Schätze des Wissens

von Shihab Ghanem

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


In der Sure Al-Hudjurat, Vers 13, sagt Gott, der Erhabene: „O ihr Menschen, wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget.“ Wenn Gott uns als Völker und Stämme erschaffen hat, auf dass wir ei­nander erkennen, so erfordert dies die Kontaktaufnahme und Verständigung, was wiederum nur durch das Mittel der Sprache möglich ist. Um einander kennenzulernen, muss die eine Seite wissen, wie die andere denkt. Um die Deutschen zu verstehen, muss man als Araber die deutsche Denkweise, Kultur und Zivilisation verstehen. Wirklich erfolgreich wird man darin nur sein, wenn man auch die deutsche Sprache beherrscht. Gleiches gilt natürlich auch für den Deutschen, der die Araber kennenlernen will.

Statistiken belegen, dass wir im Vergleich mit den westlichen Nationen nur wenig Übersetzungen vorweisen können. Allerdings ist auch die Zahl der Bücher, die wir veröffentlichen und die die arabische Nation liest, gering, verglichen mit dem, was im Westen verlegt und gelesen wird. Das erste Wort der göttlichen Offenbarung an den Propheten Mohammed, überbracht vom Erzengel Gabriel, lautet: „Lies“. Man könnte aber sagen, die einst von Gott zum Lesen aufgeforderte Nation liest nicht.

Auf den Buchmessen frage ich die Verleger häufig nach ihren Verkaufszahlen und welche Bücher am besten gehen. Anscheinend sind es Kochbücher, Bücher über Traumdeutung, leichte Bücher über Religion, ein paar Kurzgeschichtensammlungen und Romane, vielleicht noch einige Politiksachbücher, die brandaktuelle Themen behandeln. Ich freue mich immer, wenn sie hinzufügen, auch Kinderbücher ließen sich verkaufen. Bei den ins Arabische übersetzten Büchern handelt es sich meist um Romane, deren Autoren mit Preisen ausgezeichnet wurden, oder spannende Politiksachbücher oder andere Sachbücher, die sich mit aktuellen Themen befassen.
Was den Westen angeht, so sind die Bereiche, in denen die meisten Übersetzungen aus dem Arabischen angefordert werden, in absteigender Reihenfolge Technologie, Medizin, Marketing und Werbung, Industrie, Finanzdienstleistungen, Behördendienste und juristische Dienste. Natürlich gibt es auch bei uns, besonders im kosmopolitischen Dubai, Bedarf an juristischen Übersetzungen, die von den Übersetzungsbüros der privaten Firmen angefertigt werden.

An den meisten arabischen Universitäten werden Fächer wie Technik, Ingenieurwesen und Medizin in einer ausländischen Sprache, meist Englisch, unterrichtet. Eine Ausnahme bildet beispielsweise Syrien. In Ländern wie Japan, Korea und Norwegen werden diese Fächer meines Wissens in der jeweiligen Landessprache unterrichtet. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass man in der Muttersprache besser lernen und kreativ denken kann. Sollten die arabischen Staaten beschließen, technische Fächer und Medizin an ihren Universitäten künftig auf Arabisch zu unterrichten, müsste dieser Beschluss auf höchster Regierungsebene gefasst werden, außerdem müssten die arabischen Staaten bei der Durchführung eng miteinander kooperieren.

Eine Übergangsphase wäre nötig, in der der Unterricht in beiden Sprachen stattfindet. Die erforderlichen wissenschaftlichen Bücher müssten in arabischer Sprache teils neu verfasst, teils ins Arabische übersetzt werden. Die arabischen Akademien hätten für die Erneuerung der wissenschaftlichen Terminologie zu sorgen, die fortlaufend, in großem Umfang und in einheitlicher Form geschehen muss. Gegenwärtig sind die Termini leider nicht einheitlich, ein wichtiges Wort wie „Pumpe“ wird im einen arabischen Land als „midakha“ übersetzt, im anderen als „tulumba“.

Lassen Sie mich aus der Mathematik ein Beispiel dafür geben, wie wichtig Übersetzungen für die klassische arabisch-islamische Kultur waren. In der frühen Abbasidenzeit haben die Araber Bücher der Griechen übersetzt, wie die Kegelschnittbücher des Apollonius, das Buch „Sphaerica“ des Menelaos sowie ein weiteres seiner Werke, das Buch „Elemente der Geometrie“ (es wurde von dem Syrer Thabit Ibn Qurra übersetzt, ist aber leider nicht erhalten). Sie übersetzten das Buch „Pneumatica“ des Philon von Byzanz, des Entdeckers des Phänomens der Kraft, Abhandlungen von Euklid und Werke von Archimedes. In der Zeit des Kalifen al-Mansur übersetzte al-Fazari die als „Sindhind“ bekannte Schrift über Astronomie. Die arabischen Gelehrten machten sich viele Errungenschaften der Perser und Inder zu eigen, beispielsweise das Rechnen und die Sanskritziffern betreffend. Der Kalif al-Ma’mun belohnte einen Übersetzer, indem er das Gewicht seines Buches in Gold aufwog. Das Gold ist dahin, aber das Wissen ist geblieben.

Sicher ist jedenfalls, dass die Araber alles, was sie übersetzten, begriffen, genau untersuchten, kritisch betrachteten, durchsiebten und weiterentwickelten, wodurch die Mathematik einen enormen Sprung nach vorn machte. Al-Khwarizmi, Begründer der Algebra und Namensgeber des Algorithmus, löste erstmalig in der Geschichte der Menschheit mathematische Gleichungen zweiten Grades und legte den Grundstein für die Integral- und Differenzialrechnung, mit dem sogenannten Calculus, von dem neben anderen Isaac Newton e­norm profitierte.

Zweifellos ist die größte Leistung der klassischen arabisch-islamischen Kultur die Weiterentwicklung des indischen Zahlensystems, im Westen verbreitet als arabische Ziffern. Die Araber führten die Ziffer Null ein, auf Englisch „zero“ oder auch „cypher“, welche beide vom arabischen Wort für Null, „sifr“, abgeleitet sind. Die Einführung der Null war ein Meilenstein in den mathematischen Berechnungen.
Ähnliches lässt sich auf den Gebieten der anderen Wissenschaften beobachten, so in der Alchemie, der Optik, der Mechanik, der Architektur, der Geografie, der Musikwissenschaft, der Philosophie und der Medizin.

In heutiger Zeit sehen wir uns mit einer Wissensexplosion konfrontiert, deswegen müssen wir sorgsam auswählen, was wir übersetzen wollen. Die Übersetzungskapazitäten sind begrenzt. Wir müssen das wählen, was uns befähigt, so schnell wie möglich auf den Zug der Zivilisation aufzuspringen und uns an der Gestaltung der globalen Gemeinschaft zu beteiligen. Die Wahl fällt da nicht leicht. Wenn wir meinen, dass wir besonders im Bereich der Administration vorankommen müssen, ist das zwar richtig. Übersetzungstätigkeiten sind aber zeitgleich nötig in allen vitalen Bereichen, die Fortschritt brauchen.

In der Abbasidenzeit verhalfen Übersetzungen der Kultur zur Blüte und trugen zu ihrer Weiterentwicklung bei. In unserer Zeit bewirken sie zwar ein gewisses Aufblühen, bringen aber auch Veränderung mit sich. Wir haben den Sprung auf den fahrenden Zug der Zivilisation verpasst – in den theoretischen und angewandten Wissenschaften, in der Forschung, bei den Innovationen, in der Organisation, in der Verwaltung, bei den demokratischen Einrichtungen, bei der Zivilgesellschaft und den Menschenrechten.

Das Gebiet, das mir besonders am Herzen liegt, ist die Dichtung. Ich meine, wir sollten das Wichtigste aus der Dichtung der anderen ins Arabische übertragen, wie wir auch das Wichtigste aus unserer eigenen Dichtung, der klassischen und der gegenwärtigen, in andere Sprachen übertragen sollten. Dabei müssen wir einander unterstützen. Nachdem ich über 16 Bände arabischer Poesie ins Englische und auch ausländische Dichtung über das Englische ins Arabische übersetzt habe, halte ich es für das Beste, wenn die Dichter zweier unterschiedlicher Sprachen sich zum Zweck der Übersetzung zusammentun. Die Dichtung ist die Seele eines Volkes und ich bin überzeugt, dass wir die anderen Völker am besten verstehen können, wenn wir ihre Gedichte lesen. Ich glaube auch, dass es möglich ist, Gedichte angemessen zu übertragen. Ich halte die Dichtkunst für die wichtigste Kunst der Araber, mittels derer die anderen durch gute Übersetzungen unsere Gefühle, unseren Schmerz und unsere Hoffnungen sehr wirksam erfahren können.

Gewiss bereichern Übersetzungen eine Sprache enorm. Jede Sprache besitzt etwas Geniales, und die Übertragung aus einer ausländischen Sprache in die Muttersprache erfordert Kreativität im Umgang mit Ausdrücken und Formulierungen. Hunderte, ja Tausende arabischer Wörter sind in einige europäische Sprachen eingegangen, als der Westen von den Arabern lernte und die wissenschaftlichen Leistungen, die diese errungen oder aus anderen Kulturen übersetzt hatten, an die abendländische Kultur weitergegeben wurden.
Wenn die arabischen Universitäten beschließen, in arabischer Sprache zu lehren, werden wir viel übersetzen müssen. Dies würde einige Zeit in Anspruch nehmen, denn wir müssten die Inhalte der Natur- und der verschiedenen Humanwissenschaften von Philosophie über Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Verwaltungswissenschaften übertragen und uns auch der Übersetzung von Dichtung und Literatur widmen. All das wird unser Denken, unsere Kultur und unsere Sprache bereichern. Unsere Identität wird dadurch keinen Schaden nehmen, solange wir an uns selbst, unsere Sprache, unsere Überzeugungen und unsere Kultur glauben. Im Gegenteil, wir werden uns weiterentwickeln und unsere Identität bereichern.

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell



Ähnliche Artikel

Schuld

Rituale der Sündenbefreiung

eine Fotostrecke

Alle Weltreligionen befassen sich mit Fragen der Verantwortung und Reue, täglich bitten Menschen im Beichtstuhl oder auf Pilgerfahrten um Vergebung

mehr


Rausch (Thema: Rausch )

Bango, Schlafmohn, Kulla

von Mansura Eseddin

Der Koran verbietet den Rausch. Doch in Ägypten werden trotzdem viele Drogen konsumiert

mehr


Großbritannien (Bücher)

Vernetzte Wissenschaft

von Gudrun Czekalla

90 Prozent des weltweiten Wissens entsteht außerhalb Deutschlands. Gleichzeitig machen viele Probleme wie die Auswirkungen des Klimawandels oder Pandemien nicht...

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Bücher)

Euro-islamischer Dialog

von Gudrun Czekalla

Midad – zu Deutsch „unermesslicher Raum“, „Weite“, aber auch „Tinte“ und „literarischer Stil“ – ist ein deutsch-arabisches Literaturforum, in dessen Rahmen die ...

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Thema: Vereinigte Staaten)

„Ich bin für die Todesstrafe“

ein Gespräch mit Vicki Walser-Bryant

Die Buchhändlerin erklärt, warum sie als Christin Hinrichtungen befürwortet

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Verrucht und chaotisch

von Nadim Oda

Was Menschen in der arabischen Welt mit dem Begriff Demokratie verbinden

mehr