Wann man in Großbritannien „twenty-twenty“ sagt

von Samuel Dorner

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Im oberen Bereich des altbekannten Hängeschilds sind sie angenehm groß, im unteren winzig klein. Wenn ich alles lesen kann und somit keine Brille brauche, habe ich eine „20/20 vision“. Das ist nichts weiter als die Fähigkeit, aus einer Entfernung von 20 Fuß, also etwa sechs Metern, von einer Buchstabentafel das sehen zu können, was man als normalsichtiger Mensch erkennt. Wer aber aus einer Entfernung von 20 Fuß das sieht, was jemand mit „20/20 vision“ erst aus zehn Fuß entziffern kann, hat eine „20/10 vision“. Anders gesagt: Er sieht besser. Bei „20/200“ wiederum gilt man als blind.

Ein gutes Augenmaß ist nicht nur nützlich, wenn es um Buchstaben geht. Sprichwörtlich wünscht man sich in Großbritannien auch, gewisse Situationen des Lebens mit „20/20 vision“ betrachten zu können. „With hindsight everything is 20/20“, sagt man zum Beispiel manchmal und meint damit: „Im Nachhinein wird einem alles klar.“ Damit drückt man aus, etwas falsch eingeschätzt und das Richtige zu spät erkannt zu haben.

Wenn ich mich das nächste Mal richtig entscheiden will, hilft mir vielleicht die Erkenntnis, dass „20/20 vision“ auch in der Augenheilkunde keine Perfektion bedeutet, sondern lediglich ein ausreichendes Sehvermögen beschreibt. Wir können uns also entspannen.



Ähnliche Artikel

Großbritannien (Editorial)

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr


Großbritannien (Thema: Großbritannien)

„Ein erstklassiges Beratergremium“

ein Interview mit Baronin Helena Kennedy

Ein Gespräch mit Baronin Helena Kennedy über das House of Lords und den Wert politischer Unabhängigkeit

mehr


Schuld (Bücher)

Die Guten und Schönen waren alle weiß

von Rose-Anne Clermont

Wie sollte über Hautfarbe gesprochen werden und wie nicht? Reni Eddo-Lodge erkundet eine hochaktuelle Frage

mehr


Schuld (Thema: Schuld)

Sorry!

Kleine Worte oder große Geschenke: Wie und wofür man Bedauern ausdrückt, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. Eine Auswahl interessanter Entschuldigungen

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Weltreport)

Wer versteht sich?

von Ute Hempelmann

Der „Muslim Media Guide“ des British Council will Medien und Muslime einander näherbringen

mehr


Eine Geschichte geht um die Welt (Theorie)

Tragische Helden

von Preti Taneja

Großbritannien gehörte zwischenzeitlich zu den Epizentren der Corona-Pandemie. Die Krise offenbart einen latenten Rassismus gegenüber Gesundheitskräften mit Migrationshintergrund

mehr