Rigide Exklusion

von Ute Frevert

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)


Es ist nicht leicht, in Berlin einen Text über Kulturkämpfe zu schreiben, während unweit von hier Menschen in der Ukraine um ihr nationales Selbstbestimmungsrecht kämpfen und dafür ihre Existenz aufs Spiel setzen. Die sozialen und kulturellen Anerkennungskonflikte, die die Debatten der „Friedenszeit“ bestimmt haben, wirken in der neuen Zeit des Krieges seltsam blutleer, obwohl auch sie mit Herzblut und harten Bandagen geführt wurden. Der russische Angriff auf das Nachbarland hat eine andere Realität geschaffen, in der manches, was uns gestern von zentraler Bedeutung schien, einen nachgeordneten Stellenwert einnimmt.

Aber es gibt etwas, was die alte und neue Wirklichkeit verbindet. Fast immer geht es um Geschichte, ihre Deutung und ihren politischen Nutzwert. Dem russischen Präsidenten und Aggressor ist es ein Herzensanliegen, die Geschichte zu revidieren. Der Verlust des Imperiums nach 1990/91 soll rückgängig gemacht, „abtrünnige“ Gebiete mit Gewalt heim ins Reich geholt werden. Dafür greift man auf Rechtfertigungen zurück, die sich ihrerseits auf Geschichte berufen: Die Ukraine als Staat und Nation habe angeblich gar keine historische Identität und deshalb auch keine Daseinsberechtigung.

Geschichtspolitik spielt auch in den Kulturkämpfen eine Rolle, die in den letzten Jahren im laut Putin dekadenten und schwachen Westen ausgefochten wurden. Ob es um Denkmalstürze oder Straßenumbenennungen durch die „Black Lives Matter“-Bewegung geht: Stets wird dabei eine bestimmte Version von Geschichte mitverhandelt. Allerdings peilen solche Aktionen, anders als Putins Attacke gegen die Ukraine, keine faktische Revision historischer Ereignisse und Tatsachen an. Weder der britische Sklavenhandel noch die deutsche, belgische, französische, niederländische Kolonialgeschichte lassen sich ungeschehen machen. Aber man kann ihre Interpretation und Bewertung verändern. Solche Prozesse finden andauernd statt, selten aber mit so viel moralischer Emphase und quasirevolutionärem Elan wie derzeit. Dass die Akteure von damals vom heroisierenden Sockel gestoßen und aus dem Stadtbild gelöscht werden, fühlt sich an wie ein rigoroser Reinigungsakt, mit dem man die schmutzige Vergangenheit hinter sich lässt beziehungsweise sich über sie erhebt. Je radikaler die Distanzierung ausfällt, desto eindeutiger ist das politische Zeichen gegen den aktuellen Rassismus oder andere Formen der Diskriminierung. Mit historischer Aufklärung oder dem, was Psychoanalytikerinnen Durcharbeiten nennen, hat das wenig zu tun. Was zählt, ist die hohe moralische Geste.

„Es ist dieser Hang zu plakativen Großkategorien, der die aktuelle Diskussion vergiftet“

Diese Geste ist auch deshalb so wichtig, weil sie es erlaubt, sich von denen abzusetzen, deren Geschichtsdeutung weniger auf Radikalität und mehr auf Differenzierung und Perspektivenvielfalt achtet. Sie werden sehr schnell und sehr allgemein als Verteidiger dessen gebrandmarkt, was man aus gutem Grund bekämpft, und sehen sich dem rufschädigenden Verdacht ausgesetzt, selber Rassistinnen und Rassisten zu sein. Das betrifft auch diejenigen, die Bauchschmerzen bei der allumfassenden Verwendung des Rassismus-Begriffs im wissenschaftlichen oder politischen Diskurs haben. Geläufige Definitionen dehnen ihn so weit aus, dass er fast jede Form der Diskriminierung, Marginalisierung und Stigmatisierung sozialer Gruppen einschließt. Damit aber verliert er Trennschärfe und analytische Kraft. Und wird auch politisch zu einem stumpfen Schwert. Ein Kollege, dessen Mutter aus Japan und dessen Vater aus Australien stammte, musste sich bei der Bewerbung um einen akademischen Job in den USA als „Person of Color“ identifizieren – obwohl er nicht nur per Hautfarbe weiß war, sondern auch über die damit oft (aber längst nicht immer) verbundenen Privilegien wie Bildung, Einkommen, kulturelles Kapital verfügte. 

Es ist dieser Hang zu plakativen Großkategorien – hier „People of Color“, dort „Weiße“ –, der die aktuelle Diskussion belastet und vergiftet. Sie beziehen ihre Attraktivität aus ihrer Fähigkeit zu breiter Inklusion und rigider Exklusion. Damit eignen sie sich vorzüglich als politische Kampfbegriffe, die Opfer und Täter fein säuberlich voneinander scheiden. Aber sie verhindern das, was für Demokratien überlebenswichtig ist: das Schließen politischer Allianzen, die Zusammenarbeit mit Menschen, die in den großen Fragen einer Meinung sind, sich aber im Detail unterscheiden und darüber im Gespräch bleiben wollen. Moralischer Rigorismus macht dieses Gespräch unmöglich.

„Ein ernsthaftes Gespräch findet kaum statt, gefragt sind Beschuldigungen und Entschuldigungen“

Das lässt sich auch an den Kulturkämpfen rund um den Feminismus beobachten. Es ist chic geworden, die Feministinnen der 1970er- und 1980er-Jahre (und die, die es bis heute geblieben sind) auf die Anklagebank zu setzen. Entweder haben sie die Welt in nur zwei Geschlechter geteilt und keine Empathie für Diverse oder Trans-Personen gezeigt. Oder sie waren zu „weiß“ und seien, wie es die in Pakistan geborene und aufgewachsene US-Amerikanerin Rafia Zakaria jüngst in einem Interview formulierte, über „Women of Color auf allen Kontinenten hinweggetrampelt“.  Dagegen könnte man vieles einwenden. Immerhin gründeten Feministinnen das Frauenhaus, in dem Zakaria einst Zuflucht vor ihrem gewalttätigen, ebenfalls aus Pakistan stammenden Ehemann fand. Feministinnen erkämpften auch das liberalere Abtreibungsrecht, das in den USA derzeit wieder zur Disposition steht. In Deutschland kam es vor allem jenen Frauen zugute, die nicht das Geld oder die Beziehungen hatten, „nach Holland“ zu fahren.

Aber solche Einwände können den Furor selbstgewisser Opfer-Anwältinnen nicht stoppen. Auch hier gilt: Je radikaler die Distanzierung, desto größer die moralische Empörung, mit der man die Angeklagten in die Knie zu zwingen sucht. Noch einmal Zakaria: „Ich will, dass weiße Frauen anerkennen, dass sie von vielen Privilegien profitiert haben. Die Verweigerung dieser Erkenntnis ist für mich ein rassistischer Akt.“ Allerdings entbindet eine solche Selbstbezichtigung „weiße“ Frauen mitnichten vom Rassismus-Verdikt, sondern bestätigt ihren „angeborenen“ Rassismus. Daraus gibt es offenbar kein Entrinnen. Umgekehrt stehen jene, die den Vorwurf erheben, im hellen Schein des derzeitigen Weltgeistes, der Eindeutigkeit liebt und den Opferstatus sakralisiert. Dass sie mit ihren Großkategorien „Women of Color“ versus „weiße Frauen“ weit hinter alle Erkenntnisse zurückfallen, die seit fünf Jahrzehnten über die Überschneidung verschiedener Diskriminierungskategorien (Intersektionalität) gesammelt wurden, vermag den identitätspolitischen Aplomb nicht zu stören.

„Das Schließen politischer Allianzen ist für Demokratienüberlebenswichtig“

Gegen Streit und Aplomb an sich ist nichts einzuwenden. Auch die neue westliche Frauenbewegung der 1970er-Jahre hat ihn gesucht. Aber ihre Sprache und Aktionen wiesen selten jene toxische Aggressivität und Unversöhnlichkeit auf, die die aktuellen Kulturkämpfe kennzeichnen. Die Auseinandersetzung mit ihren Vorgängerinnen verlief respektvoll und differenziert. An beidem mangelt es heute. Ein ernsthaftes, auf Verständigung bedachtes Gespräch findet kaum statt; gefragt sind Beschuldigungen hier, Entschuldigungen dort. Wer hingegen im Gespräch bleiben will, muss der anderen Seite zuhören, sich für ihre Wahrnehmungen, Einstellungen, Empfindungen öffnen, anstatt sie mit Vorwürfen zu überhäufen oder sich beleidigt zurückzuziehen. Es gilt, auf beiden Seiten, ein Gespür für die erfahrenen Kränkungen und Enttäuschungen zu entwickeln und den angemessenen Ton zu finden. Aber auch die historischen Umstände, die Akteuren ein aus heutiger Sicht fragwürdiges Handeln nahelegten, sind einzubeziehen, bevor vorschnelle Verdammungsurteile gefällt werden. Anerkennungskonflikte in demokratischen Gesellschaften gewinnen vom Austausch der Perspektiven, nicht von der Behauptung moralischer Oberhoheit. Das unterscheidet sie, neben vielem anderen, vom Herrschaftsstil des russischen Präsidenten, der nur Angriff und Verteidigung, Sieg oder Niederlage kennt.       



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