Klimakriege

Christian Parenti

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Ganz gleich, welche wirtschaftlichen und technologischen Reformen in den nächsten 50 Jahren eingeführt oder umgesetzt werden – der Klimawandel wird zu radikalen Brüchen führen: Dürre, Überflutungen, Hungersnöten, Migration, Krieg und Staatsversagen. Der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer, warnte 2007 auf der Weltklimakonferenz in Bali: „2010 könnte es bis zu 50 Millionen Flüchtlinge aufgrund von Klimawandel, Wüstenbildung und Abholzung geben. Der Wettbewerb um Wasser, Energie und Lebensmittel kann zu ethnischen Rivalitäten und regionalen Konflikten führen.” 


  Auf den ersten Blick werden viele klimabedingte Konflikte durch andere Kräfte wie Ethnizität oder Religion verursacht. Nehmen wir Kenia, ein Land, dessen politische Ordnung offensichtlich versagt hat. Im Februar 2008 kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Miliz und Mob in den Slums von Nairobi und im Rift Valley. 800 Menschen wurden bei Straßenkämpfen getötet. Der Hauptkonflikt findet zwischen den Kikuyu, die Präsident Mwai Kibaki folgen, und den Lou, die Raila Odinga die Treue halten, statt: Einerseits offenbart sich hier ein ethnischer Konflikt, ein Kampf, gespeist von Vetternwirtschaft und politischem Filz in einem zutiefst korrupten Land andererseits trägt der Klimawandel tiefgründig zur Gewalt bei. Die fundamentale ethnische Spaltung stellt Nachfahren der Bantu-Bauern vertriebenen nilotischen Viehhirten gegenüber. Derselbe grundlegende Konflikt findet in Gestalt von „Araber gegen Afrikaner“ weiter nördlich im Sudan statt und basiert im Grunde auf einer klimabedingten Auseinandersetzung zwischen Bauern und Viehhirten und auf der Krise, die diese beiden miteinander verflochtenen Produktionsmodi belastet.


  Steigende Temperaturen im Atlantik aufgrund des Klimawandels sorgen für geringere Regenfälle und damit für Dürre in ganz Afrika. Trockenheit bedeutet schrumpfende Grasflächen, sodass verschiedene ethnische Gruppen ihre Herden außerhalb der traditionellen Gebiete weiden lassen, was die Spannungen verschärft. Diejenigen, die an der traditionellen Viehhirtenwirtschaft festhalten, geraten mit Bauern und anderen Viehhirten aneinander. Um den kurzen Herbst auszugleichen – Getreideernten gehen zurück, Herden verringern sich – nehmen die Überfälle auf Vieh zu. Viehangriffe, in Kenia eine altehrwürdige Tradition, werden jetzt mit Maschinengewehren ausgeführt und immer blutiger etliche Kenianer sind ihnen in den letzten Jahren zum Opfer gefallen. Die Überfälle überschreiten sogar nationale Grenzen und zwingen die Militärs der Nachbarstaaten zum Eingriff. In mehreren Fällen sind Hunderte Angreifer von Äthiopien oder Kenia nach Uganda übergelaufen. 


  Aufgrund der Dürre benötigen etwa elf Millionen Menschen auf den Weideflächen Ostafrikas Lebensmittelhilfe. Untersuchungen von Christian Aid im Nordosten Kenias haben 2007 ergeben, dass sich die Trockenheit im Laufe der letzten 25 Jahre vervierfacht hat. Darüber hinaus haben in den letzten 20 Jahren ein Drittel aller Viehhirten – eine halbe Million Menschen – die Lebensweise ihrer Ahnen aufgegeben und sind in die Stadt gezogen. Viele dieser Menschen sind jetzt nach der Wahl von ethnischer Gewalt betroffen. 


  Man kann die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Kenia, den Zusammenbruch von Recht und Ordnung und grundlegenden Funktionen des Staates also als den Beginn eines Klimakrieges sehen – eines Krieges der Viehhirten untereinander und mit ihren Nachbarn. Oder aber man kann diese Ereignisse als Sache von Wahlfilz betrachten. In Wirklichkeit sind sie beides.
 
 In der afghanischen Provinz Nagahar an der Grenze zu Pakistan wächst der Mohn in Hülle und Fülle. Der Krieg gegen den Mohn destabilisiert Afghanistan und treibt so den Aufstieg des Fundamentalismus an. Schätzungen zufolge produziert Afghanistan derzeit 92 Prozent des illegalen Opiums, von dem der Großteil zu Heroin und Morphin verarbeitet wird. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Mohn, der damit verbundenen Verarbeitung und dem Handel steuern angeblich jedes Jahr 2,7 Billionen Dollar zur afghanischen Wirtschaft bei das entspricht der Hälfte des rechtmäßigen Bruttoinlandsproduktes des Landes. Afghanistan ist der Inbegriff eines gescheiterten Staates. Die gerichtlichen Anordnungen von Kabul enden am Rand der Stadt, und auf dem Land nimmt die politische Autorität fast mittelalterliche Züge an: Die Macht wird hier mal von einem starken Grundbesitzer, mal von einem Provinzgouverneur und mal vom Polizeichef ausgeübt. 


 Was treibt den Ausbau der Mohnproduktion an? Die Antwort ist vielschichtig, ein Grund ist jedoch, dass Afghanistan unter der schlimmsten Dürreperiode seit den späten 1960er-Jahren leidet. Damals schon führte die Trockenheit zu Hungersnöten, gewalttätigen Auseinandersetzungen und zwei Staatsstreichen, 1973 und 1978. 2006 fiel die Produktion von Weizen, die Hauptnahrungsquelle für die meisten Afghanen, aufgrund einer Trockenperiode von 4,4 auf 3,7 Millionen Metertonnen, ein umweltpolitisches wie wirtschaftliches Problem. Heimische Märkte wurden mit billigen Weizenimporten aus den Nachbarländern überschwemmt und afghanische Bauern verlegten sich auf den Mohn, eine Pflanze, die pro Kilo weitaus höhere Preise einbringt. Und in Zeiten der Dürre muss jede Ernte – ist sie auch noch so klein – genug Geld einbringen. 


 Der Mohn finanziert die Taliban, und indem sie seinen Anbau tolerieren und schützen, sichern sie sich die Loyalität armer Bauern. Die NATO-Mächte reagieren darauf, indem sie den Mohnanbau angreifen, da sie ihn als Finanzierung des Terrorismus durch Drogen betrachten. Der private amerikanische Nachrichtendienst Stratfor Intelligence hat sehr richtig festgestellt, worum es in Wirklichkeit geht: „Hauptziel des Mohnvernichtungsplans ist es, langsam die kleineren, leichter handhabbaren und häufig rücksichtsloseren Warlords, wenig bekannte Provinzakteure, zu beseitigen.” Drogenvernichtung dient den Beamten vor Ort häufig auch dazu, Schmiergelder von armen Bauern zu verlangen, und sie hilft örtlichen Warlords, sich erfolgreich gegen Kabul aufzulehnen. Bauern haben mir in Interviews berichtet, dass Widerstand gegen die Drogenvernichtung nur örtliche Befehlshaber unterstütze, denn bedrohte Bauern müssen sich an örtliche Bewaffnete wenden, wenn sie Hilfe wollen. In Afghanistan ist Drogenvernichtung ein anderer Name für das schludrige Niederschlagen eines Aufstands und als solcher bringt er nur größere Instabilität.
 
 Indien ist das zweitgrößte Land der Welt mit der am zweitschnellsten wachsenden Wirtschaft man kann es schwerlich als gescheiterten Staat bezeichnen, doch auf dem Land zieht eine Umweltkrise herauf, die zum Zusammenbruch von Recht und Ordnung führt. Und hierin zeichnen sich die Konturen einer tieferen Krise in naher Zukunft ab.


 Zwei Drittel alle Inder sind heute Bauern und komplett von den Monsunregen abhängig. Leider wird der Monsun immer weniger vorhersehbar, was für die Bauern höhere Schulden bedeutet. Wenn der Regen ausfällt, können sie ihre Schulden nicht zurückzahlen: Sie geraten in Verzug, verlieren ihr Land und begehen immer öfter Selbstmord, indem sie Pestizide trinken. Nach Berichten von Landaktivisten hat sich die Selbstmordquote in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Andere Bauern entscheiden sich für das Banditentum, und wieder andere wenden sich gewalttätigen Handlungen zu, indem sie sich den Naxaliten anschließen. Diese maoistischen Guerrillas sind schon jetzt in der Hälfte aller indischen Bundesstaaten aktiv. Premierminister Manmohan Singh hat sie als die größte Bedrohung der inneren Sicherheit Indiens seit der Unabhängigkeit bezeichnet. Jedoch gibt es auch Zehntausende Landwirte, die Gewalt meiden sie haben sich zu einer riesigen gewaltlosen Bewegung zusammengeschlossen und verlangen Unterstützung für die Mehrheit der indischen Bevölkerung auf dem Land.


 Große Teile der ländlichen Bevölkerung Indiens verhungern oder stehen kurz davor: 1991 lag der durchschnittliche Verbrauch eines Inders an Lebensmittelgetreide bei 178 Kilo. 2002 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 155 Kilo. Dennoch strich die Regierungskoalition der United Progressive Alliance (eine Koalition der Mitte, die von der Kongresspartei dominiert wird) Ausgaben für ländliche Entwicklung drastisch zusammen, als sie 2004 an die Macht kam. 2007 stellte ein Bericht der indischen Regierung fest, dass 77 Prozent des Landes, umgerechnet 836 Millionen Menschen, von weniger als 20 Rupien (also weniger als einem Euro) am Tag lebten.


 Die Krise auf dem Land ist in Indien auf folgende Kräftekonstellation zurückzuführen: klimabedingte Dürre plus Umstrukturierung im Sinne der freien Marktwirtschaft, im Zuge derer Fördergelder für indische Bauern gestrichen wurden und genmanipuliertes Saatgut aggressiv vermarktet wurde. Bauern dürfen Saatgut nur von Monsanto kaufen und können – anders als in der Vergangenheit – ihr eigenes Saatgut für die Ernte des nächsten Jahres nicht produzieren und reproduzieren. Das Ergebnis ist eine Schuldenspirale, die nur noch weiter nach unten führt.


  In den letzten Jahrzehnten sind Bauern und Stämme immer mehr durch unaufhaltsame Entwicklungsprojekte vom dem bisschen Land verdrängt worden, das sie noch besaßen. Schätzungen zufolge wurden seit der Unabhängigkeit über 20 Millionen Menschen als „Binnenflüchtlinge“ klassifiziert. Im Oktober 2007 marschierten 30.000 Arme aus den ländlichen Gebieten in Richtung Delhi, viele von ihnen liefen 300 Meilen zu Fuß.


 Überall auf der Welt gibt es Konflikte, die anscheinend durch unterschiedliche Glaubens- und Identitätsvorstellungen bedingt sind. Bei genauerem Hinsehen beruhen viele dieser Konflikte jedoch auf wirtschaftlichen Spannungen, deren Wurzeln in der Instabilität des Klimas liegen. Die Umgestaltung in eine grüne Ökonomie ist daher umso dringender.
 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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