Offensiver Charme

Konrad Seitz

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Fällt das Stichwort China, so denken wir immer noch fast ausschließlich an den phänomenalen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Doch China ist heute nicht nur die zweite Weltwirtschaftsmacht, sondern die zweite Weltmacht. Und mit Eintritt einer zweiten globalen Macht in das Weltsystem ist etwas zurückgekommen, was wir 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges als überwunden feierten: ein ideologischer Ost-West-Konflikt und ein Kampf um Einflusssphären in der „Dritten Welt“. 


 Es ist dieser Aspekt von Chinas Aufstieg, auf den Joshua Kurlantzicks Buch „Charm Offensive“ den Blick lenkt. Der Autor, Korrespondent der amerikanischen Zeitschriften New Republic und American Prospect, berichtet, wie mit Beginn des neuen Jahrhunderts die chinesische Führung ihre außenpolitische Strategie in Südostasien um 180 Grad drehte. Hatte sie bis dahin ihren Anspruch auf territoriale Hoheit über die Südchinesische See gegen Vietnam, die Philippinen und andere Anrainerstaaten durch die Demonstration militärischer Macht durchzusetzen versucht und menschenleere Atolle besetzt, so schwenkte sie jetzt auf eine Charme-Offensive um. 


 Sie propagierte eine „Strategie des gegenseitigen Vorteils“ und schlug Kooperation bei der Ausbeutung der Ölquellen in der Südchinesischen See vor. Werben um Südostasien, nicht mehr Einschüchterung, lautete jetzt die Devise. 


 Und dieses Werben zeigt Erfolg. Mehr und mehr drängt China die USA und Japan aus Südostasien zurück und ist als Dialogpartner zum Führer der ASEAN-Staaten geworden. Südostasien wird damit nur wieder zur „sinozentrischen Region“, wie es dies zu Hochzeiten des chinesischen Kaiserreichs war. Neu aber ist, dass China im globalen Zeitalter nun seinen Einfluss auch auf Afrika ausdehnt und selbst in den einstigen Hinterhof der USA, nach Lateinamerika, vordringt.


 Verbunden mit den wirtschaftlichen Machtinstrumenten ist freilich ein ganz besonderer Charme Chinas: seine Doktrin der strikten Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Diese Doktrin ist in der Tat überaus attraktiv für die vielen autoritären Herrscher in den Entwicklungsländern. So bildet sich denn bereits um China ein Ring von Alliierten, wie Kurlantzick schreibt, über die China den Schirm seines Schutzes gegen die Einmischungspolitik des Westens hält: Burma, Sudan, Iran, Simbabwe, Angola, Venezuela und so weiter.
 Der Ost-West-Gegensatz ist in neuer Form in die Weltpolitik zurückgekehrt: Der Westen wirbt für Demokratie und liberale Marktwirtschaft, China demonstriert am eigenen Beispiel, wie eine autoritäre Regierung eine staatskapitalistische, strategisch geführte Marktwirtschaft zum Erfolg führt. 


 China hat lebenswichtige Interessen mit dem Westen gemeinsam: Es braucht, um die gigantische Entwicklungsaufgabe zu bewältigen, 1,4 Milliarden Menschen aus der Armut zum Wohlstand emporzuheben, eine friedliche, stabile Welt. Es kämpft aufseiten des Westens gegen den Terrorismus, gegen Drogenschmuggel, gegen die Ausbreitung von Seuchen und anderes mehr. Überall, wo gemeinsame Interessen herrschen, ist China ein konstruktiver Kooperationspartner. Aber neben dieser Kooperation steht der Kampf um Einflusssphären in den Entwicklungsländern, der in seinem Kern ein Kampf um den Zugang zu den Märkten und vor allem zu den Bodenschätzen dieser Länder ist: den Ölfeldern, Rohstofflagern, Wäldern. In diesem Kampf ziehen die westlichen Öl- und Rohstoffkonzerne immer häufiger den Kürzeren gegen die chinesischen Staatskonzerne, die unter ganz anderen Bedingungen kooperieren. 


 Wird es so weitergehen? Ist der Westem mit seiner „werteorientierten Außenpolitik“ der chinesischen Realpolitik hilflos unterlegen? China türmt, wie gegenüber den USA und Europa, auch gegenüber vielen Entwicklungsländern immer höhere Handelsüberschüsse auf und drängt lokale Produzenten mit seinen billigeren Exportwaren aus dem Geschäft. Schon heute strengen die Entwicklungsländer gegen die Importe aus China mehr Antidumpingverfahren und andere Abwehrmaßnahmen an als die USA oder Europa. Am Ende, sinniert Kurlantzick, würde Peking den Menschen in Asien oder Afrika oder Lateinamerika wenig anders als die alten Kolonialmächte erscheinen, die ihre Kolonien aufgruben und die Rohstoffe herausholten, aber wenig dafür taten, die Fähigkeiten der lokalen Bevölkerung zu verbessern. Ganze Regionen könnten sich in einem merkantilistischen System gefangen sehen, in dem sie Rohstoffe an China verkaufen und hochwertige chinesische Fertigprodukte kaufen.


 Kurlantzicks Buch führt all diese Entwicklungen anhand einer Fülle von Beispielen vor. Es entgeht nicht ganz der Gefahr, Stoffsammlung zu bleiben – man findet dieselben Beispiele unter mehreren Überschriften. Doch alles lässt sich immer noch besser machen. Man wünscht dem Buch viele Leser.

Charm Offensive. How China’s Soft Power is Transforming the World. Von Joshua Kurlantzick. Yale University Press, New Haven/London, 2007.



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