Fabelhafte Verwandtschaft

von Mamoun Fansa

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Am Anfang war Äsop … Das glaubten die Griechen oder wollten es glauben machen. Sie kürten den Phrygier Aisopos, der angeblich im 6. vorchristlichen Jahrhundert als Sklave sein Dasein fristete, zum Erfinder der Fabel. Dabei hätten es die weit gereisten Hellenen eigentlich besser wissen müssen. Ein Blick nach Ägypten oder nach Mesopotamien hätte ihnen gezeigt, dass es am Nil und im Land zwischen Euphrat und Tigris eine reiche Fabelliteratur gab, die weitaus älter war als die Texte des Äsop. Und es wäre ihnen dabei aufgefallen, dass zwischen den äsopischen Fabeln und den Fabeln des Ostens enge Verbindungen bestanden, die auf eine nahe Verwandtschaft der Texte schließen lassen. Was den Griechen der Antike tatsächlich von den Fabeln des Alten Orients bekannt war, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Wir wissen heute, dass sich die ältesten schriftlichen Zeugnisse der Fabelliteratur in den Tontafel-Archiven und -Bibliotheken der Babylonier und Assyrer erhalten haben und dass hier Texte überliefert sind, deren Geschichte bis in die Zeit der Sumerer zurückreicht.

Unser Wissen ist noch relativ jung und auch recht lückenhaft. Es resultiert aus den archäologischen Grabungen des 19. und 20. Jahrhunderts, und es wird noch geraume Zeit dauern, bis alle Tontafeln entziffert sind. So verwundert es nicht, dass im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit bis heute „Fabel“ und „äsopische Fabel“ als Synonyme verstanden werden. Wenige kennen in unseren Breiten die reiche Fabeldichtung des Orients. Außerhalb der Fachgelehrtenkreise sind Kalila und Dimna, jene fabulösen Schakale, denen die wichtige arabische Fabelsammlung „Kalīla wa-Dimna“ ihren Namen verdankt, unbekannt.

Dabei waren die Fabeln schon früh in Europa präsent und gehörten – neben den Erzählungen von den Sieben weisen Meistern und den Märchen von Tausendundeiner Nacht – zu den orientalischen Textsammlungen, die die größte Wirkung auf die europäische Erzählliteratur des Mittelalters und der frühen Neuzeit ausübten.

Kalila und Dimna sind zwei Schakale, die am Hofe des Königs der Tiere, des Löwen, lebten. Die beide Höflinge sind von respektablem Ansehen, jedoch ist Dimna mit seiner Stellung nicht zufrieden. Er wünscht sich einen stärkeren Einfluss bei Hofe und strebt nach Höherem. Das Werk geht zurück auf ein altindisches (wohl um 300 abgeschlossenes) Fabelbuch, das im 6. Jahrhundert ins Mittelpersische übertragen wurde. Die Grundfassung und auch die Übersetzung gingen verloren. Ihr Text blieb jedoch in zwei frühen Übertragungen – einer ins Altsyrische und einer ins Arabische – erhalten: Aus dem 8. Jahrhundert stammt die Übertragung ins Arabische durch Abdall? Ibn al-Muqaffa (ca. 720–756/57): „Kit?b Kal?la wa-Dimna“. Diese Übersetzung verbreitete sich sehr schnell in der arabischen Welt, im Mittelmeerraum und im westlichen Europa. Das Fabelbuch wurde ins Griechische, Hebräische und Altspanische übertragen.

Für die Verbreitung von „Kalīla wa-Dimna“ in den westeuropäischen volkssprachigen Literaturen kommt der lateinischen Übersetzung des Johannes von Capua eine Schlüsselrolle zu. In Deutschland wurde dessen „Directorium“ um 1480 von Anton von Pforr übersetzt: Das „B?ch der byspel der alten wysen“ erfreute sich großer Beliebtheit und entwickelte sich im 16. Jahrhundert zu einem Bestseller. Nach 1600 brach im deutschsprachigen Raum die Rezeptionsgeschichte von „Kalīla wa-Dimna“ zunächst ab. Einzelne Texte fanden zwar noch Aufnahme in die damals beliebten Schwank- und Exempelbücher die Fabelsammlung als Ganze geriet jedoch weithin in Vergessenheit.
Erst im Zuge der Orientbegeisterung des 17. Jahrhunderts rückten die orientalischen Fabeln wieder in den Blick. Durch eine 1644 in Paris erschienene Übersetzung von David Sahid d’Ispahan wurde Jean de La Fontaine auf die Sammlung aufmerksam und brachte in seinen „Fables“ ein gutes Dutzend Texte in Versform, unter anderem die gern gezeichnete Fabel von der Schildkröte und den zwei Enten, die ihr zum Fliegen verhelfen.

Über La Fontaine wurden die orientalischen Fabeln bald auch in Italien, Spanien, England, Russland und Deutschland weiteren Kreisen bekannt und beeinflussten die dortige Fabeldichtung. Seit dem 18. Jahrhundert ist in Europa ein zunehmendes Interesse an den Fabeln des Orients zu beobachten – sowohl aufseiten der Wissenschaft als auch seitens des breiten Publikums.

Der Löwe und der fromme Schakal

Der Schakal Dimna führte ein frommes und einfaches Leben. Viele Raubtiere, mit denen er zusammenlebte, hatten kein Verständnis dafür. Schließlich hätte er an Jagd und Fraß teilnehmen müssen – so wäre es normal gewesen für einen Schakal. Dennoch galt ebendieser Schakal als sehr zuverlässig. Davon hörte der König der Tiere, der Löwe. Er bestellte den Schakal zu sich und bot ihm neben einer Freundschaft noch hohe Ämter an. Leicht fiel es dem Schakal nicht, dem zuzustimmen er zögerte lang und stellte verschiedene Bedingungen, die der Löwe schließlich akzeptierte. So wurde der Schakal also zum engsten Ratgeber und Vertrauten des Königs. Die Gunst gegenüber dem einen fördert Missgunst und Neid unter den anderen das musste auch der Schakal erfahren, denn bald wurde gegen ihn intrigiert. Der König wurde misstrauisch und war sogar bereit, seinen Vertrauten aufgrund falscher Anschuldigungen zum Tode zu verurteilen. Zum Glück konnte die Mutter des Löwen das Schlimmste im letzten Moment verhindern, da sie die falschen Machenschaften durchschaute.



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