„Verwöhnte Generation“

ein Gespräch mit Manuela du Bois-Reymond

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Frau du Bois, wann werden europäische Jugendliche heute erwachsen?

Die Kindheit schrumpft, die Jugendzeit wird länger. Ein 33-Jähriger kann noch in der Ausbildung sein und ein 12-Jähriger konsumiert Jugendkultur. Das unterstützen die Eltern, die nicht mehr gehorsame Kinder, sondern selbstständige haben wollen. Aber dann bleiben sie abhängig: Eine verwöhnte Generation, die ihre Eltern bei Problemen anruft.
 
Ist das in ganz Europa so?

Jugendliche gehen in ganz Europa länger zur Schule als früher, daher gilt das für ganz Europa. In den skandinavischen und westeuropäischen Ländern hat dieser Trend eher eingesetzt als in den südeuropäischen. Der Hauptmotor waren die großen Schulreformen in den 1970er-Jahren. Außerdem ist das Bildungssystem durchlässiger geworden. Man muss als Arbeiterkind nicht mehr nach der Volksschule abgehen, sondern kann weiterstudieren. Dadurch wohnen Jugendliche heute länger zu Hause als früher. Es herrscht im Übrigen eine große Wohnungsnot für junge Erwachsene in Europa.
 
Sie nennen das „Semi-Abhängigkeit“.

Ja, denn einerseits sind Jugendliche zwischen 16 und 19 sozial, sexuell, emotional und als Konsumenten sehr selbstständig, aber andererseits von elterlicher und staatlicher Unterstützung abhängig.
 
Warum fängt in Deutschland und England die räumliche Trennung von den Eltern früher an als in Italien oder Bulgarien?

Weil der Familienzusammenhang lockerer ist, die staatlichen Unterstützungen höher sind, der Wohnungsmarkt nicht so eng ist. Die ökonomische Verselbstständigung wird aber insgesamt in allen Ländern weiter herausgeschoben. Ein ökonomisch abhängiger 31-Jähriger ist keine Seltenheit. 
 
Wollen die europäischen „Jungerwachsenen“ gar nicht unabhängig werden?

Alle Jugendlichen in Europa wollen zum Schluss eine Familie, nur ein ganz kleiner Prozentsatz will das nicht. In den westlichen Ländern lehnen viele allerdings ein Erwachsenendasein ab, das sie mit Stillstand, Langeweile und Unflexibilität assoziieren.
 
Pflegen sie einen Lebensstil, der ständige Neuorientierung verlangt?

Die Lebenspläne sind heute flexibler und der Zukunftsrahmen ist kürzer. Nach dem Motto: Wir leben jetzt was in fünf Jahren ist, wissen wir nicht. Also können junge Menschen eine Berufskarriere nicht mehr so wie früher planen, mit systematischen Aufstiegsstufen, sondern über Quereinstieg, totalen Wechsel, Rückkehr zum Studium. Wir nennen das die „Reversibilität von Statuspassagen“.
 
Wie groß ist das Verständnis der europäischen Eltern für die Situation ihrer Kinder?

Es gibt eine große Solidarität. Eltern teilen emotional und ökonomisch die Sorgen ihrer Kinder und versuchen, sie so viel wie möglich zu unterstützen. Das Zusammenleben vor der Ehe ist selbstverständlich geworden, das ist auch so ein europäischer Trend, in Schweden und Deutschland trifft er zu fast 100 Prozent zu. Man hat sich noch nicht fest gebunden, kann wieder aussteigen und tut das auch. 
 
Woher kommt diese starke Bereitschaft zwischen Eltern und Kindern, alles auszudiskutieren?

In den westlichen Ländern hat die Elterngeneration die kulturelle und sexuelle Revolution der 1970er-Jahre mitgemacht. Diese Eltern wurden moderne Eltern: nicht mehr hierarchisch und autoritär, sondern verständnisvoll. Da, wo Religion und Tradition eine größere Rolle spielen, etwa in Spanien, haben es junge Menschen, besonders Frauen, schwerer. Sie gehen weniger intim mit ihren Eltern um und hängen noch an autoritären Strippen. 
 
Und wenn junge Erwachsene Eltern werden?

Der Familienzusammenhang bleibt eng, auch wenn man entfernt voneinander wohnt. Die Distanzen kann man heute überwinden, indem man sich Fotos und Videos schickt. Das war früher ausgeschlossen. Und es gibt den „neuen Vater“. Er sagt „wir sind schwanger“, geht mit zur Schwangerschaftsgymnastik, zeigt seine Gefühle und will die Geburt des Kindes miterleben und filmen. 
 
Ist der Familienzusammenhalt eine Strategie, mit der allgemeinen Instabilität umzugehen?


In Zeiten großer Unsicherheit wird – in reichen wie in armen Ländern – die Familie durch die Stabilität der Generationenkette sehr wichtig. Aber heute gibt es neue Formen von Familie: gleichgeschlechtliche Paare, Paare mit Kindern von verschiedenen Partnern. Eltern finden heute, dass das ständige Wählenmüssen für die Kinder anstrengend ist. Weil man immer wieder das Risiko eingeht, etwas falsch entschieden zu haben. 

Das Interview führte Nikola Richter



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