Bitte mitdenken

von Harald Welzer

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Ende August 2005 fegte der Hurrikan Katrina über den Südosten der USA hinweg, richtete einen Sachschaden von mehr als 80 Milliarden Dollar an und ließ New Orleans fast vollständig untergehen. Nach zwei Kanalbrüchen standen 80 Prozent der Stadt im Wasser. Die Katastrophenhilfe war vollständig überfordert schon kurz nach der Flut begannen die ersten Plünderungen. Der zur Notunterkunft für Flutopfer umfunktionierte Superdome war nach kürzester Zeit überfüllt, um ihn herum entwickelte sich eine Gewalteskalation, die die Behörden dazu veranlasste, zu prüfen, ob man nicht den Kriegszustand ausrufen und Kriegsrecht verhängen könne. Im Hauptbahnhof von New Orleans wurde ein provisorisches Gefängnis für circa 700 Personen errichtet es gab Angriffe auf Rettungsmannschaften, Schießereien, Vergewaltigungen und Einbrüche. Erst das Militär konnte die Lage allmählich beruhigen.

Insgesamt wurde die Stadt so zerstört, dass es Überlegungen gab, sie nicht wieder aufzubauen. Seit Katrina gibt es den Begriff des Klimaflüchtlings, einer Person, die sich aufgrund eines Wetterereignisses auf der Flucht befindet. 250.000 ehemalige Bewohner von New Orleans sollen nach der Evakuierung nicht zurückgekehrt sein und sich anderswo angesiedelt haben. Von den weißen Einwohnern kehrte etwa ein Drittel nicht zurück von der afroamerikanischen Bevölkerung aber drei Viertel, sodass New Orleans heute eine andere Bevölkerungsstruktur aufweist als vor der Flut damit ist zugleich auch eine neue politische Geografie entstanden. New Orleans nach der Flut ist eine andere Welt als New Orleans vor der Flut.

Kann man hier von einer „Naturkatastrophe“ sprechen? Kaum, denn vor allem handelt es sich um eine soziale Katastrophe, um einen radikalen kulturellen Wandel infolge eines Klimaereignisses. Es ist vor dem Hintergrund dieses und anderer Beispiele frappierend, dass nahezu alle wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit den Phänomenen und Folgen des Klimawandels naturwissenschaftliche Studien, Modellrechnungen und Prognosen sind. Aufseiten der Sozial- und Kulturwissenschaften herrscht bislang noch Schweigen, es ist, als fielen Phänomene wie Gesellschaftszusammenbrüche, Ressourcenkonflikte, Massenmigrationen, Generationengerechtigkeit, Ängste und Radikalisierungen nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Das tun sie aber: Denn in der Konfrontation mit der Klimaerwärmung sind nicht allein erneuerbare Energien und nachhaltige Umweltpolitiken gefragt – vieles davon kommt ohnehin zu spät –, sondern vor allem Einsichten in individuelle und soziale Anpassungs- und Bewältigungsstrategien und in die Wirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaften und ihre Beziehungen.

Die Folgen des Klimawandels, wie sie in Gestalt des Ansteigens der Meere, des Auftretens extremer Wetterereignisse oder des Abschmelzens der Gletscher schon heute sichtbar sind, haben tief greifende Auswirkungen auf die globalen Lebensbedingungen und Kulturen – Überlebensräume schwinden, Wanderungen von Klimaflüchtlingen nehmen zu, Anbauzonen verschieben sich, es entstehen Verlierer- und Gewinnergruppen. Damit werden bestehende Gerechtigkeitslücken zwischen Nord und Süd sowie zwischen den Generationen tiefer, was erheblichen sozialen Sprengstoff birgt. Damit deuten sich zwei Zukunftsthemen der Sicherheitspolitik der westlichen Länder an ein weiteres ist der Umgang mit der wachsenden binnen- und zwischenstaatlichen Migration, deren Vorboten die illegalen Flüchtlinge sind, die mit seeuntüchtigen Boten die Küsten Teneriffas, Andalusiens oder Siziliens zu erreichen versuchen.

Der Klimawandel muss als eine Herausforderung begriffen werden, die durch verbesserten Technikeinsatz allein nicht zu meistern ist – schließlich war es unbedachter Technikeinsatz, der das Dilemma erst erzeugt hat. Es bedarf dringend der Entwicklung kultureller Konzepte, etwa der Steuerung des Energiekonsums, neuer Modelle von Partizipation und verbesserter Formen von Gewaltprävention. Klimaforschung wird so zum Schlüsselthema der Kulturwissenschaften. Zu ihren Aufgaben zählen der Rückblick auf die Katastrophengeschichte der Menschheit und eine nüchterne Bilanz ihrer an Natur- und Sozialkatastrophen gewachsenen Lernerfahrungen, eine aufmerksame Zeitdiagnose und die genaue Analyse mikrosozialen Verhaltens in Haushalten und Unternehmen. Am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen gibt es seit 2007 den Schwerpunkt „KlimaKultur“, der sich mit diesen Themen beschäftigt. Eine wichtige Aufgabe sehen wir darin, den Klimawandel überhaupt auf die Agenda der Kulturwissenschaften und der Gesellschaftspolitik zu setzen. In Zeiten von Gefährdungen, wie sie von der globalen Klimaerwärmung ausgehen, steuern Gesellschaften auf die neue Problemlage zu wie der Tanker auf den Eisberg, dem er nicht mehr ausweichen kann, auch wenn er längst schon in Sichtweite gekommen ist. Womit sollte unser zu langer mentaler Bremsweg verkürzt werden können, wenn nicht mit kulturwissenschaftlicher Kompetenz?



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