Gefillte Fisch sucht Fahrrad

von Nadja Cornelius

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Elvis dröhnt in die Nacht. Männer mit schwarzen Hüten wirbeln verschleierte Bräute über die Tanzfläche. Eine von ihnen ist Maria, eine junge Jüdin aus der lettischen Hauptstadt Riga, die hofft, hier einen jüdischen Lebenspartner zu finden. „Meine Eltern haben zwar die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich ihnen davon erzählte, aber ich wollte unbedingt hierher kommen“, erzählt die 24-jährige Studentin etwas verlegen.

Seit fünf Jahren feiern jüdische Singles zwischen 18 und 35 Jahren 80 Kilometer von Riga entfernt alljährlich im Sommer das „Fest der Liebe“. Die Teilnehmer müssen zwei Bedingungen erfüllen: Familienstand „ledig“ und Abstammung „jüdisch“. „Wir kontrollieren das sehr genau“, sagt Viktoria Gubatowa, Organisatorin und Leiterin des Gemeindezentrums „Alef“ in Riga, denn unangenehme Überraschungen will sie vermeiden. Nicht ohne Grund. Gemischtreligiöse Partnerschaften seien in jüdischen Kreisen nicht sehr beliebt. Einmal habe sich eine junge Frau als Jüdin ausgegeben. Kurz vor der Hochzeit mit einem der Teilnehmer entpuppte sich die „falsche Braut“ jedoch als Nicht-Jüdin. Das war ein familiärer Skandal, erinnert sich Gubatowa.

24 jüdische Frauen und 25 jüdische Männer sind dieses Jahr angereist, die meisten aus Lettland, drei aus Estland, zwölf leben in Moskau. „Die jungen Leute heute haben neben Ausbildung und Karriere kaum noch Zeit, jüdische Freunde und Lebenspartner zu finden“, weiß Gubatowa. Die Idee für das Fest kam ihr durch ihre Diplomarbeit, in der sie die Ursprünge einer alten jüdischen Tradition, des Tubiav-Fests, eines ursprünglich heidnischen Fests, erforscht hat. „Die Moskauer kennen wir noch nicht“, sagt Maria und mustert verstohlen die Unbekannten, die sich am Donnerstag-nachmittag vor dem jüdischen Gemeindehaus in Riga versammelt haben. Von dort fährt ein Bus die Gruppe nach Cesis in ein großes, im Sowjetstil erbautes Hotel, etwas außerhalb von Riga. Abends treffen sich die jungen Leute in der Cafeteria. Getuschte Wimpern, rote Lippen und hautenge Jeans – die Mädchen haben sich rausgeputzt. Aufgeregtes Geplapper überall. Aber der Wein lockert bald die Stimmung, Blicke treffen sich, ein Lächeln.

Der Freitag beginnt mit lockerem Kennenlernen. Nach einem gemeinsamen Sabbatdinner versammeln sich alle draußen um ein großes Lagerfeuer. Am nächsten Tag stehen Workshops wie „Jüdische Ehe und Familienplanung“ auf dem Programm. Die Teilnehmer werden nach Geschlechtern in zwei Gruppen aufgeteilt. Ein Rabbi ist für die jungen Männer zuständig, dessen Ehefrau kümmert sich um die Mädchen. Darüber „wie man ein erfülltes jüdisches Familienleben gestaltet“ diskutieren alle. Und sie sind sich einig: Ein wahrhaftes Einvernehmen zwischen einem Paar könne sich nur entwickeln, wenn die Basis stimmt und beide jüdisch sind. Viele hatten schon einmal einen nichtjüdischen Partner. Doch da fehlte die gemeinsame Wurzel, erzählt Maria, und deshalb suche sie nun einen Heiratskandidaten, der mit ihr gemeinsam die jüdische Tradition pflegt. Für niemanden komme eine Mischehe infrage. Inwieweit jüdische Riten gepflegt werden, ist aber offenbar Privatsache. So erzählt Maria von einem befreundeten jungen Ehepaar, das zwar Sabbat halte, Pessach feiere und in der Thora lese, auf koscheres Essen jedoch verzichte. Das orthodoxe Verbot vorehelichen Geschlechtsverkehrs steht im Seminar nicht im Vordergrund. Den jungen Teilnehmern geht es darum, den richtigen Partner für das Leben zu finden.

Der Samstagabend beginnt abermals mit einem gemeinsamen Sabbatmahl. Nach mehreren Gläsern Wein ziehen sich die Mädchen aus dem Speisesaal zurück. Im Nebenraum schlüpfen sie in Brautkostüme, die sie provisorisch am Nachmittag selbst genäht haben. Gegenseitig helfen sie sich beim Anziehen, Verhüllen, Schminken, Frisieren. Gleich soll ein einstudierter traditioneller jüdischer Tanz aufgeführt werden. Im Tanzsaal stehen die jungen Männer mit schwarzen Hüten bereits in Reih und Glied. Dann ist plötzlich Stille. Das Licht wird gedimmt, Klezmermusik tönt aus den Lautsprechern. In ihren Brautkleidern tänzeln die jungen Frauen auf die Bühne. Den Männern gegenüber bleiben sie stehen. Die müssen sich in die Herzen der Damen singen. Heimliche Blicke werden getauscht. Bald löst sich die Tanzgruppe auf, und Paare drehen sich übers Parkett. Bislang war der Erfolg groß: „17 Hochzeiten haben wir schon zu verzeichnen!“, erzählt Gubatowa stolz.



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