„Aufklärung auf Deutsch“

Meral Renz

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Wie definieren unterschiedliche Kulturen Sexualität?
 Es kommt darauf an, welchen Einflüssen Sexualität in einer Gesellschaft ausgesetzt ist. Religion ist ein sehr wichtiger Aspekt. Religionen sehen Sexualität unterschiedlich. Im Katholizismus etwa ist Sexualität eigentlich nur dann erwünscht, wenn Kinder geboren werden sollen. Im Islam ist Sexualität selbstverständlicher – allerdings nur innerhalb der Ehe. 
 
Sind sich weltweit gläubige Muslime untereinander in ihrer Einstellung zum Sex näher als zu ihren jeweiligen Landsleuten anderen Glaubens? 
 Religion legt bestimmte Grundsteine zur sexuellen Einstellung. Wie stark jedoch die Religion Einfluss auf die Gesellschaft nimmt, hängt unter anderem von wirtschaftlichen Bedingungen ab. Ökonomische Unabhängigkeit von Frauen stärkt ihr Mitspracherecht in Sachen Sexualität. Generell kann man eine islamische Gesellschaft nicht mit einer anderen in dieser Frage gleichsetzen. Aber es gibt schon Tendenzen, die in vielen Gesellschaften ähnlich sind, etwa die rituellen Waschungen. 
 
Und wie ist das bei Muslimen in Deutschland?
 In Familien mit muslimischem Hintergrund sind Sexualität und Aufklärung Familienangelegenheiten und konzentrieren sich oft auf Fragen der Hygiene, manchmal werden noch Verhütungsfragen angesprochen. In Deutschland ist Sexualität aber ein sehr öffentliches Thema. Man sieht das auch daran, dass seit den 1980er-Jahren die sexuelle Aufklärung in Schulbüchern institutionalisiert worden ist. Die Unterschiede zwischen dem, was Eltern, und dem, was Lehrer sagen, führen bei Migrantenjugendlichen oft zu Konflikten.
 
Wie können Pädagogen damit umgehen?
 Erst mal ist es wichtig, dass sie die Unterschiede überhaupt wahrnehmen. Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe führen bei Pubertierenden zu völlig unterschiedlichen Fragen. Verhütungsfragen sind für 13-jährige Migrantenjugendliche oftmals noch nicht so relevant. Sie interessieren sich dagegen stärker für biologische Vorgänge, etwa Fragen zum Jungfernhäutchen. 
 
Die Unterschiede wahrnehmen – machen das die Lehrer zu wenig?
 Auf jeden Fall. Ich merke bei jüngeren Lehrern, die mit Migranten aufgewachsen sind, dass sie aufgeschlossener sind als die, die gar nichts mit Migranten zu tun haben. Interkulturalität gehört nicht nur in die Ausbildung von Lehrern, sondern auch in die Schulbücher. Bisher beschränkt sich Multikulturalität oft darauf, dass in einem Text ein deutscher Name durch einen nicht deutschen Namen ersetzt wird, der Inhalt jedoch gleich bleibt. 
 
Was heißt das für den Biologieunterricht konkret? 
 Der Unterricht sollte so gestaltet werden, dass die Schüler unterstützt werden, bewusst einen eigenen, ihnen selbst entsprechenden Weg im Umgang mit Sexualität und Beziehungen zu finden. Wenn ein Mädchen etwa eine weiterführende Schule besuchen will, und die Eltern sind dagegen, kann der Lehrer versuchen, den Eltern deutlich zu machen, dass auch eine Ehefrau eine gute Ausbildung benötigt. Trotzdem sind bestimmte Regeln zu vermitteln, etwa dass Zwangsheirat nicht zu tolerieren ist. 
 
Ist es für Jugendliche sinnvoll, in Sexualkunde mit anderen Kulturen konfrontiert zu werden, oder überfordert das viele? 
 Die Jugendlichen können durch das Fremde ihre eigene Einstellung besser kennenlernen. Dies ist ein beidseitiger Prozess. Ich plädiere dafür, Sexualkunde zu einem Schulprojekt zu machen, sodass fächerübergreifend an dem Thema gearbeitet wird. 
 
Sprache und Identität gehören eng zusammen. Welche Rolle spielt sie in Bezug auf Sexualität? 
 Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Migranten als Kinder in ihrer Muttersprache über Sexualität reden. Ab der Pubertät wechseln sie ins Deutsche, weil die Aufklärung größtenteils auf Deutsch stattfindet. Wenn ich die Möglichkeit habe, mit Migranten in ihrer Muttersprache zu sprechen, dann bekomme ich Informationen, die ich sonst nicht erhalten würde, weil sie so eng mit der Muttersprache verbunden sind.
 
Aus Ihrer Sicht: Haben sich die Jugendlichen in den letzten Jahren verändert?
 In den 1990er-Jahren gab es viel mehr angepasste Jugendliche. Die saßen im Sexualkundeunterricht in den hintersten Reihen und sagten nichts. Solange sie nicht gestört haben, sind die Lehrer davon ausgegangen, dass der Unterricht erfolgreich war. Heutzutage gibt es bei vielen Jugendlichen ein anderes Bewusstsein. Es kommt vor, dass 14-jährige muslimische Mädchen ganz stolz erzählen, dass sie Sex erst in der Ehe haben werden. Das hätten sich die Jugendlichen vor zehn Jahren nicht getraut zu sagen. Ob sie mit 18 noch dasselbe denken, ist eine andere Geschichte.

Das Interview führte Christine Müller



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