Was Worte nicht sagen können

Loay Mudhoon

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Als künstlerisches und populäres Ausdrucksmittel spielen Karikaturen in der dynamischen arabischen Medienlandschaft heute eine äußerst wichtige Rolle. In den überwiegend autoritär regierten arabischen Staaten werden sowohl rein politische als auch gesellschaftskritische Karikaturen hoch geschätzt. Das dürfte unter anderem daran liegen, dass sie – fast ohne Worte – beißende Kritik an den herrschenden Verhältnissen in der islamischen Welt ermöglichen. Fast jede angesehene arabische Zeitung hat einen festen Platz für die Karikatur des Tages, meistens auf der Meinungsseite. Populäre Karikaturisten tragen entscheidend zur Reputation eines Mediums im arabischen Raum bei. Auch im Bereich der Online-Medien gehören inzwischen Karikaturen zum integralen Bestandteil redaktioneller Angebote. So bieten die Neuen Medien den Lesern die Möglichkeiten der Kommentierung von Karikaturen diese wird beispielweise auf der Internetseite des populären jordanischen Karikaturisten Emad Hajjaj (www.mahjoob.com) rege genutzt und fungiert auf diesem Wege als eine Art Seismograf arabischer Empfindlichkeiten. Die meisten in den arabischen Medien veröffentlichten Karikaturen sind fast immer zwangsläufig politisch, denn sie thematisieren die Sorgen der „schweigenden Mehrheit“ der Araber. Die Karikaturen machen die Hilflosigkeit der Menschen gegenüber der Allmacht staatlicher Repressionen und ihre Wut über die alltägliche Entmündigung bildlich. Konkret kreisen die Themen der Arbeiten bekannter Karikaturisten um Unterdrückung im Alltag, Entrechtung und den Verlust der Meinungsfreiheit. In erster Linie richten sie sich gegen die herrschenden Machteliten, staat­liche Gängelung und Militarisierung zivilen Lebens. „Karikaturen in der arabischen Welt können sagen, was Worte nicht ausdrücken können“, sagte einmal der syrische Karikaturist Ali Farazat, der für transarabische Zeitungen in London und in der Golfregion arbeitete. Die großen gesellschaftlichen Tabus bleiben auch für arabische Karikaturisten gültig: Unmittelbare und offene Debatten über Sexualität und Zweifel an den „Konstanten“ religiöser Autoritäten, insbesondere der Person des Propheten Mohammed.



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