Wohlstandskinder

Walden Bello

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Es herrscht breiter Konsens darüber, dass der Klimawandel, sofern die mittleren Temperaturen im 21. Jahrhundert um mehr als 2,4 Grad Celsius steigen werden, umfassend, unumkehrbar und verheerend sein wird. 


 Führt man sich die Größe der Bedrohung vor Augen, waren die Ergebnisse der Klimakonferenz in Bali im Dezember 2007 alarmierend mager. Der gesamte nördliche Teil des Planeten sträubt sich gegen Änderungen am System der Produktion und des Konsums, das die Ursache des Problems ist. Stattdessen propagiert man „technische Lösungen“ wie „saubere“ Kohle, die industrielle Herstellung von Biotreibstoffen und Atomenergie. Weltweit verweigern internationale Konzerne die Einhaltung der von Regierungsseite beschlossenen Grenzwerte. 


 Im Süden wollen sich die Eliten ihrerseits nicht von der Kultur des hohen Wirtschaftswachstums und des intensiven Konsums verabschieden, die sie vom Norden übernommen haben. Aufgrund von Eigeninteressen halten sie an der Überzeugung fest, der Norden müsse sein Verhalten zuerst ändern und die Hauptlast der Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel tragen, bevor der Süden ernsthafte Schritte zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen einleiten könne.


 In der Diskussion über den Klimawandel erkennen alle Parteien das Prinzip „gemeinsame, aber unterschiedlich verteilte Verantwortung“ an: Das heißt, der Norden, dessen Wirtschaftsentwicklung die Ursache des Problems ist, muss global betrachtet die Hauptlast der Maßnahmen zur Anpassung an die Klimakrise tragen. Auch hat der Norden erkannt, dass die globale Antwort auf das Problem des Klimawandels das Recht der Länder im Süden auf Entwicklung nicht beeinträchtigen sollte.


 Es scheint allerdings zweifelhaft, ob der Norden dazu fähig ist, das Problem wirklich anzupacken. Zunächst einmal gibt es da ein Paradigmen-Problem. Die vorherrschende Annahme ist, dass die wohlhabenden Gesellschaften die Verantwortung zur Verringerung der Treibhausgasemissionen übernehmen können, dabei aber weiter wachsen und sich ihres hohen Lebensstandards erfreuen können, sofern sie sich nur auf nicht fossile Brennstoffe verlegen. Kurz- und mittelfristig kann man sich wohl nicht darauf verlassen, dass bei einer Verlagerung auf erneuerbare Energiequellen die momentanen Raten des Wirtschaftswachstums zu halten wären. Es liegt auf der Hand, dass das herrschende Wirtschaftsparadigma eines der größten Hindernisse im Hinblick auf die weltweiten Anstrengungen im Umgang mit dem Klimawandel ist. Dieses Paradigma beruht auf folgenden Grundannahmen: Erstens: Schnelles Wirtschaftswachstum ist das beste Mittel zur Armutsbekämpfung. Zweitens: Verstärkter Konsum ist die Lokomotive für eine wachsende Produktion. Drittens: Nicht eine Regulierung durch den Staat, sondern durch den Markt gewährleistet die größte ökonomische Effizienz, das stärkste Wirtschaftswachstum – und die besten Ergebnisse zum Wohl der Gesellschaft und der Umwelt. Immer noch sträuben sich konventionell denkende Ökonomen gegen die Idee, dass man das Wirtschaftswachstum wird verringern müssen, wenn man die Herausforderungen des Treibhauseffekts bewältigen will. Vielleicht müsste tatsächlich eine Umstellung in der Technologie durch Signale des Marktes bewirkt werden – etwa wenn die Kosten des Klimawandels hoch genug angesetzt würden: Dadurch könnte eine Verschiebung im Bereich der Energietechnologie weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren marktwirtschaftlich notwendig werden, und die Entwicklung alternativer Technologien zur Lösung des Problems könnte sich rechnen. 


 Dieses fundamentalistische Paradigma von Wachstum und Konsum ist seinerseits eher eine Wirkung als eine Ursache. Es wird immer klarer, dass das zentrale Problem die vorherrschende Produktionsweise ist, bei der lebende Natur in tote Ware umgewandelt wird und große Mengen an Abfallprodukten anfallen. Die treibende Kraft in diesem Prozess ist der übertriebene Konsum – und der große Motivator ist der Wille zum Profit beziehungsweise zur Kapitalanhäufung, kurz gesagt: der Kapitalismus. Die Verbreitung dieser Produktionsweise im Norden und dann vom Norden nach Süden über die letzten 300 Jahre war die Ursache für die beschleunigte Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Kohle und Öl und für die schnelle Entwaldung. Diese zwei wesentlichen vom Menschen verursachten Entwicklungen haben zur erhöhten Kohlendioxidemission beigetragen und damit zur globalen Erwärmung. Man kann die globale Erwärmung auch als wichtiges Symptom der aktuellen Phase eines gewaltigen historischen Prozesses fassen: des Prozesses der Privatisierung von Gütern der Weltgemeinschaft durch das Kapital. Die Klimakrise muss man als die Enteignung des ökologischen Raums von wenig entwickelten oder marginalisierten Gesellschaften durch hoch entwickelte kapitalistische Gesellschaften sehen, wie mein Kollege Shalmali Guttal meint. Das führt uns zum Dilemma des Südens: Bevor das ganze Ausmaß der ökologischen Destabilisierung durch den Kapitalismus offenkundig wurde, erwartete man, dass der Süden die „Wachstumsphasen“ des Nordens einfach nachholen würde. Heute würde das aber notwendig auf ein ökologisches Armageddon hinauslaufen. Obwohl China die USA bald schon als größter Produzent von Treibhausgasen ablösen könnte, ist die Führungsschicht des Landes wie jene Indiens und anderer sich schnell entwickelnder Staaten ganz scharf darauf, einen Kapitalismus amerikanischer Prägung samt exzessiver Konsumtion zu imitieren. 
 Für den Süden muss eine weltweite angemessene Reaktion auf die globale Erwärmung also mehr bedeuten, als dass einige Länder eine Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen beschließen – so wichtig dies sein mag: China kann sich zum Beispiel nicht mehr mit dem Hinweis, es sei ein Entwicklungsland, vor verbindlichen Zusagen drücken. Auch kann die Herausforderung für Entwicklungsländer nicht nur darin bestehen, sich vom Norden Technologien zur Abmilderung der Effekte der globalen Erwärmung und finanzielle Hilfe für Anpassungsmaßnahmen zu beschaffen, wie dies viele bei der Konferenz in Bali offenbar dachten.


 Zwar muss der Anpassungsprozess im Norden viel größer sein und schneller ablaufen, doch im Prinzip gilt für den Süden dasselbe: Es bedarf einer Abkehr von der Fixierung auf hohes Wachstum und hohe Konsumtion zugunsten eines Modells, mit dem sich allgemeiner Wohlstand erzielen lässt. Anders als die Strategie der Führungsriegen des Nordens, welche die Abkoppelung des Wachstums vom Energieverbrauch vorsieht, müsste eine progressive, umfassende Strategie im Norden wie im Süden darin bestehen, Wachstum und Energieverbrauch zu reduzieren, während man die Lebensqualität für die Mehrheit der Menschen verbessert. Das würde unter anderem bedeuten, dass wirtschaftliche Gerechtigkeit und Gleichheit zum neuen zentralen Paradigma werden. Das Endziel sollte ein Modell des niedrigen Konsums sein, des geringen Wachstums und der hohen Gleichheit. Das würde eine Verbesserung des Wohlstands für die breite Masse bedeuten, eine bessere Lebensqualität und eine stärkere demokratische Kontrolle der Produktion. Das heißt nicht, dass andere Faktoren wie eine gute Bevölkerungspolitik unwichtig wären. Sie sind es natürlich, aber eine Bevölkerungspolitik kann nur erfolgreich sein, wenn Gerechtigkeit und Gleichheit das Kernstück sind.


 Einer derart umfassenden Umstrukturierung werden die Eliten des Nordens und Südens wohl kaum zustimmen. Am ehesten werden sie wohl zu Schritten bereit sein wie jenem hin zu technischen Lösungen und einer marktorientierten Politik der Grenzwerte und des Emissionshandels. Das Wachstum bleibt so sakrosankt wie das System des globalen Kapitalismus. Doch angesichts einer drohenden Apokalypse muss die Menschheit ihr selbstzerstörerisches Verhalten ändern. Wie auch immer man es schaffen wird – am Ende wird eine gründliche Neuorganisation der Produktion, des Konsums und der Verteilung die Antwort der Menschheit auf den Klimanotstand und die allgemeine Umweltkrise sein. Eine solche Neuorganisation kollektivistisch, sozialistisch oder kommunistisch zu nennen wird die Entwicklung zu einem neuen System auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Gleichheit nicht aufhalten.


 In diesem Sinn stellt der Klimawandel zugleich eine Gefahr und eine Chance dar – eine Chance, die über lange Zeit aufgeschobenen sozialen und ökonomischen Reformen anzupacken, die bisher durch die Eliten, die ihre Macht halten oder erweitern wollten, abgelehnt beziehungsweise sabotiert wurden. Der Unterschied zwischen heute und damals ist, dass inzwischen das Überleben der gesamten Menschheit und des Planeten auf dem Spiel steht: Es kann nur gewährleistet werden, wenn das Wirtschaftssystem nicht auf feudalistischen, erpresserischen Pachtsystemen, auf einer Kapitalanhäufung beziehungsweise der Ausbeutung ganzer Klassen beruht, sondern auf Gerechtigkeit und Gleichheit.


 Immer wieder stellt sich heute die Frage, ob die Menschheit es schaffen wird, sich zusammenzuraufen, um eine wirksame Antwort auf den Klimawandel zu finden. Zwar gibt es in einer Welt voller Kontingenz keine Garantie, aber ich habe doch Hoffnung. Besonders interessant scheint mir die Frage: Wird der Kapitalismus als System der Produktion, des Konsums und der Verteilung in Anbetracht der Herausforderung überleben, dass eine echte Lösung für die Klimakrise gefunden werden muss?
 
 

Aus dem Englischen von Loel Zwecker
 



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