Schneemänner

von Nikola Richter

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Die Geschichte der Entdeckung der Pole ist eine Geschichte voller Strapazen – und eine Geschichte über Männer. Viele scheiterten. Manche gaben den letzten weißen Flecken auf der Landkarte Namen, spielten nicht nur Abenteurer, sondern auch Gott. Andere schrieben legendäre Reiseberichte, etwa Sir Ernest Shackleton, der im August 1914, am Tag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, in Richtung Antarktis in die See stach, dort mit seinem Schiff im Packeis festfror und mit unglaublichem Überlebenswillen alle seine Männer rettete. Sein Bericht fasziniert durch den unerschütterlichen Mut des Kapitäns und die Details über das Leben im Eiscamp. Seehundleber war dort ein Festmahl, in der Gemeinschaftskajüte „Ritz“ las man an langen Abenden aus der „Encyclopaedia Britannica“ vor. Die Vermehrung von Wissen war Programm.

Wenn Abenteurer Autoren werden, liest sich das oft etwas spröde. Umso mehr überraschen die anschaulichen Forschungsberichte der Teilnehmer einer ungarisch-österreichischen Expedition zum Nordpol, die 1873 eine nicht bewohnbare Landfläche über dem 81. Breitengrad entdeckten, das „Kaiser-Franz-Josephs-Land“. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr verwebt in seinem 1984 erschienenen Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ die Tagebucheintragungen der Kommandanten mit der fiktiven Geschichte des Italieners Mazzini, eines heutigen Zeitgenossen, der im Eis verschwindet. Der Autor sinniert wehmütig, er sei „ein Chronist, dem der Trost des Endes fehlt“. Mazzini steht für alle im Eis Verschollenen, denn „fortgelebt hat in solchen Erzählungen noch keiner“.

Heute ist alles entdeckt und kartografiert. Niemand stirbt mehr im Eis. Man kann über die Polkappen fliegen und sich alles bequem von oben anschauen. Expeditionen in die kalten Welten gibt es im Reisebüro ab 4.000 Euro (Nordpol) und ab 6.000 Euro (Südpol). Während einige der Klimatouristen in Argentinien am südlichsten Zipfel von Feuerland Rundfahrtschiffe besteigen, wartet Érik Orsenna auf das „Fenster“, die zwei oder drei ruhigen Tage zwischen den Tiefdruckgebieten, in denen die Drakestraße um das Kap Hoorn segelnd zu bewältigen ist. Der französische Autor begab sich 2006 mit der berühmten französischen Weltumseglerin Isabelle Autissier in die antarktischen Meere. Sein Reisebericht „Großer Süden“ enthält bereits im Titel die Haltung des Buches – Ehrfurcht: „Hat man die Antarktis um den Preis der härtesten Konfrontation mit der Natur erreicht, ist sie das Land der Wahrheit.“ Die Wahrheit ist nach Regionen aufgeteilt, gemäß der Poesie der Geografie. Orsenna fasst in der Tradition amerikanischer Reportageromane den aktuellen Wissensstand um Entdeckungsreisen, Walfang, Robbenjagd, Historie, Geografie, Ozeanografie zusammen. Von diesem oft sinnlichen und philosophischen Buch kann man viel lernen – auch über den Segeljargon: „Klar zum Hieven?“

Arved Fuchs’ Bild- und Textband „Die Spur der weißen Wölfe“ ist eine Lektion in der Kunst, Schlittenhunde zu lenken. Der Abenteurer durchkreuzte 2006 mit einem zweikufigen Komatik „Ellesmere Island“ – seit seiner ersten Arktis-Expedition im Jahr 1989, dem „Icewalk“, bei dem er 1000 Kilometer bei minus 50 Grad zurücklegte, sein „Sehnsuchtsland“, direkt südlich des Nordpolarmeers. Fuchs schreibt klar und eindrucksvoll vom Auf- und Abbau der Zelte, Frostbeulen, der Begegnung mit einem einsamen weißen Wolf, Forschern auf Wetterstationen, bizarren Eisformationen und „Steinmännern“, die vorher da gewesene Expeditionen zum Beweis aufgehäuft haben. Er erzählt von den kanadischen Inuit, die ihre traditionellen Hundegespanne gegen motorisierte Eismobile austauschen. Die teure Technik können sie sich nur leisten, weil sie Eisbärabschussrechte für mehrere Tausend Dollar an Trophäenjäger verkaufen. Wenn er selbstkritisch konstatiert: „Eine Nordpolexpedition ist die Entdeckung des absolut Nutzlosen“, ist er richtig sympathisch.

Nutzlos sind selbst heutige Expeditionen nicht. Zwar ist das Eis noch groß. Aber der Klimawandel droht am Horizont. Spielt er bei Orsenna im Vergleich zur Schönheit der Natur eher eine Nebenrolle, widmet sich Fuchs stärker den schon bemerkbaren Auswirkungen. Er ist der Warnende, denn die Eiskappe des arktischen Ozeans schrumpft jährlich um acht Prozent, neue Fischarten sind aufgetaucht, andere verschwunden, die Vegetationsgrenze hat sich in den Norden verschoben, die Eisbärpopulation ist in den letzten 45 Jahren durch Futtermangel um ein Drittel gesunken. Auch wenn die Reisen ins Eis heute für den Menschen nicht mehr lebensgefährlich sind, so haben sie ihre Legitimation bewahrt: Sie zeigen eine Welt, in der sich der Mensch noch immer der Macht der Natur beugen muss. Und sie geben Einblicke in die Komplexität und Zerbrechlichkeit unseres Ökosystems. Um das zu verstehen, muss sich der Mensch auf den Weg machen und darüber schreiben – damit auch die davon erfahren, die zu Hause bleiben.



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