Trennungsgründe

von Georges Khalil

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Bedrohungsszenarien und ein Denken in Gegensätzen bestimmen die Diskussion um die Beziehungen Europas zu den arabischen Staaten des Nahen Ostens, zum Iran, der Türkei und zu anderen muslimisch geprägten Gesellschaften. In Europa und im Nahen Osten sind Dialog und Polemik allzu oft geleitet von kulturellen und begrifflichen Verengungen, die auf einer Entweder-Oder-Logik und auf Ungleichzeitigkeiten beruhen. Dichotomien wie „Westen/Islam“, „Moderne/Tradition“, „Krieg/Terror“, „demokratisch/despotisch“, „säkular/religiös“, „aufgeklärt/traditionell“ oder „Juden/Araber“ verschleiern Vielfalt und Gemeinsamkeit, verflochtene Geschichte und geteilte Gegenwart die fortdauernde Unterscheidung zwischen Europa und dem Nahen Osten gefährdet die Grundlagen einer gemeinsamen Zukunft.

Die heutigen politischen Grenzen im Nahen Osten wurden im 18. und 19. Jahrhundert in Europa gezogen und auf Geografie und Geschichte, Kunst und Kultur dieser Region projiziert. Zwar ist die politische und wirtschaftliche Bedeutung Europas seit der Zeit der Aufklärung und des Kolonialismus geschrumpft, doch werden noch immer Gesellschaften und Kulturen der ganzen Welt durch die Perspektive europäischer Erfahrungen und Genealogien begriffen und beschrieben. Dabei werden ideologische Grenzen gezogen, die hier wie dort zu endlosen und tautologischen Diskussionen über die Vereinbarkeit von Islam und Moderne und der mit ihr verbundenen Konzepte von Menschenrechten, Aufklärung, Säkularisierung, Demokratie oder Freiheit führen. Die Konsequenz sind vereinfachte Vorstellungen von „Fortschritt und Niedergang“, einem „Kampf der Kulturen“, „neuen Kreuzzügen“, einer „intellektuellen Invasion“, dem „Ende der Geschichte“, einer „Westoxifikation“ oder dem „Ende Europas“, die oft apokalyptische Züge tragen.

Migranten aus arabischen und islamischen Ländern des südlichen Mittelmeerraums verändern das Gesicht europäischer Städte. Der Islam und der Nahe Osten sind ein Teil Europas geworden, der in den Debatten um Demografie und Demokratie, Integration und Pluralismus, Recht und Sicherheit die Zukunft der europäischen Gesellschaft und Verfassung bestimmen wird. Europa ist im Nahen Osten präsent, nicht zuletzt durch eine lange Geschichte politischer und militärischer Interventionen. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Konsum, Kultur und Religion der Nationalstaaten und Gesellschaften des Nahen Ostens wurden durch lokale Eigenheiten, etwa durch die arabische, persische und türkische Sprache oder die islamische Religion geprägt, aber auch durch andere historische Vermächtnisse, wie die der Kulturen Afrikas, Anatoliens, Ägyptens, Indiens, Persiens und Mesopotamiens, durch Hellenismus, Arabismus, Christentum und Judentum, durch das Osmanische Reich oder den Kolonialismus, durch Orientalismus und Okzidentalismus.

Auch durch moderne Verfassungen, durch Wirtschaftsströme, durch Schulen und Hochschulen, die nach europäischem Vorbild errichtet wurden, durch Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler, die in Europa und den USA ausgebildet wurden, durch Filme, Musik, Theater und Literatur und nicht zuletzt durch ein Verständnis und eine Praxis von Religion, Kultur und Politik, die der Moderne verhaftet sind. Der Nahe Osten ist modern und ohne Europa nicht zu denken der Nahe Osten ist ein Teil Europas geworden, wie es Ismail Pascha, der Vizekönig Ägyptens 1869 in der Euphorie des Fortschritts anlässlich der Eröffnung des  Sueskanals und der Kairoer Oper verkündete.

Als objektive und unwandelbare geografische und kulturelle Einheiten werden der Nahe Osten und Europa, der Islam, der Orient, der Westen, das Christentum zu problematischen Kategorien. Was ist Europa und wo sind seine Grenzen? Ist es eine Region im Westen Asiens, eine universalisierte Idee oder die Europäische Union? In der klassischen Mythologie sind die Schicksale Europas und des Nahen Ostens verbunden: Europa ist eine schöne orientalische Frau, die vom griechischen Gott Zeus von der phönizischen Küste entführt wurde, um seine Geliebte zu werden. In der Moderne ist der Nahe Osten eine koloniale Kategorie, die zur Konvention geworden ist, die Gesamtheit der Länder zwischen Marokko und Afghanistan umschreibt und irgendwie mit Islam, dem Orient synonym geworden ist. Als kolonialer Begriff ist der Nahe Osten das Vermächtnis moderner europäischer Geschichte. Er entspricht, überschneidet sich und konkurriert mit anderen Vorstellungen von einer arabischen, islamischen, mediterranen, persischen oder türkischen Gemeinschaft und Welt. Tatsächlich gibt es in Europa und dem Nahen Osten eine Vielfalt individueller und kollektiver Geschichten, Erinnerungen, Perspektiven und Identitäten, aber keine monolithischen Kulturen oder Gebiete. Jede Diskussion über europäische oder nahöstliche – nationale oder gesellschaftliche – Eigenheiten und Leitkulturen sollte sorgfältig kontextualisiert werden.

Mythische Ursprungserzählungen bilden das Fundament von Nationen und Identitäten ethnischer, religiöser und nationaler Gruppen. Seit der Renaissance und besonders seit dem 18. Jahrhundert diente die Erforschung von Herkunft und Wurzeln der Legitimation und Mythologisierung territorialer und politischer Ansprüche. Diese Erzählungen kollektiver geschichtlicher Identitäten errichteten Abgrenzungen und verschleierten infolgedessen die Verflechtungen des historischen Vermächtnisses. Die zentrale Bedeutung dieser Prozesse in der Vergangenheit wie auch in der Modernisierung wurde von vielen Wissenschaftlern beschrieben, insbesondere in Bezug auf – und in Zeiten von – Nationalismen und Ideologien, die auf religiösen Vorstellungen basieren. Ironischerweise sind Gründungsgeschichten und -ideen kaum innerhalb der Abgrenzungen zu halten, die sie errichten und festigen sollen. Deutsche Nationalisten stützten sich auf Ideen, die in Frankreich und anderswo entwickelt wurden.

Die Vorstellung von „Europa“ wurde im Verhältnis zu seiner Negation, dem Orient, entwickelt, die Europäische Union als Antwort auf Krieg und Barbarei. Autonome nahöstliche „Authentizitäten“, seien sie arabisch, islamisch, jüdisch, türkisch oder orient-christlich, sind erst durch die europäische Zuschreibung entstanden. Die so oft suggerierte Einheit von Religion und Staat im Islam etwa macht ohne Berücksichtigung der modernen Übersetzungs- und Zuschreibungsprozesse von „Religion“ und „Staat“ keinen Sinn, es sei denn Muslime hätten schon immer über moderne Konzepte von Religion und Staat verfügt. Neuzeitliche muslimische Vorstellungen islamischer Staatlichkeit sind – wie etwa der sudanesische Jurist Abdullahi An-Na’im ausführt – kein Ergebnis islamischer Tradition, sondern der postkolonialen Situation und der Übersetzung moderner europäischer Rechts- und Staatsvorstellungen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert rezipierten arabische, türkische und iranische Intellektuelle Voltaire, Herder, Fichte, Rousseau, Mazzini, Montesquieu, Renan, Nietzsche, Spencer oder Tolstoi, während diese sich in ihren Arbeiten auch auf den Nahen Osten, den Orient bezogen. Seinen Traktat über das Martyrium für das Vaterland begründete der bedeutende islamische Gelehrte Muhammed Abduh (1849-1905) nicht etwa durch den Koran, sondern durch eine Exegese der Schriften Bismarcks. Revolutionäre Islamisten wie der Ägypter Sayyid Qutb (1906-1966) oder der Iraner Ali Shariati (1933-1977) bezogen sich in ihren Konzeptionen von Gemeinschaft, in ihren Vorstellungen von einer „neuen Ignoranz“ (jahiliyya), in ihrer Kritik westlicher Einflüsse und in ihrer Analyse von „Degeneration“ und „Verfall“ ausdrücklich auf europäische oder amerikanische Kulturkritik.

Die Frage der Anfänge markiert einen wichtigen Ausgangspunkt der meisten Versuche, den Erfolg einer speziell europäischen Moderne und die allgemein orientalische Andersartigkeit zu erklären. Die Ursprünge von Renaissance und Aufklärung in einem westlichen, klassischen und christlichen Europa bleiben, ungeachtet der Kritik von Wissenschaftlern wie Hans Belting, George Saliba, Hava Lazarus-Yafeh oder Nelly Hanna, Leitmotive von Apologie und Polemik. Paradox ist, dass sich diese Sichtweise in den Schriften vieler arabischer oder muslimischer Reformer (Modernisten wie Islamisten) seit dem 19. Jahrhundert widerspiegelt, die im Großen und Ganzen mit der Analyse einer speziell westlichen Moderne, welche aus der Trennung von Staat und Kirche hervorging, übereinstimmten. Die Gründe für einen arabischen oder muslimischen „Niedergang“ wurden in einem verhängnisvollen Abweichen von früherer Größe, ursprünglicher Reinheit und religiös-politischer Einheit gesehen. Eine arabische Zukunft könne nur in der vollständigen Nachahmung oder der Wiedererweckung von „goldenen Zeitaltern“ oder „verlorenen Paradiesen“ liegen. Das Ergebnis ist eine Zersplitterung von Geschichte und Gemeinschaft, von Tradition und Moderne, nicht nur innerhalb zeitgenössischer nahöstlicher Gesellschaften, sondern auch zwischen Europa und dem Nahen Osten.

Im Mittelalter wurde fast jeder wichtige Begriff – und somit die Grundlagen der Renaissance, der Aufklärung, des modernen Denkens – durch Übersetzungs-, Übertragungs- und Neuformulierungsprozesse durch die griechische, syrische, arabische, chinesische, persische, indische und lateinische Wissenschaft, Sprache und Kultur geformt. In diesem Prozess und in seiner Offenheit, in der Neugier und Kritik seiner Protagonisten liegen die Wurzeln der Ideen Europas. Ohne beständiges Bemühen um eine Erweiterung des Horizonts und die Erkundung fremder Erfahrungen und fernen Wissens beschränkt sich Europa selbst und seine Ideen verlieren an Geltung.



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