Freie Menschen im Ökodorf

von Kim-Myka Hahn-Fabris

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Ich komme aus Québec in Kanada, meine Mutter ist Kanadierin, mein Vater Deutscher. Derzeit mache ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt.

Deutschland ist für uns Kanadier die Ökonation schlechthin. Es hat viele Ideen bereits umgesetzt, über die wir in Kanada bisher nur diskutieren. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag: Privat trennen wir Müll, aber an einer Bushaltestelle verschiedene Mülleimer vorzufinden, das gibt es bei uns nicht. Eigentlich ist das erstaunlich, denn in manchen Dingen sind wir Kanadier viel fortschrittlicher als die Deutschen – wobei man immer zwischen den Einwohnern Québecs und den restlichen Kanadiern unterscheiden muss. In Québec haben wir zum Beispiel riesige Wasserkraftwerke gebaut, um Energie zu gewinnen, im restlichen Kanada dagegen setzt man noch immer auf Gas.
Québec ist insgesamt offener als Deutschland, man darf dort Fehler machen. Unterschiede zwischen den Menschen sind selbstverständlich. Ob man Ausländer ist oder nicht – das spielt keine Rolle. Ein Ökodorf würde in Québec total gut ankommen, da bin ich mir sicher.

Das Dorf Sieben Linden habe ich vor zwei Jahren kennengelernt und und war von der Lebensweise hier sehr beeindruckt. Ich wollte ungedingt herkommen, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern und gleichzeitig mehr über Ökologie zu erfahren – auch wenn ich später Kunst studieren möchte. Im Alltag hier bin ich für Tätigkeiten wie Kochen, Putzen und Renovieren zuständig – alles auf ökologische Art. Das heißt beim Kochen, dass ich nur Lebensmittel aus der Region verwende und auf Fleisch völlig verzichte. Das klingt vielleicht unspektakulär und manchmal habe ich am Abend das Gefühl, nichts Neues gelernt zu haben. Am Anfang dachte ich auch, dass das doch nicht alles sein kann, dass man insgesamt noch mehr tun müsste. Aber 100-prozentig ökologisch leben kann man nicht. Das Besondere am Ökodorf ist die Kombination aus ökologischer Lebensweise und der Art, wie die Menschen miteinander umgehen.
Die Leute hier erscheinen mir freier als andere in Deutschland. Außerhalb des Ökodorfes würde man sie vielleicht als verrückt bezeichnen, weil sie sich weniger gängigen Normen anpassen. Manchmal kommt mir das Ökodorf wie eine Insel vor. Wenn man darauf ist, will man gar nicht mehr runter.

Das Freiwillige Soziale Jahr stärkt mein Selbstvertrauen und zeigt mir, dass man nicht akzeptieren muss, was in der Welt geschieht. Ich bin nur ein Mensch, aber es gibt noch viele andere Menschen auf der Erde, die beispielsweise etwas gegen den Klimawandel tun. Und zusammen kann man etwas bewegen. Ich spüre Vertrauen in die Menschheit. Mir ist das vor allem durch den Alltag hier klar geworden, auch indem ich den Leuten zugehört habe. Im September werde ich wieder nach Québec gehen, um mein Abitur zu machen. Ich vermisse meine Muttersprache. Persönlich werde ich dem ökologischen Lebensstil verbunden bleiben.

Protokolliert von Christine Müller



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