Das innere Klima

Pico Iyer

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Die Kirschblüten nicht weit von meiner Zweizimmerwohnung in einem japanischen Vorort stehen jetzt in voller Pracht und bedecken das Land wie jedes Jahr im April mit einem rosa Schaumteppich. Sie stehen für die Wiedergeburt von Wärme und Licht nach einem seltsamen, unzeitgemäßen Winter, in dem Schnee auf den Dächern lag, wie ich es seit zwanzig Jahren nicht erlebt hatte meine Nachbarn, die sich genauso sehr in den Jahreszeiten verankern wie in ihren Tempeln, hatte dieser Winter verwirrt. Und dennoch lautet die Lektion der alljährlichen Kirschblüte, wie die der flammenden Ahornbäume im Herbst, dass alles in Bewegung ist, schwindet, sich wandelt trotzdem verändert sich im tiefsten Innern eigentlich nichts. Der Frühling wiederholt sich jedes Jahr – unter anderen (und gleichbleibenden) Umständen.


 Wo immer ich mich auf meinen Reisen aufhalte, berichten mir Menschen von den Launen des Wetters. In Kalifornien, wo meine Mutter lebt, fragen sich alle, wo der Regen geblieben ist. Ein Waldbrand kam letzten August bis auf zwei Meilen an ihr Haus heran – zwei Monate lang stieg Rauch über den Hügeln auf, und mein Wagen wurde so mit Asche überzogen, dass das Dach korrodierte. Der Waldbrand drohte ihr Haus, das nach der Zerstörung durch einen früheren Waldbrand gebaut worden war, in Schutt und Asche zu legen, 566 weitere dazu. Im Himalaja, wo ich einen Teil des letzten Jahres verbrachte, wissen die Menschen nicht, was sie mit den Ernten und Zyklen, auf die sie sich über Jahrhunderte verlassen konnten, machen sollen, wo die Temperaturen jetzt so unnatürlich hoch sind. In Jerusalem, wo ich das neue Jahr feierte, ist man seit Jahrtausenden besorgt, wie man den inneren Thermostat richtig einstellt und Eifer, Leidenschaft, Überzeugung am Leben erhält ohne exzessive Hitze – die so verheerend wie ein Waldbrand sein kann.


 Unsere äußere Umwelt kann nur allmählich durch unsere innere geheilt werden, und ich bin mir nicht sicher, ob wir uns jemals wirklich um unser verschmutztes Wasser, unsere schrumpfenden Wälder, den Wahnsinn, den wir in die Luft blasen, kümmern können, wenn wir nicht zunächst versuchen, die Wasser in uns selbst zu reinigen und uns mit den umkämpften wilden Orten in uns zu befassen. Durch unreflektiertes Handeln sind wir überhaupt erst in diesen Schlamassel geraten, und die einzige Antwort ist nicht, sofort zu handeln, sondern, zunächst besser zu überlegen. Ein Friedensvertrag, der von Männern unterschrieben wird, die immer noch Revierverhalten zeigen, eifersüchtig oder ruhelos sind – das habe ich in Jerusalem erfahren –, schafft keinerlei wirklichen Frieden. Wer sich für die Umwelt engagiert und sich dabei nur auf die äußere Umwelt stützt, vergisst, dass die Wurzel unserer Probleme – und Lösungen – unsichtbar ist und dass „Natur“ ein Wort ist, das wir sowohl auf unser Inneres als auch auf dasjenige außerhalb von uns anwenden.


 Wie findet man die richtige Einstellung, die das Problem entschiedener und stärker ins Licht rückt und dennoch nicht außer Kontrolle gerät? Wie behalten wir einen kühlen Kopf, das rechte Augenmaß, das uns daran erinnert, dass unsere Jahreszeiten außer Rand und Band sind und dass wir ein Gefühl für Zyklen genauso sehr brauchen wie ein Gefühl für Fortschritt? Die Dinge entwickeln sich nicht unbedingt vorwärts sie treten wieder auf.


 Ich bemühe mich, meinen eigenen kleinen Beitrag zu leisten, indem ich in einer kleinen Wohnung am Ende der Welt ohne Fahrrad, Auto, Drucker, iPod oder Handy lebe. Ich versuche mich freizuhalten, indem ich keine Zeitungen oder Magazine oder Fernsehprogramme oder das World Wide Web in diesen Raum trage. Ich schalte das Licht aus und mache die kleinen Gesten, die etwas bewirken könnten, wenn mehr Menschen sie öfter täten. Vor allem aber versuche ich zu überlegen, wie das Beseitigen meines eigenen Schutts und das Einstellen des inneren Thermostats letztendlich der beste Beitrag sein kann, den jeder Laie leisten kann. Wenn man die Wurzeln pflegt, kommen die Blüten von allein.
 
 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



Ähnliche Artikel

Unterwegs. Wie wir reisen (Themenschwerpunkt)

Autos segnen

Nikola Richter

Am Titicaca-See in Bolivien befindet sich die „Dunkle Jungfrau“, der Wunder zugeschrieben werden. Dort lassen Familien am Wochenende ihre Autos vor der Kirche s... mehr


Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Was anderswo ganz anders ist)

Was ein weißes Band sagt

von Gesche Grefe

Über ein Band mit Bedeutung in Indien

mehr


Frauen, wie geht's? (Themenschwerpunkt)

Editorial

Jenny Friedrich-Freksa

Lassen Sie mich zu Beginn unseres Frauenhefts einen Mann zitieren: „Alle Frauen sind Meister des geflüsterten Wunschzettels“. Das ist von Heinz Rühmann. Hübsch,... mehr


Frauen, wie geht's? (Themenschwerpunkt)

Oben ohne

Kaisa Kauppinen

Frauen im Management sind noch immer eine Seltenheit – wie sich ihre Aufstiegschancen verbessern lassen

mehr


Das Deutsche in der Welt (Themenschwerpunkt)

Wir nennen es Arbeitsmoral

Eckhard E. Kupfer

Wer darf in Brasilien ein deutsches Unternehmen leiten? Über den kulturellen Wandel in der Führungsetage

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Themenschwerpunkt)

Irgendwo in Afrika

Carmen Eller

Wie unser Atomstrom die Gesundheit der Menschen in Niger gefährdet

mehr