Aus fremden Töpfen

Sinan Antoon

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Wir leben im Zeitalter der Grenzen schlechthin. Viele Grenzen werden in einem noch nie da gewesenen Tempo eingerissen, verlieren an Bedeutung – oder aufgrund neuer Technologien und Medien sogar jede Relevanz. Doch neue Arten von Grenzen, mal sichtbar, mal unsichtbar, werden errichtet oder kontrolliert, um andere draußen zu halten. Ideen und kulturelle Güter waren schon immer einfacher zu bewegen als die Menschen, deren Kulturen oder Gesellschaften diese Waren hervorbringen. Die realen Grenzen zwischen Europa und seinen Nachbarn sind Konfliktherde, vor allem die zu jenen Nachbarn, die unter den Begriff der islamisch-arabischen Welt fallen. 

 Kulturelle Grenzen sind nicht weniger imaginär als politische und es hat schon immer mehr Brücken als Gräben gegeben. Wenn wir uns an diese Momente der gegenseitigen Beeinflussung erinnern, kann uns das in Zeiten der Konfrontation zur Vernunft bringen und bei der Überprüfung unserer Vorstellungen über Grenzen oder kulturelle Reinheit und Authentizität helfen.


 Das mittelalterliche Andalusien wird oft als ein Ort beziehungsweise eine Zeit des fruchtbaren und lebendigen Austauschs zwischen europäischen und arabisch-islamischen Kulturen bezeichnet. Zahlreiche Übersetzungen vom Arabischen ins Lateinische oder in andere Sprachen haben zur Vermittlung philosophischer Ideen beigetragen, welche die Araber von den Griechen übernommen hatten. Aber auch literarische Formen und Werke, deren Einfluss maßgeblich dafür war, Andalusien zu einem einzigartigen kulturellen Laboratorium zu machen, fanden so Verbreitung. Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Maria Rosa Menocal hat untersucht, wie stark die arabische Dichtung auf die Poesie in romanischen Sprachen gewirkt hat. Die Ideen und Werke des spanisch-muslimischen Philosophen Averroes, der von der islamischen Orthodoxie nach Nordafrika verbannt wurde, haben die Vorstellung von der Trennung zwischen Glauben und Vernunft beeinflusst und damit die Entwicklung der Philosophie in Europa. Das „Sendschreiben über die Vergebung“ von al-Ma’arri, der im 10. Jahrhundert in Syrien lebte, erzählt von einem imaginären Besuch im Himmel und in der Hölle und von all den Dichtern, die dort leben. Ins Lateinische übersetzt, hat der Text später Dante bei seiner Göttlichen Komödie inspiriert. Die Anfänge der pikaresken Erzählung, die Vorgänger dessen, was ab Cervantes zum modernen Roman werden sollte, liegen in der Makame, einer Gattung der arabischen Prosa mit schurkischen Antihelden und ihren Abenteuern. Das sind nur ein paar plastische Beispiele für den Austausch und die wechselseitige Beeinflussung in der Vergangenheit man könnte noch viele andere hinzufügen.


 Auf al Andaluz und die Zeit der Abbasiden, als Bagdad im 8. Jahrhundert eines der weltweit wichtigsten Kulturzentren war, bezogen sich arabische Intellektuelle und Schriftsteller im späten 19. Jahrhundert im Rahmen der Nahda (Wiedererwachen), einer Art Renaissance im arabischen Osten. Die kapitalistisch befeuerte Verbreitung von Druckerzeugnissen schuf neue Räume für Kommunikation und Diskussionen über neue Identitäten und Horizonte. Es war eine Zeit der regen kulturellen Tätigkeit, vieler Publikationen und Debatten. Zahlreiche kanonische Werke der vormodernen arabischen Dichtung und Literatur wurden in Kairo und Beirut redigiert und veröffentlicht. Neue Wörterbücher wurden zusammengestellt und ein modernes, standardisiertes Arabisch mit neuen Begriffen, die zum Zeitalter passten, entwickelte sich. Auch eine größere Leserschaft und mehr Übersetzungen trugen zur Verbreitung europäischer Werke und Ideen bei. Sowohl im politischen wie im kulturellen Bereich gab es die verschiedensten Auffassungen über den Nutzen und Einfluss westlicher und europäischer Vorstellungen und Formen – von Begeisterung bis zu Aufrufen, an der Tradition festzuhalten und seine Authentizität zu bewahren.


 Die Dichtung hat in der arabischen Kultur immer einen sehr hohen Stellenwert gehabt. Sie baut auf einer reichen und wertvollen Tradition auf, die 14 Jahrhunderte zurückreicht, und hat sich als die intensivste und populärste literarische Form erhalten. Sie ist eng verbunden mit dem kollektiven Gedächtnis und dem gesellschaftlichen Leben. Moderne Dichter sahen sich vor die große Herausforderung gestellt, auf neue Realitäten zu reagieren, und das mit neuen Formen und Herangehensweisen, da die alten nicht mehr geeignet waren. Zugleich mussten sie die Verbindung zu den kulturellen Wurzeln aufrechterhalten.


 So war einer der ersten großen Trends im Umgang mit neuen Realitäten der Versuch, klassische Genres und Formen um ein paar kleinere Innovationen zu ergänzen. Dichter wie Ahmad Shawqi (1868-1932) in Ägypten und al-Rusafi (1875-1945) im Irak wurden zu Vertretern der neoklassischen Schule moderner arabischer Poesie. Die neoklassische Ära fiel mit der Zeit des Kolonialismus zusammen, der Besatzung und der Herrschaft europäischer Mächte über die arabische Welt. Die Dichtung musste als Mittel und als Forum eines antikolonialistischen Kampfes dienen und sollte die Stimme eines sich entwickelnden Nationalismus sein. Eine direkte Auseinandersetzung mit europäischer Dichtung förderten die Mitglieder der „Apollo -Gruppe“, die, 1932 in Ägypten gegründet und nach dem griechischen Gott benannt, eine gleichnamige Zeitschrift herausgaben. Obwohl nur kurzlebig, hatte die Gruppe mit ihren Übersetzungen, der Verwendung mythologischer Elemente, den Formexperimenten und dem Durchbrechen der Einförmigkeit des traditionellen Gedichts, das durchgängig im Monoreim und Monorhythmus verfasst war, eine unverhältnismäßig große Wirkung auf literarische Entwicklungen in der arabischsprachigen Welt. Die Gruppe schöpfte aus der europäischen Romantik, der Dichter sollte verstärkt zu seiner eigenen, persönlichen Stimme finden. Die dichterische Sprache war weniger hochtrabend als jene der neoklassischen Poeten. Ähnliche Forderungen nach Innovationen erhoben die eingewanderten arabischen Dichter und Schriftsteller in Nord- und Südamerika. Sie wurden als die literarische Bewegung „Mahjar“ bekannt und gründeten die „Pen League“ in New York. Ihre Protagonisten waren Khalil Gibran (1883-1931) und Mikha’il Nu’ayma (1889-1998). Für sie stellten Entwicklungen in der amerikanischen Dichtung, insbesondere durch Walt Whitman (1819-1892), eine Bereicherung dar.


 Die vielen Experimente und Neuerungen in der arabischen Welt und im Exil, bessere Bildungschancen und der Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen in der Zwischenkriegszeit, aber auch die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs haben zu einer Radikalisierung der arabischen Dichtung geführt. Inspiriert durch die Lektüre englischer und amerikanischer Dichtung und überzeugt von der Notwendigkeit, nach neuen Visionen zu suchen, gründeten Dichter wie der Iraker Badr Shakir al-Sayyab (1926-1964) und Nazik al-Mala’ikah (1922-2007) 1947 eine Bewegung der arabischen Poesie, die unter dem Namen „Shi’r al-Hurr“ (Freie Dichtung) bekannt wurde. In enger Auseinandersetzung mit den Neuerungen der englischen und französischen Dichtung begannen sie, verschiedene Metren und Rhythmen in einem Gedicht zu verwenden. Al-Sayyabs and al-Mala’ikahs Texte hatten eine immense Wirkung auf die Dichtung der folgenden Jahrzehnte. Der Einfluss und die Inspiration bezog sich nicht nur auf die Form, sondern auch auf den Inhalt, den Ton und die Themen.


 Wenn die englischsprachige Dichtung die Shi’r al-Hurr-Bewegung inspiriert hat, dann hatte die französischsprachige großen Einfluss auf die Geburt des arabischen Prosagedichtes, das heute die vorherrschende poetische Form in der arabischen Welt ist. Sie bedeutete einen radikalen Bruch mit den Traditionen des Metrums und der Reime insgesamt, aber auch die Suche nach einer neuen Einstellung der Dichterinnen und Dichter zur Vergangenheit, Sprache und Gesellschaft. Das wichtigste Forum der Prosadichtung war die einflussreiche Zeitschrift Shi’r (Dichtung), gegründet 1957 von den syrischen Poeten Yusif al-Khal (1917-1987) und Adonis (geboren 1930). 


 Adonis ist einer der wichtigsten Dichter der Moderne und versuchte sich auch als Theoretiker der Prosadichtung. Die Shi’r-Gruppe propagierte einen vollständigen Bruch mit der arabischen Tradition und dem Erbe der Vergangenheit. Manche ihrer Mitglieder waren unkritisch und etwas naiv in ihrer Umarmung all dessen, was aus dem Westen kam. Diese Einstellung war politisch sehr umstritten, vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren, als westliche Regierungen konservative und repressive arabische Regime unterstützten und gesellschaftlich progressive wie das Ägypten unter Nassers dämonisierten und angriffen. 


 In den letzten Jahrzehnten haben sich arabische Dichter noch stärker auf eine Auseinandersetzung und einen Dialog mit der Dichtung der Welt, vor allem der europäischen, eingelassen. Aktuellere, bessere Übersetzungen und das Internet haben neue Horizonte eröffnet. Heute empfinden arabische Dichter Rilke, Baudelaire, Rimbaud, Lorca und Eluard als Teil ihres eigenen, globalen Erbes. In der Welt der Kultur ist die Interaktion ganz normal und ein natürliches Bedürfnis. Leider kann man dasselbe nicht über die Art und Weise behaupten, in der Dichtung aus der arabischen Welt in Europa und Amerika aufgenommen wird. Zwar gibt es ein paar Übersetzungen ausgewählter Namen. Aber was übersetzt wird, ist oft eher dazu geeignet, Stereotypen und Konstruktionen über „den Osten“ und „den Westen“ zu untermauern und so die Illusion aufrecht zu erhalten, dass es wesentliche Unterschiede gäbe zwischen dem, was europäisch ist, und was nicht.
 

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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