Über Kulturkämpfe

von Jenny Friedrich-Freksa

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Foto: Max Lautenschläger


„Oh Gott, bitte nicht schon wieder Cancel Culture und Identitätspolitik“, sagte ein Freund, als ich ihm von der Idee für dieses Heft, einer Ausgabe über Kulturkämpfe, erzählte. Über Menschen mit Macht wollten wir berichten und über Menschen in Ohnmacht. Über jene, die derzeit für mehr Gerechtigkeit und Gehör kämpfen, also sehr viele, die nicht eindeutig weiß, eindeutig männlich, eindeutig „normal“ sind. Wir wollten über die Mittel sprechen, die in diesem Kampf eingesetzt werden: über strenge neue Sprachregelungen ebenso wie über das gesellschaftliche Ächten von Menschen, die nach Ansicht jener, die neue Zeiten einläuten möchten, falsche Wörter benutzen oder falsche Ansichten vertreten. Die Empörung in den Debatten über die „richtige“ oder die „falsche“ Kultur, in der wir zusammenleben, ist groß. Das gemeinsam Mögliche scheint immer kleiner, fast unerreichbar zu werden. Zu tief die Gräben, zu tief der Frust. Zu viel Schwarz und Weiß.

Wir führen auch in der Redaktion zu diesen Themen schon seit Längerem harte Diskussionen. Die Meinungen sind weit aufgefächert. Und wir fragen uns im Kleinen, was wohl auch für das größere Zusammenleben gilt: Wie können wir einen common ground finden, auf den wir uns einigen können, auch wenn wir in vielem unterschiedlicher Meinung sind?

Über diese Dinge dachten wir nach, sprachen mit internationalen Autorinnen und Autoren wie Ibram X. Kendi oder Maaza Mengiste über ihre Ideen und Ansichten, diskutierten, arbeiteten. Dann kam der Krieg in der Ukraine, und plötzlich schienen diese innergesellschaftlichen Erregungen so klein, so bedeutungslos. Plötzlich können sich fast alle, die Katastrophe des Krieges vor Augen, doch auf etwas Gemeinsames einigen: Jetzt sind wir vereint gegen den Aggressor, für den Frieden.

Die anderen Fragen, alle, die in diesem Heft stehen, sind dennoch da und wer- den weitergefragt werden, davon bin ich überzeugt. „Das Schließen politischer Allianzen ist für Demokratien überlebenswichtig“, schreibt die Historikerin Ute Frevert. Man könnte hinzufügen: Allianzen können auch aus Streit entstehen, aber irgendwann muss jeder einen Schritt auf den anderen zu machen.



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