Das Licht der Selbsterkenntnis

von Hans Magnus Enzensberger

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


 „Bedarf die arabische Welt einer neuen Aufklärung?“ Beim Deutsch-Arabischen Forum in Dubai wurde diese Frage von mehreren Teilnehmern aufgebracht. Lassen Sie mich dazu einige Gedanken ausführen.

Wie man schon an ihren verschiedenen Bezeichnungen ablesen kann, haben wir es mit einer sehr komplexen Erscheinung zu tun: „Les lumières“, sagen die Franzosen, „Enlightenment“ heißt es bei den Engländern, „Esclarecimiento“ bei den Spaniern, und jedes Mal handelt es sich um andere Nuancen und Rahmenbedingungen. Doch überall, wo diese Begriffe sich durchgesetzt haben, war ein verheißungsvoller Ton zu hören, auch wenn sich bald zeigte, dass die Aufklärung ihre eigenen Widersprüche und Paradoxien mit sich schleppt. Schon deshalb ist es nötig, das Enlightenment seinerseits zu durchleuchten und über seine Vorgeschichte nachzudenken.

Viele Europäer glauben bis auf den heutigen Tag, sie besäßen eine Art Copyright auf die Aufklärung. Manche berufen sich dabei auf das Vorbild der Griechen. Die Franzosen wiederum sind überzeugt, dass es sich um ihre ureigene Erfindung handelt aber auch die Schotten, die Engländer, die Deutschen und sogar die Amerikaner fallen ihnen ins Wort und insistieren auf ihren eigenen Beiträgen.

Dabei handelt es sich jedoch bestenfalls um Halbwahrheiten. Was der sogenannte Westen gern vergisst, ist die Tatsache, dass viele Jahrhunderte, bevor Hume und Locke, Diderot und Kant ihre Werke schrieben, die islamische Aufklärung in al Andaluz in voller Blüte stand.

In seinem Buch „Islam and the Making of Modern Europe“ hat David Levering Lewis kürzlich das Reich der Umayyaden in Córdoba beschrieben, deren Residenzstadt bereits im zehnten Jahrhundert über große Bibliotheken mit Hunderttausenden von Manus­kripten verfügte. Von dem Kalifen al-Hakam II. berichtet der deutsche Gelehrte Kurt Flasch, dass er eine halbe Million Bände besessen haben soll. Darunter waren nicht nur die Schriften arabischer und persischer Verfasser auch die griechischen Klassiker wurden dort übersetzt und studiert. Keine Stadt der damaligen christlichen Welt konnte sich mit Córdoba vergleichen. Die Stadt hatte dreimal so viele Einwohner wie die größte Ansiedlung im nördlichen Europa es gab dort funktionierende Wasserleitungen, öffentliche Bäder und gepflasterte Straßen – alles Dinge, an die in der christlichen Welt noch nicht zu denken war. Die Universität von Córdoba wurde gegründet über ein Jahrhundert, bevor es eine solche Hochschule in Westeuropa gab.

Das arabische Andalusien war zweihundert Jahre lang ein unvergleichliches Zentrum der philosophischen und naturwissenschaftlichen Forschung. Muslime, Juden und Christen trugen dort kritische Debatten über alle möglichen Fragen aus dabei schreckten sie auch vor religiösen Kontroversen nicht zurück. Sehr wahrscheinlich wäre ohne ihre Vorarbeit die aristotelische Tradition erloschen. Dante und Nikolaus Cusanus, Giordano Bruno und Spinoza verdanken ihren islamischen Lehrern ebenso viel wie die moderne Astronomie, die Logik, die Optik, die Mathematik, die Medizin und nicht zuletzt die Poesie.

Wie wir alle wissen, war dieser Blütezeit keine lange Dauer beschieden. Daran war das massive Vordringen christlicher Mächte ebenso schuld wie die inneren ­Auseinandersetzungen und Zwistigkeiten in der arabischen Welt. Viele Protagonisten der islamischen Aufklärung endeten im Gefängnis oder in der Verbannung einige bezahlten für ihre Schriften sogar mit dem Leben. Das war, wie man weiß, im Okzident nicht anders auch dort wurden die Schriften vermeintlicher Ketzer verboten, ihre Autoren vor Gericht gestellt, eingesperrt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

„Bedarf die arabische Welt einer neuen Aufklärung?“ Diese Frage kann ein Außenstehender nicht beantworten denn das müssen die arabischen Denker selbst entscheiden. Ich möchte mich deshalb damit begnügen, den Namen eines Philosophen zu nennen, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht. Ich meine Abul Walid Muhammad Ibn Rushd, den die Europäer Averroes nennen. Sie werden nicht erwarten, dass ich Ihnen seine Werke aufzähle oder gar erläutere. Das muss ich anderen überlassen, die ihn weit besser kennen. Ich weiß nur, dass es kein Zufall sein kann, wenn so viele arabische Intellektuelle auf ihn zurückkommen. 1994 hat ihn in Kairo eine internationale Philosophiekonferenz zum Thema gemacht der ägyptische Autor Murad Wahba hat seine Bedeutung hervorgehoben, und der Berliner Fund for the Freedom of Thought publizierte jahrelang eine Zeitschrift, die nach ihm benannt war. Sie hieß Minbar Ibn Rushd. Ein Preis, der ebenfalls seinen Namen trug, wurde unter anderem dem Philosophen Muhammed Arkoun, dem marokkanischen Denker Muhammad Abed al-Jabiri und dem Sender al-Arabija verliehen.

Man kann, glaube ich, von Ibn Rushd sagen, dass er ein kühner, aber kein wilder Denker war. Einerseits bestand er darauf, die Welt „im Lichte der Natur“ zu erklären, und verteidigte die Philosophie gegen die Herrschaftsansprüche der Theologen. Andererseits suchte er zu beweisen, dass zwischen Vernunft und Glauben kein unüberwindlicher Gegensatz besteht – eine Ansicht, die, nebenbei bemerkt, auch von Benedikt XVI. vertreten wird. Auch hütete er sich davor, dem Fundamentalismus der Eiferer mit einem ebenso dogmatischen Starrsinn zu begegnen. Er ging sogar so weit, zu sagen, seine Lehren sollten nicht dem Volk vermittelt werden, sondern einer kleinen, gebildeten Elite vorbehalten bleiben. Dieser taktische Zug sollte ihn vermutlich vor dem Zorn der Zeloten schützen, auch wenn schwer einzusehen ist, warum das Licht der Vernunft nur den Gelehrten leuchten sollte. Übrigens finden sich ganz ähnliche Argumente bei vielen Vertretern der westlichen Aufklärung im 18. Jahrhundert denn auch sie mussten jederzeit mit Zensur und Verfolgung rechnen.

Wie sollen wir mit derartigen Problemen umgehen, die ja leider nach wie vor von brennender Aktualität sind? Ich werde mich hüten, hier ein Fazit zu ziehen. Mehr als ein paar Andeutungen kann ich dazu nicht beisteuern. Eines aber lässt sich mit Gewissheit sagen. Jede Kultur verdurstet auf die Dauer, wenn sie sich selbst isoliert und auf den freien Gedankenaustausch verzichtet. Deshalb ist die Arbeit der Übersetzer so unentbehrlich, und deshalb ist es ein Jammer, dass es daran in der arabischen Welt lange Zeit gefehlt hat. Seit den Tagen des Kalifen Al-Mamun, also im Lauf von zwölfhundert Jahren, sind viel zu wenige Bücher ins Arabische übersetzt worden – nur so viele nämlich, wie im heutigen Spanien in einem einzigen Jahr erscheinen und auch jetzt noch liegt der Anteil der Werke, die in der arabischen Welt gedruckt werden, bloß bei o,8 Prozent der Weltproduktion. Das sind bittere Wahrheiten. Umso bemerkenswerter sind die Initiativen der Mohammed bin Rashid al Maktoum Stiftung auf diesem Gebiet, und es ist zu hoffen, dass der Kulturrat Dubai neben der Entwicklung seiner audiovisuellen Medien auch zu einem Zentrum des arabischen Verlagswesens neben Beirut ausbauen wird.

Dazu gehört gewiss ein hohes Maß an Weisheit und Umsicht denn mir scheint, dass man es sich auch mit den besten Absichten zu einfach machen kann. Der Austausch geistiger Güter ist nämlich kein schlichtes Import-Export-Geschäft, so wie der Handel mit Öl oder mit Maschinen. Immanuel Kant hat im Jahre 1784 unter dem Titel „Was ist Aufklärung?“ einen berühmten Aufsatz veröffentlicht. Er zitiert darin Horaz und übersetzt dessen Spruch sapere aude auf seine Weise: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Das bedeutet, dass es nicht darum gehen kann, fremde Überzeugungen und Theorien ganz einfach zu übernehmen. Wer sie bloß importiert, der wird nicht viel ausrichten er wird im Gegenteil auf den Widerstand seiner Umgebung stoßen. Was man von anderen lernt, kann nur dann Wurzeln schlagen, wenn der Boden dafür taugt. Früchte wird ein solcher Lernprozess nur für den tragen, der sich auf seine Geschichte besinnt und sich an die eigene Tradition, das heißt in diesem Fall an die islamische Aufklärung erinnert, um sie produktiv weiterzuentwickeln. Keine Kultur kann von vorn anfangen, und keine hat es nötig, auf ihre verschütteten Schätze zu verzichten.

Der Streit darüber, wer am meisten dazu beigetragen hat, uns, wie Kant sagt, aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, kommt mir sinnlos vor denn eine erste Aufklärung kann es ebenso wenig geben wie eine letzte. Was wir so nennen, ist ein unaufhörlicher, unabschließbarer Versuch ein Menschheitsexperiment, auf das niemand allein Anspruch erheben kann ein Experiment mit seiner eigenen Dialektik von Scheitern und Gelingen ein hochgemutes Experiment mit ungewissem Ausgang. 



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