„Gewaltbereit und rückständig“

ein Interview mit Sabine Schiffer

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Sie haben sich mit dem Medienbild des Islams in Deutschland beschäftigt. Was haben Sie herausgefunden?

Das Medienbild des Islams ist nicht eindeutig. Dennoch treten vor allem durch die Auslandsberichterstattung manche Facetten dominant in den Vordergrund. Durch eine stereotype Auswahl bestimmter Aspekte und deren Wiederholung und Verallgemeinerung erscheinen Islam und Muslime vor allem als gewaltbereit, rückständig und sehr oft auch als nicht entwicklungsfähig. Wenn das Fernsehen immer nur Bilder von Selbstmordattentaten zeigt, verdichtet sich beim Zuschauer ein falscher Eindruck. Die Ängste, die durch die Fokussierung des Negativen entstehen, werden zunehmend auf die hiesigen Muslime übertragen. Wir können inzwischen starkes Misstrauen feststellen. 
 
Die öffentlich-rechtlichen Sender sowie große deutsche Tageszeitungen unterhalten ein aufwendiges  Korrespondentennetzwerk, auch in der islamisch geprägten Welt. Sorgt dies nicht für differenzierte Berichterstattung aus der Region?

Ulrich Tilgner, der seinen Korrespondentenvertrag mit dem ZDF nicht verlängern möchte, kritisiert zu Recht, dass nicht seine Beobachtungen vor Ort, sondern die Meinung der Programmmacher die Berichterstattung des ZDF bestimmt. Solange aber der Nachrichtenwert vor allem durch Negativismus und den Ausnahmestatus geprägt wird, sollten wir keine Differenziertheit erwarten. Allerdings könnte das Korrespondentennetzwerk – besser ausgestattet – ein Gegengewicht zu den wenigen Agenturen bilden, die die internationalen Nachrichtenflüsse bestimmen. 
 
In Großbritannien sind Menschen aus Einwandererfamilien als Medienmacher präsenter als hier. Unterscheidet sich das Bild des Islam in Deutschland von dem in anderen Ländern?

Was die Darstellung von Islam und Muslimen anbelangt, so kann ich qualitativ kaum Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Ländern feststellen – eher zwischen einzelnen Medien. In Deutschland gibt es solche, die das bisherige Bild mittragen, wie die großen Tageszeitungen und TV-Sender. Und es gibt solche, die es infrage stellen, wie zum Beispiel „Junge Welt“, „taz“ und „Freitag“. Beim Fernsehen sind vor allem die privaten TV-Sender Vorreiter darin, mehr Vielfalt abzubilden. Davon können sich unsere Öffentlich-Rechtlichen eine Scheibe abschneiden – denn bei ihnen sehe ich eine positive Entwicklung nur in Nischenprogrammen, die wiederum die Andersartigkeit in den Vordergrund stellen: etwa in Sendungen des Südwestrundfunks wie „Das islamische Wort“ oder im ZDF wie „Das Islamforum“. Aber immerhin: Die Hautfarbe der Fernsehkommissare wird bunter, die der Nachrichtensprecher spätnachts auch. 
 
Bedienen die Medien nicht vor allem die veränderten Bedürfnisse des Publikums?

Wir sollten in der Tat nicht nur auf die Medien schielen. Wir unterrichten unsere Kinder nicht nach einem systematischen Lehrplan in Medien- und Meinungsbildungsfragen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Denn mehr Distanz zu den Medienprodukten und die Fähigkeit, alternative Informationen finden und bewerten zu können, wären wichtige Erziehungsziele. 
 
Was muss die Mehrheitsgesellschaft tun, was müssen Muslime selbst tun, um für ein besseres Verständnis zu sorgen?

Wir könnten damit beginnen, diejenigen Muslime, die sich nicht entmutigen lassen und in der eigenen Gruppe für mehr Verständnis werben, zu loben und zu stärken, anstatt ihnen zu misstrauen. Die muslimische Community kann potenzielle Scharfmacher entlarven. Es kann nicht gefordert werden, dass es außenstehenden Medien und Politikern allein gelingt, die Trennlinie zwischen Islam, Islamismus und Extremismus richtig zu ziehen.

Wie würde sich der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union auf das Islambild in Deutschland auswirken? Würde dies zu mehr Normalität führen?

Nein. Wenn wir die Türkei beitreten lassen wollen, um zu einer Normalisierung des Verhältnisses zum Islam zu kommen, dann liegt die Motivation bereits so schief, dass wir es lieber sein lassen sollten. Dann werden wir alles, was passiert, ständig durch die Schablone „Moslem oder Nichtmoslem“ wahrnehmen. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass man aufgrund von Unzufriedenheiten zwischen Ost und West nach einer Projektionsfläche sucht. Diese könnte dann die Türkei abgeben – und Muslime beziehungsweise der Islam würden die Rolle der Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert übernehmen: die des Sündenbocks. 

Das Interview führte William Billows



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