1001 Vorurteil

von Hassan Hanafi

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Die nördliche und die südliche Mittelmeerküste sind Wiegen uralter Zivilisationen. Spannungen zwischen diesen Regionen beruhen häufig auf Fehlwahrnehmungen. Die Nordseite denkt über die Südseite, diese sei ein Ort des Terrorismus, der Gewalt und des Blutvergießens, eine Wurzel des 11. September und der Bombenanschläge von London und Madrid. Der Islam habe eine dem Christentum, der Religion des Friedens und der Liebe, entgegengesetzte Kultur der Gewalt hervorgebracht. Diese falsche Wahrnehmung basiert auf einem reduktionistischen Fehlschluss, der das Ganze auf einen Teil verkürzt. Denn der Islam hat auch Juwelen der Geschichte wie Granada, Sevilla oder Cordoba auf der Nordseite des Mittelmeers entstehen lassen.

Die Südseite wird außerdem gemeinhin als unterentwickelte oder bestenfalls in Entwicklung begriffene Region eingestuft. Und dies nicht nur hinsichtlich ihrer Wirtschaft, Gesellschaftspolitik und Kultur, sondern auch in Bezug auf ihre Frauen, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Auch dies ist ein Fehlschluss, war doch im Mittelalter die Südseite mit Fes, Kairouan und Kairo wegbereitend in Wissenschaft und Kultur und die Nordseite lernte vom Süden.

Ferner glaubt man im Norden, die Südseite lehne das Andere ab – nach innen die Nichtmuslime und nach außen hin die Abendländer. Sie opfere den Dialog dem Monolog. Sie habe eine Kultur hervorgebracht, die auf Ausgrenzung statt auf Integration beruht. Dies sei der Grund für die ständigen Spannungen zwischen Religionen und Ethnien. Dabei ist der Islam eine Religion des Friedens. Er würdigt die Vielfalt der Schöpfung und der Menschen. Der Andere gilt als Teil des eigenen Selbst.
Des Weiteren stelle die Südseite für die Nordseite durch die legale und illegale Einwanderung von Arbeitskräften eine Bedrohung dar. Kopftücher, muslimische Männerkleidung oder Moscheen gefährden, so meint man, die Identität Europas. In jeder europäischen Stadt gebe es muslimische Bezirke, die ihren eigenen Gepflogenheiten und Gesetzen folgten. Dies aber gilt für alle religiösen und ethnischen Minderheiten.

Aber auch die Südseite nimmt den Norden zum Teil falsch wahr, hält ihn für kolonialistisch und imperialistisch. Vom griechischen und römischen Reich über die Kreuzzüge des Mittelalters bis in die Zeiten des modernen Kolonialismus habe die Nordseite ihre Grenzen weiter vorgeschoben. Die westliche Kultur basiere auf Macht statt auf Gerechtigkeit, auf Beherrschung statt Befreiung. Zumindest handele es sich um eine Kultur mit doppelter Moral: Kultur, Befreiung, Gleichheit, Gerechtigkeit, Fortschritt und Wissenschaft nach innen und Beherrschung, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Rückschrittlichkeit und Unwissenheit nach außen. Die Frage ist: Kann es einen neuen Universalismus jenseits des Eurozentrismus geben?

Die Nordseite, so meint man im Süden außerdem, beute Reichtümer, Rohstoffe und Arbeitskräfte aus und dominiere die Märkte auf der Südseite. Dies zeige sich in Multinationalismus, Globalisierung und einer unipolaren Ordnung. Viel wurde und wird über die „Ausplünderung“ der „Dritten Welt“ geschrieben. Der Westen habe Afrika, Asien und Lateinamerika mehr genommen als gegeben. Die Frage ist: Können die beiden Seiten des Mittelmeers gleichwertige Partner werden?

Das Wertesystem auf der Nordseite, so denkt man im Süden, sei materialistischer, positivistischer und relativistischer. Es beruhe eher auf Wandel als auf Beständigkeit. Idealismus sei eine Neufassung des alten Glaubens. Der „kategorische Imperativ“ sei von der Situationsethik abgelöst worden. Abtreibung, Homosexualität, Nacktkultur, Egoismus und Eigeninteresse seien gängige soziale Praktiken jenseits der Moral. Die Frage ist: Kann es eine universale Ethik geben?

Die Weltsicht der Nordseite sei im Namen des Humanismus rationalistisch, säkular und sogar atheistisch. Sie neige zu Skeptizismus, Agnostizismus und Nihilismus. Postmoderne und Dekonstruktivismus seien zwei Symptome einer Krise des Abendlandes, die von Max Scheler als Umsturz der Werte, von Henri Bergson als Maschine zur Erschaffung von Göttern und von Oswald Spengler als Untergang des Abendlandes beschrieben worden ist. Die Frage ist: Wird die kulturelle Führungsrolle vom Westen an den Osten übergehen?

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



Ähnliche Artikel

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Thema: Islam)

Trennungsgründe

von Georges Khalil

Wie sich der Nahe Osten und Europa über ihrer gemeinsamen Geschichte entzweien

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Weltreport)

„Islamische Lebensführung“

ein Interview mit Bekim Agai

Fast jeder in der Türkei kennt die Bewegung um den islamischen Prediger Fethullah Gülen – in Deutschland ist sie nahezu unbekannt. Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Bekim Agai

mehr


Menschen von morgen (Thema: Jugendliche)

Hmmm ... Liebe!

ein Gespräch mit Victoria Ositadinma Anikwenwa

Victoria Ositadinma Anikwenwa aus Nigeria verkauft Kerosin auf dem Markt und trifft Jungs, die sie wirklich mögen

mehr


Frauen, wie geht's? (Thema: Frauen)

Zum Anbeten: Frauen in den Weltreligionen

von Ruth Lapide

Judentum: Chava, Tamar, Ruth

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

Totgepredigt

von Nadim Oda

Im Irak ist ein Kampf der Konfessionen um die Kultur ausgebrochen

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Hochschule)

„Gewaltbereit und rückständig“

ein Interview mit Sabine Schiffer

Deutsche Medien zeichnen ein einseitiges und negatives Bild vom Islam, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin

mehr