Was machen die da eigentlich?

William Billows

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


An den Universitäten gibt es heute eine Vielzahl an Auslandsexkursionen im Angebot: Man kann als Geographiestudent nach Elsass-Lothringen fahren, der Industriestrukturen wegen. Alle Teilnehmer schlafen in Jugendherbergen, selbst der Professor ist sich dafür nicht zu fein. Oder nach Brüssel: Nicht nur für Politik- oder Jurastudenten bietet sich ein Trip ins Brüsseler EU-Viertel an, um zu lernen, wie die Europäische Gemeinschaft funktioniert. Oder um zu untersuchen, wo sich die Macht ballt und die Lobbyisten tummeln.


 Oder man macht mit seinem Seminar in Ramallah Station und wird vom ehemaligen Außenminister und langjährigen UN-Botschafter Palästinas, Nasr Al-Qudwe, im Präsidentenpalast empfangen, wie Osnabrücker Studenten der Sozialwissenschaften im Juni vergangenen Jahres, kurz vor dem Libanon-Krieg. Sie waren von der Partneruniversität Birzeit und dem DAAD-Informationszentrum in Ost-Jerusalem eingeladen worden. „Wir konferierten mit dem UN-Botschafter in einem großen Saal und diskutierten über die Lage in Darfur und über den Atomstreit mit Iran“, erzählt die Studentin Jennifer Neufend. Der Botschafter habe ihnen verraten, dass in der Diplomatie die wirklichen Entscheidungen in informellen Zusammenkünften getroffen würden. „Wir fühlten uns wie richtige Diplomaten, der Sender Al-Jazeera schickte sogar einen Übertragungswagen vorbei“, so Neufend. Die interessanteste Erfahrung sei jedoch gewesen, dass man sich mit den palästinensischen Studenten auf Anhieb gut verstand. „Trotz verschiedener Alltagsrealität, egal ob jemand ein Kopftuch trug oder nicht, wir fanden sofort eine gemeinsame Ebene.“ Nach den diplomatischen Verhandlungen und einem Gruppenbild vor der Arafat-Grabstätte legten die Studenten ihre eleganten Jacketts ab, lockerten die Krawatten – und reisten in die palästinensischen Autonomiegebiete weiter. Bethlehem, Jericho, Jerusalem: Checkpoints, Mauerbau, Militär. „Unsere Gastgeber waren bemüht, uns das wahre Leben der Menschen nahezubringen“, erzählt Neufend. Jeder Deutsche habe sich ein eigenes Bild von Palästina machen können, ein anderes als das, das in den westlichen Medien vorkommt. 


 Wie richtige Auslandskorrespondenten fühlten sich junge Journalistikstudenten aus den USA bei einem Termin im Auswärtigen Amt in Berlin, das einmal im Jahr zu einer Studienreise nach Deutschland einlädt. Eine ranghohe Beamtin erläutert Deutschlands Haltung zur Irak-Frage. Es geht zu wie auf einer Pressekonferenz im State Department, so schnell preschen die Studenten mit ihren Fragen vor. „Solche Informationen aus erster Hand sind ein großer Gewinn für uns“, sagt Christian Hall von der Universität Hawaii. In den Vereinigten Staaten sei man vor allem mit den Standpunkten der eigenen Regierung konfrontiert. Hinzu komme, dass sich viele, „vor allem in der Mitte der USA“ kaum für Europa interessierten. Wie die meisten seiner mitreisenden Kommilitonen kommt Hall von keiner Elite-Uni an der Ost- oder Westküste des Landes, wo viele internationale Studenten hinstreben. „Wenn du in New Mexiko oder in Iowa sitzt, hast du wenig Berührungspunkte zu Deutschland.“ Seinen Deutschland-Essay schreibt Hall zum Thema Multikulturalität. Die türkische Bevölkerung sei ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens in Berlin, heißt es darin, und: „Selbst Neonazis essen dort Döner, der nirgendwo billiger und besser ist.“ 


 Der Duisburger Politikwissenschaftler Jochen Hippler plant mit seinen Studenten in diesem Jahr eine Exkursion nach Pakistan. Er war schon 17-mal da und schreibt ein Buch über das Land. „Ich möchte bei den Studenten dauerhaftes Inte-resse wecken“, sagt Hippler. Bisher haben die wenigsten Studierenden Berührungspunkte zu einem Land wie Pakistan. In den Medien wird meist nur dann berichtet, wenn es um Al-Qaida-Rückzugsgebiete oder den Kaschmirkonflikt geht. Das will Hippler ändern. Während der Exkursion soll zum Beispiel die Rolle von Religion in der Politik untersucht werden. Gemeinsam mit Partnerstudenten der Universität Lahore werden die Duisburger verschiedene Landesteile bereisen. Eine Studentin soll durch ein Praktikum vor Ort die Exkursion vorbereiten. Daheim pauken die Kommilitonen schon einmal Landeskunde – und werden darin geprüft. 
 



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