Guter Rat wird teuer

von Aijaz Zaka Syed

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Der aktuelle Wirtschaftskollaps könnte sich als die schwerste Finanzkrise aller Zeiten herausstellen. Schwerer sogar als die Weltwirtschaftskrise von 1929. Ausnahmsweise ist dem Kolumnisten der New York Times, Thomas L. Friedman, beizupflichten – die Welt ist tatsächlich flach. Ob die aufsteigenden Akteure Indien und China oder die etablierten Global Player USA und Europa: Niemand hat das Gemetzel an der Wall Street unversehrt überstanden.

Auch die arabischen Golfstaaten haben eine Tracht Prügel eingesteckt, der architektonische Rausch Dubais ist ein wenig verklungen. Doch konnte die Region den völligen Kollaps abwehren, der anderen Ländern widerfahren ist, weil die Golfstaaten glücklicher– oder bedauerlicherweise nicht vollkommen in das globale Finanzsystem integriert sind. Araber klopfen sich jedenfalls gegenseitig auf den Rücken, weil sie ihre Vermögen auf konstantem Kurs durch die Krise managen konnten. Zwar fielen quasi über Nacht die Anlagewerte vom Golf an europäischen und US-Märkten rasant, doch das ist nicht ernsthaft bedrohlich. Gerettet haben die Araber Investitionen in den eigenen Ländern sowie der Geldregen aufgrund der hohen Ölpreise des letzten Jahres.

Viele im Nahen Osten sehen daher mit Freude, dass die Anpacker und Macher aus dem Westen, vom britischen Premierminister Gordon Brown bis zum französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, nun um arabisches Geld Schlange stehen. Der jüngste Besuch von Premierminister Brown in Saudi-Arabien ist angesichts der Erinnerung an das britische Empire, über dem die Sonne nie unterging, das noch unlängst die Welt beherrschte und den Nahen Osten kontrollierte, besonders ernüchternd. Was für eine erstaunliche Wendung! Mancher Experte prophezeite zwar schon vor einiger Zeit die nahende Verschiebung von Macht und Reichtum aus dem Westen in den Osten. Dass sich die Lage jedoch so rasch ändert, hatte niemand erwartet.

Was also sollten die Araber tun? Natürlich sollten sie alles unternehmen, um zu helfen. Aber Finanzhilfe ist an Bedingungen gebunden, das haben wir von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gelernt. Die Meinungsmacher in der Region plädieren daher dafür, die Investitionen und Hilfsgelder an eine größere arabische Rolle in den internationalen Institutionen und Gremien zu koppeln. Gemeint sind neben den genannten auch die Vereinten Nationen. Die arabischen Staatsmänner werden angemahnt, dem Westen ihr Geld nur zur Verfügung zu stellen, wenn das anhaltende Unrecht und die Ausbeutung der Region unterbunden werden: Zug um Zug erwartet Arabien für seine finanzielle Unterstützung von den westlichen Mächten, Israel zur Beendigung des Leids in den palästinensischen Gebieten zu bewegen.

Viel zu lange haben Araber und Muslime geklagt, dass der Westen Israel beschütze, während Israel die Palästinenser zu Gefangenen im eigenen Land mache. Die Geschichte der Vereinten Nationen ist voller Resolutionen, die auf Frieden und die Gründung eines Palästinenserstaats drängen, aber Israel hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten diese Ziele mit Füßen getreten.

Wut und Hilflosigkeit angesichts des israelischen Vorgehens und der offenkundigen Gleichgültigkeit der Weltmächte waren es, die 1973 den verstorbenen König Faisal von Saudi-Arabien und andere arabische Staatsmänner zum berüchtigten Öl-Embargo während des arabisch-israelischen Krieges trieben. Das Embargo brachte die Zahnräder der amerikanischen und anderer Wirtschaften knirschend zum Stillstand und bewies auf diese Art beeindruckend die Macht, welche die Natur den Arabern zur Verfügung gestellt hat. Auch im jüngsten 22-tägigen Krieg gegen Gaza wurden wiederholt Rufe laut, die den Einsatz der sogenannten „Ölwaffe“ forderten, um Israel zu stoppen.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die Araber diese „Waffe“ noch einmal einsetzen werden. Heute haben sie andere Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen, nicht nur in der Palästina-Frage. Selbst ein Laie merkt, dass wir durch die aktuelle Finanzkrise im Moment eine exponentielle Machtverschiebung erleben. Die Araber sind in der einmaligen Lage, diesen Umsturz zu leiten, daran teilzuhaben. Die arabischen Staaten müssen ihre Geldmittel strategisch in Bereiche investieren, die ihnen zu einem Mitspracherecht im Weltgeschehen verhelfen. Die Zeit ist reif.

Bei den Gesprächen in Riad und Abu Dhabi warf Gordon Brown schon einen Köder aus: Sitze für die arabischen Staaten im Internationalen Währungsfonds als Gegenleistung für Finanzhilfe. Aber warum bloß der Internationale Währungsfonds? Warum nicht auch die Weltbank? Wie sieht es mit den anderen Weltgremien und Institutionen aus, die das arabische Schicksal so lange bestimmt haben? Vielleicht kommt jetzt die beste Chance der Araber, ihr Los zu ändern.

Aus dem Englischen von Corinna Morell



Ähnliche Artikel

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Bücher)

Das Alphabet ihres Lebens

von Insa Wilke

Die in Marokko geborene Katalanin Najat El Hachmi verabschiedet sich in ihrem Roman auf provozierende Weise von den Traditionen ihrer Vorfahren

mehr


Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Thema: Erfindungen)

Der 3D-Drucker

von Dale Dougherty

Die Renaissance der Produktion vor Ort: Wie wir zu digitalen Handwerkern werden

mehr


Körper (Pressespiegel)

Unverschleiert

In Frankreich hat eine Parlamentskommission ein Burka-Verbot vorgeschlagen

mehr


Brasilien: alles drin (Die Welt von morgen)

Vorbeterinnen

Eine Kurznachricht aus Mauretanien

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

Sortenvielfalt speichern

von Anantha Sayanan

Wie in Indien Blogger alte Saatgüter bewahren und gegen die Verwendung von Gen-Soja protestieren

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Thema: Islam)

„Wir kommen zu schnell zur Sache“

ein Gespräch mit Sylvia Ortlieb

Die Kulturtrainerin Sylvia Ortlieb bereitet deutsche Geschäftsleute auf die arabische Welt vor

mehr