Groß Winseln und Wehklagen

von Wolfgang Behringer

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Tierliebe gehört zu den hervorragenden Merkmalen des bürgerlichen Zeitalters und in ihren übertriebenen Formen führt sie nicht nur dazu, dass Schoßtiere besser behandelt werden als Kinder und bei empfindsamen Naturen der Horror vor dem Fleischverzehr zunimmt, sondern dass sogar gefährliche Raubtiere als possierliche Spielgefährten missverstanden werden. Zwar wird selbst der niedlichste kleine Eisbär („Knut“, „Flocke“) nach wenigen Wochen seinem Betreuer im Zoo zu gefährlich zum Schmusen aber das Publikums sehnt sich weiterhin nach Harmonie mit der Natur. Der Abschuss eines gefährlichen Braunbären („Bruno“) wird als Verbrechen beklagt. Selbst Wölfe (canis lupus) werden als muntere Spielgefährten angepriesen. Traten sie nicht auch im römischen Mythos von Romulus und Remus und in der germanischen Heldensage von Wolfdietrich als Menschenretter auf? Wölfe sind Tiere mit großem Gemeinschaftssinn, aber gerade ihre soziale Intelligenz macht sie zu gefährlichen Jägern.

Dass sie in Europa ausgerottet wurden, hat seinen Grund. Mit dem Ende des Römischen Reiches und dem Zusammenbruch der Bevölkerung nach den großen Seuchenzügen kehrten die Urwälder zurück. Die Natur war für Menschen furchterregend, ihre Wildnis wurde mit Chaos gleichgesetzt. Wölfe überfielen Herden und Reisende. Im Hungerjahr 843 drang in Sénonais – im heutigen Sens im Burgund – ein ausgehungerter Wolf während der sonntäglichen Messe in eine Kirche ein. Frostreiche Winter, Überschwemmungen im Frühjahr und dürre Sommer verursachten Missernten und Hunger. Die Menschen buken Brot aus untauglichen Materialien, in Sachsen aß man Pferdefleisch und vereinzelt kam es zu Kannibalismus. Menschen starben an Hunger. Die chronische Unterernährung und die große Kälte gehörten zu den Ursachen der hohen Sterblichkeit. Und die kalten Winter trieben die Wölfe aus den Wäldern. In Frankreich wurden Rudel von bis zu 300 Tieren gesehen. Der Kampf gegen die reißenden Bestien wurde mit aller Gewalt geführt, mit Fallen, Giftködern und Treibjagden. Karl der Große (747-814) ordnete 813 die Beschäftigung von Wolfsjägern (luparii) in allen Grafschaften seines Reiches an.

Das Auftreten der Wölfe kann in der europäischen Geschichte als Klimamarker dienen, denn Klima, Siedlungsdichte und Raubtierpopulation stehen in engem Zusammenhang. Während des Hochmittelalters wurde die Wolfsgefahr durch Waldrodungen und die Ausdehnungen der menschlichen Siedlungen in die Mittelgebirge und auf Hochgebirgstäler und Almen weit zurückgedrängt. Um 1200 gab es weniger Wälder in Deutschland als heute. Auf den britischen Inseln wurden Bären und Wölfe ganz ausgerottet. Auf dem Kontinent blieben die Wölfe in den unzugänglichen Wäldern des Ostens erhalten. Doch mit dem Rückgang der Bevölkerung seit dem 14. Jahrhundert breiteten sie sich wieder aus und in den Notjahren der „Kleinen Eiszeit“ kamen sie zum Vorschein. Die Hungerjahre waren Wolfsjahre. Wenn die Wölfe selbst in den Wäldern nicht genügend Jagdwild vorfanden, begannen sie wie im Frühmittelalter in menschliche Siedlungen vorzudringen. Nachts hörte man ihr unheimliches Heulen. Da wurde es für einsame Reisende gefährlich und die Bewohner einsamer oder abgelegener Gehöfte mussten sich überlegen, wie weit sie sich von ihren Behausungen entfernen durften. Obrigkeitliche Wolfsjagden galten in Frankreich als Zeichen der guten Regierung.

Der Züricher Chronist Johann Jacob Wick (1522-1588) berichtet im Zusammenhang mit der „großen unsäglichen Kälte“ und dem Zufrieren der großen Alpenseen im Winter 1570/1571 von „einem großen tiefen Schnee, und wie vil lüth erfroren und im schnee erstikt und umbkommen“. Wie im Frühmittelalter kamen die Wölfe aus den Wäldern und fielen aus Hunger Menschen an. Aus der gleichen Zeit ist das Schicksal dreier Näherinnen, die im oberen Rheintal in der Schweiz bei Zizers von einem Rudel Wölfe überfallen, zerrissen und aufgefressen wurden. Der calvinistische Pfarrer von Chur in Graubünden Tobias Egli berichtete dem Reformator Heinrich Bullinger in Zürich darüber. Sicher, die Wölfe waren hungrig, das macht ihr Vorgehen verständlich, aber die Menschen betrachteten unter dem Eindruck der konkreten Bedrohung den Vorfall nicht aus der Sicht der Wölfe. Vielmehr dachten sie an ihren eigenen Schutz.

Der Vorfall aus dem Rheintal war kein isoliertes Ereignis. Als imaginierte Inkarnation des Bösen zogen die „wütenden Wölfe“ im Osten Frankreichs, in Burgund und in der württembergischen Grafschaft Montbeliard Aufmerksamkeit auf sich. Aber eigentlich war man in der beginnenden Neuzeit – anders als im frühen Mittelalter – nicht mehr an eine Bedrohung durch Tiere gewöhnt. Das Vordringen der Wölfe erschien den Zeitgenossen „unnatürlich“ und damit erklärungsbedürftig. Es wurde im Rahmen einer semiotischen Interpretation der Umwelt als Zeichen gedeutet entweder als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen oder für eine besondere Gefährlichkeit teuflischer Umtriebe: Die Wölfe wurden als „unnatürlich“ interpretiert, als mit satanischer Hilfe in Tiere verwandelte Menschen. Das Auftreten der Wölfe dürfte nicht unwesentlich zum Wiederaufleben der Werwolfvorstellung im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert beigetragen haben. Diese abergläubischen Vorstellungen führten zusammen mit der faktischen Gefährlichkeit zur Ausrottung der Wölfe in West- und Mitteleuropa. Gelegentlich wurden – wie in Bedburg bei Köln 1589 – reale Wölfe sogar zusammen mit vermeintlichen Werwölfen hingerichtet. Zahlreiche illustrierte Flugblätter berichteten über das sensationelle Ereignis.

Der Begriff „Kleine Eiszeit“ wurde Ende der 1930er-Jahre von dem amerikanischen Glaziologen Francois Matthes geprägt. Zunächst tauchte er in einem Report über jüngere Gletschervorstöße in Nordamerika auf, dann im Titel eines Aufsatzes über die geologische Interpretation von Gletschermoränen des Yosemite Valley. Matthes interessierte sich für klimatische Abkühlungen, insbesondere für die Abkühlung nach der Warmzeit des Mittelalters. Die meisten heute noch existierenden Gletscher in Nordamerika gehen nach Matthes nicht auf die letzte große Eiszeit vor circa 20.000 Jahren zurück, sondern entstanden in dieser relativ kurz zurückliegenden Periode. Die Zeit vom 13. bis zum 19. Jahrhundert, in der es zu Gletschervorstößen in den Alpen, in Skandinavien und in Nordamerika gekommen war, nannte er – in Abgrenzung von den großen Eiszeiten – „the little ice age“.

Dieser Begriff wurde 1955 durch den schwedischen Wirtschaftshistoriker Gustaf Utterström aufgegriffen, der vorschlug, die ökonomischen und demografischen Schwierigkeiten Skandinaviens im 16. und 17. Jahrhundert durch eine Periode der Klimaverschlechterung zu erklären. Die große Dame der Gletscherforschung Jean Grove (1927-2001), der wir die erste Buchveröffentlichung zur Kleinen Eiszeit verdanken, hat in einem Überblick über zahllose Eiskernbohrungen in den Polkappen der Arktis und der Antarktis sowie auf Gletschern in Europa, in Nord- und Südamerika, im tropischen Afrika, in Asien und auf Neuseeland betont, dass auf ein klimatisches Optimum im Hochmittelalter mehrere Jahrhunderte folgten, in denen Wellen der Abkühlung zu immer neuen Vorstößen der Gletscher führten. Und dies nicht nur in Europa, sondern weltweit, wenn auch nicht immer ganz synchron. Den Beginn der globalen Abkühlung setzt Grove im 14. Jahrhundert und in den nördlichen Breiten sogar noch einige Jahrzehnte früher an. Die Gletscher wuchsen seit etwa 1300 und der Gletscherhochstand dauerte – mit intermittierenden Phasen eines leichten Rückgangs und erneuten Anwachsens – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Die große Kälte, die langen Winter, der viele Schnee, das dauerhafte Eis wurde schon von den Zeitgenossen aufmerksam registriert. Prediger nutzten, etwa anlässlich der Schneekatastrophe von 1611, die ungeheuren Schneemassen für ihre geistlichen Ermahnungen. Nach dem langen Winter von 1624 stellte der thüringische Geistliche Martin Pezold in seinen „Schneegedancken“ gar eine Art Chronik der europäischen Extremwinter zusammen. Und natürlich wurde das Gletscherwachstum bemerkt. So wandten sich im Jahr 1601 die Bauern von Chamonix in Panik an die Regierung von Savoyen, weil der Gletscher, der heute unter dem Namen Mer de Glace bekannt ist, ständig anwuchs, bereits zwei Dörfer begraben habe und gerade dabei sei, ein drittes zu zerstören. Martin Zeiller (1589-1661) schreibt in Merians „Topographia Helvetiae“ über das Wachstum des Grindelwald-Gletschers bei Interlaken im Berner Oberland: „Gestalt dann die Landleuthe dort herumb obseriren und bezeugen, dass dieser Berg dergestalt wachse und seinen Grund oder Erden vor sich her schiebe, dass wo zuvor eine schöne Matten oder Wiesen gewesen, dieselbe davon vergehe und zum rauen wüsten Berg werde Ja an etlichen Orthen man ihme umb seines Wahsthumbs willen mit denen darauff und daran stehenden Bawren Häusern oder Hütten habe weichen müssen: Es wachsen auch auß ihme große raue Schollen oder Eysschulpen, wie auch Steine und ganze Felsenstück, die der Orths befindliche Häuser, Bäume und anderes von sich beyseits in die Höhe schieben.“ Nach einer weiteren Beschreibung der Gletscherbewegung und des donnernden Krachens beim Tauen der Eisschollen schließt der Autor, dieser Berg nehme „durch sein Wachsen dem Bauersmann die Weyde, Allmend und Häuser. Ist also ein rechter Wunder-Berg“.

Zu den Klimamarkern, mit denen wir heute die globale Abkühlung der Kleinen Eiszeit nachweisen können, zählen auch die vielen Nachrichten über das Zufrieren der großen Alpenseen, der großen europäischen Flüsse (Donau, Rhein, Rhone, Arno und Ebro) und sogar der Meere (Ostsee, die Nordsee bis südlich von Island, die Lagune von Venedig). Eisberge trieben bis zu den Britischen Inseln. Dass der Klimawandel die Tierwelt betraf, haben bereits die Zeitgenossen bemerkt: „Die Wasser sind nicht mehr so fischreich als sie wohl ehemals gewesen, die Wälder und Felder nicht mehr so voll Wild und Tieren, die Luft nicht so voll Vögel.“ Der Hinweis auf den geringeren Flächenertrag der Felder dürfte ebenso der Wirklichkeit entsprochen haben wie der auf den sinkenden Fischbestand der Gewässer. Dabei wissen wir über Süßwasserfische weniger als über Seefische, denn im Nordatlantik wurde über die Fangerträge Buch geführt. Daher wissen wir, dass die Kabeljaubestände vor Island und Norwegen seit dem Spätmittelalter stark zurückgingen. Dies erklärt sich mit der Physiologie dieser Fische: Ihre Leber versagt bei Temperaturen unter 2 Grad Celsius und kann dadurch als Temperaturindikator dienen. In extrem kalten Jahren des 17. Jahrhunderts, etwa in den 1620er- und den 1690er-Jahren, verschob sich die Fischereigrenze weiter nach Süden und selbst bei den Färöer-Inseln konnte kein Kabeljau mehr gefangen werden.

Der protestantische Pastor Daniel Schaller schrieb am Ende des 16. Jahrhunderts: „Das Feld und Acker ist des Fruchttragens auch müde geworden und gar ausgemergelt, wie darüber groß Winselns und Wehklagens unter den Ackersleuten in Städten und Dörfern gehöret wird, und dannenher die große Teuerung und Hungersnot sich verursachet.“ Solche Stimmen werden gerne abgetan, doch sollte man sie als zeitgenössische Wahrnehmung des Klimawandels ernst nehmen. Denn wie zu Beginn der Eisenzeit erwiesen sich die höherwertigen Getreidesorten in Mitteleuropa als anfällig gegenüber der zunehmenden Feuchtigkeit und Winterkälte. In manchen Gebieten Nordeuropas – etwa Island – musste der Getreidebau ganz aufgegeben werden, in anderen gab man nur den anspruchsvolleren Weizen auf und behalf sich mit mageren Ernten von Hafer und Roggen. Aus den Beobachtungen der Erntezeiten wissen wir, dass die Obstblüte, die Heuernte oder die Reifezeit der Trauben sich wegen der Ungunst der Witterung hinausschob. In manchen Jahren war der Sommer nördlich der Alpen nicht lang genug für die Traubenreife oder es gab nur sauren Wein. Mit Weizen und Wein betraf die Verschiebung der Vegetationsgrenzen zentrale Nutzpflanzen der europäischen Agrikultur. Während im Hochmittelalter Weinbau sogar in Südnorwegen und England betrieben wurde, verschob sich die Weinbaugrenze im 14. und noch einmal im 16. Jahrhundert erheblich nach Süden. Zur Zeit Schallers war der Weinbau an der Ostseeküste bereits ganz aus dem Gesichtskreis geraten.

Auch minimaler Klimawandel bewirkte in historischer Zeit gravierende Veränderungen im Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die Durchschnittstemperatur dürfte vor 400 Jahren wenig mehr als 1 Grad Celsius unter der heutigen gelegen haben, in einzelnen Jahren wirkten sich die Schwankungen allerdings erheblich stärker aus. Die Abkühlung erzeugte reale Bedrohungen und irrationale Ängste aller Art und führte zu erheblichen Veränderungen der menschlichen Zivilisation. Mittelfristig führte sie zu einer verbesserten Vorsorge durch bessere Anbaumethoden, effektivere Tierhaltung sowie bessere Gesundheits- und Hygienemaßnahmen. Mit der Wissenschaftsrevolution und der Industrialisierung führte die Reaktion der Menschen auf die globale Abkühlung der Kleinen Eiszeit langfristig aus der Knappheitswirtschaft der Vormoderne heraus. Weniger beachtet wurde das veränderte Verhalten unserer Vorfahren zur Natur. Wenn der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) aufgrund des englischen Bürgerkriegs zu dem Schluss kam, der Mensch sei des Menschen Wolf (Homo homini lupus), so spiegelt sich darin schon die Gewissheit, dass in der Mitte des 17. Jahrhunderts reale Wölfe keine Gefahr mehr darstellten. Im Westerwald machte man den Wolfspopulationen in der Mitte des 18. Jahrhunderts den Garaus. Doch noch 1798 meldete die Vossische Zeitung (Berlin), dass im Jahr zuvor aufgrund einer Fangprämie beinahe 10.000 Wölfe erlegt worden seien, allerdings bezog sich diese Meldung auf die östlichen Teile des Königreichs Preußen. Im Taunus wurde 1829 der letzte Wolf erlegt, im Westerwald noch 1840 ein einsamer Rüde zur Strecke gebracht. Zur Vertreibung der Wölfe trugen jetzt wie im Hochmittelalter auch die Bevölkerungsvermehrung und die Siedlungsverdichtung im Gefolge der Industrialisierung bei. Ihr Verschwinden führte zum Abebben der archaischen Ängste. Die neue Liebe zur Natur weckte das Interesse auch an den alten Feinden der Menschheit, und seit den 1970er-Jahren stehen sie unter Naturschutz. Gejagt werden sie trotzdem, denn wer will ernsthaft ihre Rückkehr ins Rheintal?



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