Historischer Umbruch

von Dirk Messner

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Die Erde ist heute fast ein Grad wärmer als in vorindustriellen Zeiten. Die weitere Erwärmung um 1,5 bis 2 Grad, die praktisch nicht mehr aufzuhalten ist, wird in den kommenden Jahrzehnten enorme Auswirkungen haben.Eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf etwa 2 Grad bis Ende dieses Jahrhunderts ist nur noch möglich, wenn bis 2050 die globalen Treibhausgasemissionen um 50 Prozent reduziert werden. Misslingt eine solche wirksame Klimapolitik, steigen die Temperaturen auf bis zu 6 Grad an. Je höher die Erwärmung ausfällt, desto größer werden die weltweiten Risiken sein. Wenn etwa der Amazonasregenwald austrocknet, könnte sich dies auf den lateinamerikanischen Naturraum auswirken, auf landwirtschaftliche Potenziale und Migrationsprozesse sowie das Weltklima, weil eine erhebliche Menge Kohlendioxid freigesetzt würde.

Weitreichende Folgen für viele Millionen Menschen weltweit hätte auch ein Meeresspiegelanstieg von einem Meter. New York, das in der Vergangenheit im Jahrhundertrhythmus von verheerenden Sturmfluten getroffen wurde, müsste mit solchen Katastrophen künftig alle vier Jahre rechnen. New York könnte vermutlich die notwendigen Rückbauten ganzer Stadtviertel, die Umsiedlung von Menschen oder Schutzinfrastrukturen finanzieren. Ob dies in anderen bedrohten Millionenstädten wie Lagos, Kinshasa, Dhaka, Bangkok oder St. Petersburg gelingen kann, ist fraglich. Für solche radikalen Veränderungen von Natur- und Lebensräumen gibt es in der Geschichte der vergangenen 10.000 Jahre keine historischen Beispiele. Die internationale Gemeinschaft würde in ein welthistorisches Experiment mit unbekanntem Ausgang geführt.

Einige Beispiele: In Afrika wird bis 2020 die Zahl der unter Wasserknappheit leidenden Menschen auf 75 bis 250 Millionen ansteigen. In einzelnen Ländern werden die landwirtschaftlichen Erträge um bis zu 50 Prozent sinken. Im Nildelta wird der Anstieg des Meeresspiegels zur Versalzung wichtiger landwirtschaftlicher Nutzflächen führen, während die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Ackerböden und Süßwasser durch anhaltendes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung aus den angrenzenden Trockenregionen voraussichtlich weiter zunimmt. In Asien bringt die Gletscherschmelze im Himalaja neben Überflutungen und Erdrutschen vor allem die Verknappung der Süßwasserressourcen, von der 2050 mehr als eine Milliarde Menschen betroffen sein könnten.

In weiten Teilen des Kontinents werden Überflutungen und Temperaturanstieg Durchfallerkrankungen fördern und damit wahrscheinlich die Sterblichkeitsrate erhöhen. Die Versalzung der Böden und veränderte Monsunverläufe dürften zudem die regionale Nahrungsmittelproduktion in Indien, Pakistan und Bangladesch beeinträchtigen, deren Erträge zur Jahrhundertmitte um bis zu 30 Prozent sinken könnten. In China würden unter anderem die wirtschaftlich bedeutsame Südostküste (Tropenstürme) und weite Teile des Hinterlands (Dürren, Hitzewellen, Desertifikation) von den Folgen eines ungebremsten Klimawandels besonders stark betroffen sein. In Südamerika wird das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher in der Andenregion zusammen mit veränderten Niederschlagsmustern die verfügbaren Süßwasserressourcen wahrscheinlich verknappen. Die Wasserressourcen im Großraum von Lima, wo etwa 10 Millionen Menschen leben, hängen zu über 80 Prozent vom Gletscherschmelzwasser ab.

Sicher ist: Die Erreichung der Millenniumsziele wird mit fortschreitendem Klimawandel immer unwahrscheinlicher. Weiterhin wird ein ungebremster Klimawandel die innergesellschaftliche und dann die Süd-Süd-Migration anstoßen. Nordamerika und Europa können mit verstärkter Migration aus Zentralamerika und Nordafrika rechnen. Bisher sind im Völkerrecht Umwelt- oder Klimamigranten nicht vorgesehen und können die Schutzgarantien der Genfer Flüchtlingskonvention nicht in Anspruch nehmen. Die Frage, wer für die Kosten, die zum Beispiel durch klimabedingte Migrationsprozesse entstehen, aufkommt, wird zukünftig auf der Agenda der Weltpolitik stehen.

Vor diesem Hintergrund wird der Klimawandel zu einem Querschnittsthema der internationalen Beziehungen. Die Außenpolitik muss dazu beitragen, ein internationales Umfeld zu schaffen, das einen Erfolg der Klimaverhandlungen begünstigt. Insbesondere müssen die „Motoren des Klimawandels“ in den OECD-Ländern (inklusive des Problemfalls USA) und China (sowie zukünftig auch Indien) in Richtung einer globalen Klimaschutzallianz bewegt werden. Die Entwicklungspolitik kann Anpassungsstrategien an den Klimawandel in den Entwicklungsländern unterstützen. Zudem kann sie durch Impulse den Aufbau von „low carbon economies“ in den Ländern des Südens unterstützen. Die Handels- und Umweltpolitik muss Rahmenbedingungen für einen möglichst umfassenden internationalen CO2-Emissionshandel entwickeln.

Die internationale Energiepolitik muss den Umbau des globalen Energiesystems vorantreiben, um bis 2050 eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 50 Prozent zu ermöglichen. Eine Transformation des fossilen in ein nichtfossiles Weltenergiesystem wird ohne internationale Forschungs- und Entwicklungskooperationen kaum zu schaffen sein. Die internationale Flüchtlingspolitik muss sich mit dem Phänomen der Klimamigration auseinandersetzen. Die Liste könnte leicht weiterentwickelt werden. Deutlich wird: Strategien zur Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels („avoid the unmanagable“) und die Bearbeitung der Folgen der globalen Erwärmung („manage the unavoidable“) können nur durch eine umfassende Strategie außenorientierter Politiken gelingen.

In internationalen Verhandlungen und Beziehungen ergänzen sich stets drei Interaktionsmodi, deren Logiken auch in der globalen Klimapolitik gelten. Der „Verhandlungsmodus“ wird von der Diplomatie bestimmt hier ist derzeit die große Frage, ob unter enormem Zeitdruck bis „Kopenhagen 2009“ trotz der vielen Interessendivergenzen zwischen den beteiligten Akteuren ein wirksames Post-Kyoto-Regime entwickelt werden kann. Der „Argumentationsmodus“ enthält die Autorität von Experten und Wissenschaft. Damit internationale Verhandlungen zur Problemlösung beitragen können, muss man klären, worin das Problem, das gelöst werden soll, überhaupt besteht. Das „International Panel on Climate Change“ (IPCC) hat dazu beigetragen, das Klimaproblem zu erklären. In Zukunft wird es auch verstärkt darum gehen, wie der Klimawandel durch internationale Kooperation abgebremst und seine Wirkungen bearbeitet werden können. Der „Dialogmodus“ schließlich ist das Spielfeld Auswärtiger Kulturpolitik. Bei Dialogprozessen geht es um die Auseinandersetzung mit Normen und Werten sowie die Verbreitung von Wissen über die politischen Entscheidungsträger und Experten. Zur Bearbeitung des Klimawandels sind Dialoge über Normen und Werte sowie Dialogprozesse, die über die politischer Entscheidungsträger und Experten hinausgehen, von zentraler Bedeutung.

Erstens ist das weltweite Bewusstsein über die Tragweite dieses drohenden historischen Umbruchs trotz der intensiven internationalen Debatten der vergangenen Jahre noch stark unterentwickelt. Die Potsdamer Klimakonferenz im Herbst 2007, zu der das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung etliche Nobelpreisträger eingeladen hatte, endete mit dem Resümee eines Wirtschaftsnobelpreisträgers. Er stellte fest, dass die Technologie, die monetären Ressourcen und das Wissen zur Begrenzung des Klimawandels vorhanden sind. Die entscheidende Frage sei, ob die Menschen weltweit „globale Wir-Identitäten“ herausbilden könnten, um die komplizierten Interessensdivergenzen im internationalen Staatensystem im Feld der Klimapolitik aufzubrechen und wirksame sowie auf Interessenausgleich ausgerichtete „Global Governance“-Strukturen zu entwickeln, die Voraussetzung für eine Lösung des Weltproblems Klimawandel wären. Hier liegt eine große Herausforderung für die Auswärtige Kulturpolitik.

Zweitens betrifft der Klimawandel die Weltgemeinschaft, aber seine sozioökonomischen Wirkungen werden ungleich verteilt sein. Gerechte internationale Lastenteilungen sind notwendig, um internationale Verteilungskonflikte zu entschärfen. Für „Fairness und Gerechtigkeit“ im Schatten des Klimawandels gibt es keine akzeptierten internationalen Normen. Internationale Dialoge, insbesondere auch mit den zukünftig betroffenen Menschen in den Entwicklungsregionen werden notwendig sein, um Maßstäbe für einen gerechten Lastenausgleich im Rahmen des Klimawandels zu entwickeln.

Drittens geht die Auswärtige Kulturpolitik über Dialoge zwischen Menschen hinaus. Sie kann den internationalen Austausch über Musik, Malerei, Theater und Literatur fördern. Daniel Barenboim hat durch sein jahrzehntelanges Bemühen, palästinensische und israelische sowie jüdische, christliche und muslimische Musiker in gemeinsamen Orchestern zu musikalischen Höchstleistungen zusammenzuführen, einen unschätzbaren Beitrag zur Versöhnung zwischen Kulturen und zwischen Nachbarn im Nahen Osten geleistet.

Der Klimawandel stellt die Staatengemeinschaft und die Menschheit vor große gemeinsame Herausforderungen. Es wäre verwunderlich, wenn die Kunst diese gesellschaftlichen Dynamiken nicht aufnähme. Manchmal können Kunst und Kultur gerade an den Punkten Menschen zusammenführen, an denen der „Verhandlungs-“ und der „Argumentationsmodus“ an ihre Grenzen geraten. 



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