Die Ersten ihres Fachs

Heidemarie Blankenstein

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Das Streben nach Wissen ist Pflicht für jeden Muslim, heißt es beim Propheten. Möglicherweise erklären sich daraus die zahlreichen wissenschaftlichen Leistungen der arabischen Welt. Schon im frühen Mittelalter reisten die arabischen Gelehrten durch die Welt und bedienten sich des Wissens arabischer Kartografen. Der „Atlas der islamischen Welt“ bestand aus 21 Landkarten und drei Karten der Meere. Nord und Süd waren verdreht, denn man glaubte, allein der muslimische Weltteil, der bis nach China reichte, sei besiedelt. Exzellente Zeugnisse arabischer Baukunst finden sich von Alexandria über Basra bis Samarkand. Bagdad, 762 als Hauptstadt des abbasidischen Kalifats prächtig ausgebaut, gilt architektonisch als die ideale Stadt: Palast und Moschee waren von mehreren Ringen umgeben. Man begab sich durch vier verschiedene Portale ins Zentrum. 786 öffnete das erste Hospital in Bagdad. Jede islamische Stadt hatte damals ein Krankenhaus. Ungeachtet von Herkunft oder Religion wurden alle behandelt. Ärzte wurden ausgebildet, und Genesenden und Verwundeten wurde Asyl gewährt, die sich in den Gärten der Hospitäler erholten. Während es im Mittelalter in Europa aus religiösen Gründen ehrenrührig war, einen menschlichen Körper zu öffnen, versuchten arabische Ärzte bereits die ersten Luftröhrenschnitte unter kontrollierter Narkose. Der 1288 geborene Ägypter Ibn Al-Nahfis, Direktor der Hospitäler von Kairo und Nasri, entdeckte als Erster den Lungenkreislauf, den mit Sauerstoff angereicherten Weg des Bluts. Dasselbe gelang in Europa erst 1628 dem Engländer William Harvey. Erste Pocken- und Masern-Diagnosen mit entsprechenden Therapievorschlägen finden sich in den medizinischen Werken von Abu Bakr Al-Razi, der Ende des 9. Jahrhunderts das Hospital von Bagdad leitete. Der 1126 in Cordoba geborene Ibn Ruschd, bekannt als Averroes, schrieb ein medizinisches Kompendium aus sieben Teilen: Anatomie, Pathologie, Diagnose, Therapie, Hygiene, Ernährung und Diät. Abu Imran ibn Maymun (1135-1204), Leibarzt des Sultans Saladin und wichtigster Denker des mittelalterlichen Judentums, schrieb seine medizinischen und philosophischen Hauptwerke auf Arabisch. „Mäßigung in allem“, empfiehlt er und erklärt: „Medikamente unterstützen lediglich den Körper, damit er sein Gleichgewicht wieder erlange.“ Die Arzneikunde war im 13. Jahrhundert so umfangreich, dass der Botaniker Ibn Al-Baitar aus Malaga mehr als 1.400 pflanzliche Rezepturen und verschiedene Drogen anzuwenden wusste. 


 Der Handel mit Europa war eine Triebfeder der Entwicklung. So entstanden im 9. Jahrhundert erste Präzisionswaagen, und der in Usbekistan geborene Mathematiker Al Hworithmi verfasste eine Dezimalaufgabensammlung zur Anleitung für Händler und Notare. Nach ihm wurde der Algorithmus benannt. Im 13. Jahrhundert trennte sich Europa von der komplizierten römischen Zählweise und führte die arabischen Zahlen ein. Eng verbunden mit der Mathematik war die Astronomie. Erkenntnisse verschiedener Astronomen dienten der Astrologie, der Bestimmung der Gebetszeit, der Ausrichtung nach Mekka und der Wahrnehmung des Neumondes. Viele arabische Wissenschaftler dieser Zeit fanden die antiken Thesen des Ptolemäus widersprüchlich und behaupteten schon im 11. Jahrhundert, dass die Erde eine Kugel sei. Ihre Winkelmesser, Quadranten und Sextanten wurden später in Europa übernommen. 


 Der Koran verspricht den Gläubigen den Garten des Paradieses. Daraus erklärt sich die Stärke der Araber bei der Bodenkultivierung und Landschaftsgestaltung, der Bewässerung, der Einführung von Früchten und Pflanzen. Zur Lebensart der arabischen Welt gehörten auch Musik und Poesie. Gitarre, Mandoline und Laute stammen aus dem mittelalterlichen Kulturexport. Der über Nordafrika und Spanien nach Frankreich gelangte Troubadour-Gesang beeinflusste die mittelhochdeutsche Minne genauso wie orientalische Märchen die europäische Literatur. 


 Zahlreiche wissenschaftliche Handschriften wurden vernichtet, als die Mongolen im 14. Jahrhundert Bagdad brutal zerstörten, und auch, als die katholischen Könige Ferdinand und Isabella Granada 1492 mit Feuer und Schwert eroberten. Trotzdem hat sich ein beachtlicher Wissens- und Wortschatz arabischer Herkunft erhalten, der heute als organischer Bestandteil unserer westlichen Sprachen empfunden wird.


 „Lange hatte Europa an einem Unterlegenheitsgefühl gegenüber der islamischen Welt gelitten“, schreibt heute der britische Orientalist W. Montgomery Watt. „Europa konnte sich nur davon befreien, indem es das Bild des Islams entstellte und zugleich den arabischen Umweg verleugnete, auf dem es einen großen Teil seines antiken Erbes empfangen hatte. [...] Es gehört zu den aufregendsten neueren Erkenntnissen der westlichen Orientalistik, dass der Anteil des Islam am westlichen Selbstverständnis weit größer ist als bisher angenommen.“



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