„Diplomatie der Öffentlichkeit“

Peter van Ham

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Wie fast überall gibt es auch in der Politik Moden und Marotten. Das neueste Schlagwort lautet „Public Diplomacy“. Sie soll der neue Schlüssel zur Belebung der Demokratie im In- und zur Überzeugung der Menschen im Ausland sein. Worum geht es bei der Public Diplomacy?


 Ob es das Ziel ist, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Aufstieg Chinas keine Gefahr für das internationale System darstellt, oder ob es darum geht, der arabischen Welt ihre antiwestlichen Ressentiments auszureden: Um eine breite Palette von Zielen mit Unterstützung der Bevölkerung durchzusetzen, braucht es die Kraft der Public Diplomacy. Hierzu nutzt man Radio, Fernsehen, Austauschstudenten und die neuen Medien (Blogs, Chats). Der Siegeszug der Public Diplomacy begann in den USA nach dem 11. September 2001. In Europa wurden Politiker auf diese Methode aufmerksam, als die Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden die EU-Verfassung verhinderten. In beiden Fällen sollte Public Diplomacy für einen Meinungsumschwung in der Bevölkerung sorgen. 
 Public Diplomacy ist meist eine gute Kombination aus Propaganda und geschickter Steuerung der Medien. Darüber hinaus bedient sie sich der Methoden der Werbebranche, besonders was das „Branding“ beispielsweise von Regionen oder Städten betrifft. Public Diplomacy bezeichnet also eine postmoderne Methode, mit der viel eher die einfache Bevölkerung erreicht werden soll als politische Eliten. Zwar ist diese Form von Diplomatie nicht neu, prominent wurde sie jedoch erst in jüngster Zeit. Zwei Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle: einerseits der Glaube daran, so auf legale Art Einfluss auf Drittländer nehmen zu können, andererseits ermöglicht die Verbreitung neuer Kommunikationsformen, Bevölkerungen anderer Länder auf direktem Wege zu erreichen. In gewisser Weise zeigt Public Diplomacy auf, wie sehr Globalisierung und Demokratie Hand in Hand gehen. Oder gehen sollten. Über die Jahre wurden Kommunikationsparadigmen verschoben, von einer „Kommunikation von oben“ hin zur echten Kommunikation zwischen den Menschen auf der ganzen Welt. Diese neue Art der Kommunikation geht über die bloße Agitation der Massen und die bloße Meinungsbildung hinaus. Heute ist es wichtiger, international relevante Punkte auf die Agenda zu setzen, einen Wechsel der Prioritäten anzustrengen und öffentliche Diskurse zu ermöglichen. Am Ende kann man auf dieselben Ergebnisse blicken, besonders, was ökonomische und politische Fragen betrifft. Darüber hinaus laufen die neuen Methoden wesentlich subtiler und indirekter ab, als es zu Zeiten der plumpen Propaganda gewesen war.


 Public Diplomacy ist „in“, wird aber auch skeptisch beäugt. Ist es nicht dieselbe alte Propaganda, nur neu gekleidet und zeitgemäß ausstaffiert? Sicher, die USA wenden nicht immer die neuesten Methoden an, wenn es beispielsweise darum geht, die Meinung in den islamischen Staaten zu beeinflussen. Die jüngste Form von Public Diplomacy geht allerdings einen Schritt über das alte zentralistische, hierarchische Denken hinaus. Sie bemüht sich, in eingebundenen Öffentlichkeiten offene, wichtige Debatten anzuregen. Ob man das noch „Diplomatie“ nennen kann, ist natürlich eine ganz andere Frage. Mit bilateralen Verhandlungen, wie sie zwischen den oberen Vertretern der Länder stattfinden, lässt sich das jedenfalls nicht mehr vergleichen. Man geht vielmehr davon aus, dass Regierungen gut beraten sind, auf Nichtregierungsorganisationen und Prominente zurückzugreifen, um Einfluss zu nehmen und wichtige Punkte auf die Agenda zu setzen. Al Gores Aufklärungsfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ hat vermutlich weitaus stärker für ein höheres ökologisches Bewusstsein gesorgt als die seit mehr als zehn Jahren laufenden Auseinandersetzungen über das Kyoto-Protokoll.


 Es geht bei der Public Diplomacy also vor allem auch darum, dass in Zeiten der Globalisierung und der neuen Medien immer mehr nicht staatengebundene, öffentliche Protagonisten die Rolle erfüllen, die bis dato den Diplomaten vorbehalten war. Ganz so, wie es bereits in den 1970er-Jahren vorhergesagt wurde. Das zeigt, wie öffentlich Diplomatie geworden ist und wie stark die normale Bevölkerung in den einstmals im Verborgenen betriebenen Prozess der Politisierung eingebunden wird. Das ist mehr als eine diplomatische Anstrengung, die lediglich um eine PR-Komponente erweitert wurde. Diplomatie muss heutzutage fundamental anders bewertet werden, weil sie wesentlich zeitgemäßer arbeitet. Das bedeutet ebenfalls, dass die diplomatischen Mittel internationaler Organisationen wie der EU und der NATO neu bewertet und ausgerichtet werden müssen. Es ist noch zu früh, um klären zu können, inwiefern die neue Public Diplomacy wirklich ein Vorbote der globalen Mediendemokratie sein kann.

Aus dem Englischen von René Hamann



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