abgetan, bilden Blogs heute weltweit eine zentrale Schnittstelle von Meinungsmache und Wissensquelle. Seit ihrer Entstehung vor rund zehn Jahren haben sie sich von individuellen Mitteilungs- zu hoch-effektiven Organisationswerkzeugen entwickelt. Zu Orten, die es ermöglichen, an der Produktion sowie Verbreitung von Ideen und Wissen teilzuhaben. Zu Kommunikationsplattformen, die eine neue politische Netzwerkerfahrung zulassen, indem sie Stimmen, die aus den Leitmedien ausgeschlossen sind, ein bisher ungekanntes Terrain öffnen.

Am deutlichsten wird diese Einflussnahme der sogenannten Blogosphäre gegenwärtig in autoritären „lower-middle-income economies”. So bezeichnet die Weltbank Staaten, die einerseits über eine ausreichende technische Infrastruktur verfügen, eine niedere Analphabeten- und eine hohe digitale Beteiligungsquote haben, in denen simultan jedoch streng regulierte Gesellschaftsstrukturen vorherrschen. Eine stark eingeschränkte Medienlandschaft geht begreiflicherweise meist mit solch einer staatlichen Diktion einher.

Der Iran erfüllt alle eben angeführten Faktoren, deshalb ist seine Bloggerszene besonders ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Die iranische Blogosphäre ist mit rund 60.000 aktiven Blogs eine der größten weltweit und die Amtssprache Farsi die vierthäufigste Blogsprache. Irans zentrale Stellung im Nahen Osten sowie im westlich-islamischen Dialog lässt viele erwartungsvoll auf die dortigen Entwicklungen schauen, und Blogs porträtieren den gesellschaftspolitischen Zeitgeist wie kaum ein anderes Medium einmal mehr besonders dort, wo große Teile der Öffentlichkeit verstummt sind.

Die iranische Autorin Nasreen Avali sagt, Blogs spiegeln unzensierte Gespräche wider, wie sie auf dem Uni-Campus zu hören sind. So ermöglichen sie einen ungekannt intimen Einblick in die Vielfalt und Zerrissenheit der iranischen Zivilgesellschaft. Wenn die iranische Blogosphäre ein Ort ist, an dem Menschen- ebenso wie Tierrechte verteidigt werden, an dem Frauen die Sittenpolizei kritisieren, Journalisten gegen Zensur kämpfen, an dem Reformer Wandel und Dissidenten Revolution proklamieren, ist sie ebenso ein Raum, in dem der Holocaust geleugnet, radikale Gruppierungen gepriesen, Krieg propagiert und gefestigte Führer ihre Weltsicht besiegeln – Präsident Mahmud Ahmadinejad ist seit 2006 mit seinem Blog www.ahmadinejad.ir online präsent.

Unausweichlich beeinflusst dieser sowohl intern wie auch extern angeregte Kulturkampf den politischen Status quo und führt zu einer verstärkten Aufspaltung der gegenwärtigen Elite. So werden neuerdings sogar Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Führungsschicht publik. Abbas Palizdars, Mitglied der iranischen Judikative, beschuldigte in einer Rede im Sommer 2008 an der Bu-Ali Sina Universität in Hamadan mehrere ranghohe klerikale Regierungsmitglieder der Korruption. Die Verbreitung von Videomitschnitten der Rede über Blogs und Internetmedien führte zu seiner umgehenden Verhaftung. Ungeschehen machen konnte dies die bis dahin beispiellose öffentliche Beschmutzung einflussreicher Kleriker trotz allem nicht. Wie komplex es ist, unliebsamen Meinungsäußerungen in einer technik-basierten Öffentlichkeit Einhalt zu gebieten, zeigt sich par excellence im Vorgehen der iranischen Behörden.

Eine bereits erwähnte Methode ist Inhaftieren. Und sie wird umfassend angewandt. Exemplarisch dafür steht der iranische Pionierblogger Hossein ‚Hoder’ Derekhshan, der seit November 2008 in Gefangenschaft ist. Festnahmen können allerdings auch unerwünschte Nebenwirkungen mit sich führen. Sina Motalebi wurde am 20. April 2003 als weltweit erster Blogger inhaftiert. Aufgrund umfassender internationaler, maßgeblich online stattfindender Proteste wurde er nach 23 Tage wieder freigelassen. Er beantragte daraufhin Asyl in den Niederlanden und machte sowohl auf seinem persönlichen Blog als auch im Rahmen einer Pressekonferenz von Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen seine Erfahrungen publik. Heute arbeitet er für die BBC Persia, eine Abteilung des britischen Nachrichtensenders, deren aus London übertragenes Satellitenprogramm wegen des Lizenzverbots iranischer Behörden größtenteils auf Berichten von iranischen Bloggern basiert.

Blockieren ist eine zusätzliche Strategie. Obwohl die offizielle Angabe von fünf Millionen gesperrten Webseiten und Blogs in Expertenkreisen als Wunschdenken gilt, nimmt das Stilllegen zentraler Seiten stark zu. Neben Seiten wie „Farda News“, „Haftan“ und „Parsine“, die mit Teherans Bürgermeister und Ahmadinejads politischem Rivalen Mohammed Baqer Qalibaf sympathisieren, sind seit Ende Januar 2009 auch die Internetauftritte der „Deutschen Welle“, von „Radio France Internationale“ sowie der des Satellitensenders „Al-Arabiya“ innerhalb Irans nicht mehr auf Farsi aufrufbar. Für Blogs gestaltet sich das Ganze jedoch etwas schwieriger, nicht nur aufgrund des steten Wandels und der enormen Anzahl an aktiven Blogs, sondern auch weil sich die meisten Blogger anonym engagieren, Überlistungssoftware benutzen oder über Nebenwege wie die BBC ihre Meldungen verbreiten. Zudem wird in absehbarer Zeit die nächste Stufe des Bloggens, das sogenannte mobblogging, den Iran erreichen – Blogger die von internetfähigen Handys aus schreiben, sind noch mühsamer zu stören.

Ein weiterer Versuch, der sich ausbreitenden Blogosphäre Herr zu werden, ist, sich selbst in Szene zu setzen. Im November letzten Jahres kündigte die Iranische Revolutionsgarde an, die paramilitärische Basij werde 10.000 eigene Blogs initiieren. Die Verwendung sozialer Online-Netzwerke von Streitkräften ist dabei keineswegs neuartig – Länder wie die USA und Sri Lanka veröffentlichen seit Langem militärische Blogs und Videoserien. Herausstechend an dem Vorhaben der Revolutionsgarde ist die bisher ungekannte Quantität sowie dessen Timing. Am 12. Juni 2009 ist Präsidentschaftswahl. Bei den letzten Wahlen im Jahr 2005 wurde der Wahlkampf noch überwiegend im Fernsehen, im Radio, auf Plakaten und auf Redeveranstaltungen geführt. Dieses Mal werden das Internet als Medium und Blogs als sein derzeitig wirksamstes Werkzeug einen großen Anteil am Wahlsieg des jeweiligen Kandidaten haben: Iran einmal ganz amerikanisch.

Es ist bisher nicht auszumachen, welche Stimmen aus der zerrissenen iranischen Bloggerszene den größeren Einfluss haben werden. Aktuelle Zahlen des Berkman Center for Internet and Society an der Harvar University bestätigen jedoch, dass im Laufe des letzten Jahres die konservativ-religiösen Blogs deutlich an Vorsprung gewonnen haben. Ob das Internet in Iran zu politischem Wandel beitragen kann und wie viel digitale Freiheit der Staat zulässt, ohne seine Gesellschaftsordnung untergraben zu sehen, wird sich vielleicht schon in diesem Frühsommer entscheiden.

Eine Auswahl interessanter iranischer Blogs:
 
 http://www.iraniansblogs.com/
 „A directory of Iranians’ English Language blogs”. Übersicht iranischer Blogs aus dem In- und Ausland, zusammengestellt von Fariborz Shamshiri, Herausgeber des Blogs www.rottengods.com.
 
 http://photoblogs.ir/
 Ein Fotografieblog, von Subkultur über Alltags- bis Landschaftsaufnahmen. Ungewöhnliche visuelle Einblicke in den iranischen Alltag und die Arbeiten iranischer Fotografen.
 
 http://irannewsblog.blogspot.com/
 Eine aktuelle Sammlung der globalen Medienberichterstattung über Iran.
 
 http://globalvoicesonline.org/-/world/middle-east-north-africa/iran/
 Die iranische Seite des 2005 vom Berkman Center for Internet and Society an der Harvard University gegründeten Blogs, der heute 150 ehrenamtliche Autoren und Übersetzer und mehr als 20 Herausgeber umfasst.
 
 http://www.thememriblog.org/iran
 Ein regierungsnaher Blog, der tagesaktuelle politische Nachrichten verbreitet.
 
 http://omidmemarian.com/
 Blog des aus Iran stammenden Journalisten Omid Memarian, der zurzeit World Peace Fellow an der Gra­duate School of Journalism der University of California, Berkeley, ist. Der Blog beinhaltet eine Reihe veröffentlicher Artikel und Interviews sowie Videos und Fotoserien.



Ähnliche Artikel

Toleranz und ihre Grenzen (Hochschule)

„Wahre Geschichten erzählen“

ein Gespräch mit Lutz Mahlerwein

Mit dem wirschaftlichen Aufschwung in China werden die gesellschaftlichen Freiräume größer, auch im Journalismus. Lutz Mahlerwein unterrichtet an der Communication University of China Fernsehdokumentation

mehr


Unterwegs. Wie wir reisen (Was anderswo ganz anders ist)

Was die Zahl 7 im Iran bedeutet

von Ramin Shaghaghi

Die Sieben symbolisierte in vorislamischer Zeit (bis etwa zur Mitte des 7. Jahrhunderts) die Vollkommenheit

mehr


Menschen von morgen (Thema: Jugendliche)

Das Leben ist kein Witz

von Jihad Kifayeh

Jihad Kifayeh aus New York besucht die High School und versorgt seine Familie. Seit dem 11. September 2001 hat sich sein Leben verändert

mehr


Ich und die Technik (Bücher)

„Man muss den Islam nicht reformieren!“

ein Interview mit Najat El Hachmi

Die katalanische Schriftstellerin Najat El-Hachmi über „Reformiert euch!“, das neue Buch von Ayaan Hirsi Ali, Glaubensvielfalt und Religionskritik

mehr


Ich und die Technik (Thema: Technik )

Durchs Netz geschlüpft

von Yunchao Wen

Die chinesischen Behörden überwachen das Internet sytematisch. Wie man es trotzdem schafft, sie auszutricksen

mehr


Iraner erzählen von Iran (Thema: Iran)

Eine Frage des Vertrauens

von Kayhan Barzegar

Gibt es eine Chance, das Kräftemessen zwischen Iran und dem Westen zu beenden? 

mehr