Verlassene Dörfer

Ben Orlove

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Im Sommer 2007 reise ich in die peruanischen Anden, die schon seit Jahrzehnten Gegenstand meiner anthropologischen Forschung sind. Ich will die schrumpfenden Gletscher sehen und herausfinden, wie die Menschen in ihrer Nähe darauf reagieren. Meine Reise beginnt in Lima, der Hauptstadt an der Pazifischen Küste. Die schon immer knappen Wasservorräte dieser ausgedörrten Gegend könnten in den nächsten Jahrzehnten weiter dahinschwinden. Die Peruaner sprechen von Lima als der zweitgrößten Wüstenstadt der Welt. Nur Kairo habe noch mehr Einwohner. Dieser Vergleich erstaunt mich, Ähnliches hatte ich zuvor nie gehört, und ich nehme es als Zeichen dafür, wie dramatisch sich die Wahrnehmung des eigenen Landes bei den Peruanern durch den Klimawandel verändert hat.


 Das Wort „Anpassung“ hat sich in Peru schon weit verbreitet. Peruanische Regierungsstellen bemühen sich, Finanzmittel für Projekte gegen die Dürre von internationalen Banken oder Entwicklungshilfefonds aufzubringen. Alternativen sind, die Wassereffizienz zu steigern, die Wasserressourcen der Amazonasregion in Perus Osten anzuzapfen oder Meerwasser zu entsalzen. 


 Wir brauchen den Begriff „Anpassung“, um verständlich zu machen, dass sich unser Planet unumkehrbar verändert, auch dann, wenn es gelingt, Treibhausgasemissionen in Zukunft drastisch zu verringern. Wir drücken mit dem Wort aus, wie dringend wir Wege finden müssen, uns auf die bereits sichtbar werdenden neuen Bedingungen einzustellen. Doch in dem häufigen Gebrauch des Wortes in Klimadiskussionen lauert auch eine Gefahr: Das Wort verstellt den Blick auf diejenigen Konsequenzen des Klimawandels, für die es so schnell keine Lösungen gibt. 


 Der Weltklimarat definiert „Anpassung an den Klimawandel“ als „Anpassungen in natürlichen oder menschlichen Systemen, die als Reaktion auf gegenwärtige oder zu erwartende klimatische Stimuli oder deren Effekte Schaden mindern oder günstige Gelegenheiten nutzen.“ Das Wort hat ein gewichtiges Pendant: „Verminderung“ – definiert als „menschlicher Eingriff, um die Quellen von Treibhausgasen zu vermindern oder Senken zu vergrößern.“ In den 1990er-Jahren fürchteten manche, diese Worte wären Gegensätze. Das Gerede von Anpassung würde das öffentliche Interesse und die politischen Entscheidungsträger von einer Politik der Verminderung abbringen. Doch ein Jahrzehnt später herrscht ein breiter Konsens darüber, dass beide Ziele nebeneinander weiterverfolgt werden müssen, denn selbst bei extensiver Verminderung wird Anpassung immer noch notwendig sein. Und in Lima werden auch die länderspezifischen Abhängigkeiten von den beiden Begriffen klar: Wenn Peru bei internationalen Vereinbarungen mitmacht, die Emissionen drastisch reduzieren sollen, dann muss es auch internationale Mittel für seine Anpassung bekommen. Dabei hat Peru, wie andere Entwicklungsländer auch, in der Vergangenheit kaum zu Treibhausgasemissionen beigetragen. 


 Das Wort „Anpassung“ hat scheinbar vieles in Peru vereinfacht. Das Dürrerisiko ist jetzt nicht mehr nur ein lokales Problem, sondern vielmehr ein Beispiel für einen „Effekt“ von „gegenwärtigen oder zu erwartenden klimatischen Stimuli“. Er kann mit anderen Effekten verglichen und summiert werden. Diese Effekte, so gravierend sie auch sein mögen, können – gemäß der Terminologie des Weltklimarates – durch „Anpassungen, die Schaden mindern“, gemanagt werden. Es ist teuer, Dämme zu bauen, um entfernte Wassereinzugsgebiete anzuzapfen, aber zurzeit ist diese Lösung billiger als Meerwasserentsalzung und wird deshalb bevorzugt. 
 
 Ich setze meine Reise ins Innere des Landes fort, zunächst nach Cusco, einst Sitz des Inkareichs, und weiter in die kleine Stadt Sicuani, die auf 3.550 Metern Höhe in einem tiefen Tal an den Ufern des Flusses Vilcanota liegt. Die Kleinbauern dieser Gegend sprechen sowohl Spanisch als auch Quechua, die fortlebende Sprache der Inka. Sie erwähnen viele neue Veränderungen. Einige Dörfler haben experimentiert und entdeckt, dass sie am höheren Ende des Tals jetzt Mais kultivieren können, wo es früher zu kalt dafür war – vielleicht ein Beispiel für die „günstigen Gelegenheiten“, die der Weltklimarat erwähnt. Doch die Sorgen überwiegen: Ein früher unbekannter Schädling tritt jetzt auf, eine Raupe, die über die gelagerten Kartoffeln herfällt. Eine Staudenart, deren gelbe Blüten wegen ihrer Schönheit und ihrer Heilkraft geschätzt werden, ist verschwunden. Vor allem aber trocknen Wasserläufe aus, die selbst in den trockensten Monaten noch Wasser geführt haben. Diese vielen verschiedenartigen Abweichungen lassen bei den Bauern die leidvolle Ahnung aufkommen, dass die Veränderungen unumkehrbar sein könnten und dass es schwer werden wird, sich daran anzupassen, vielleicht sogar unmöglich. 


 Ich verlasse Sicuani auf der staubigen Straße, die sich den Berg hinaufschlängelt, und erreiche nach Stunden das Dorf Phinaya, ein Weiler aus Lehmhütten auf 4.600 Metern Höhe, dicht an einem der höchsten Gipfel der Anden. Eine Reihe gletscherbedeckter Spitzen erhebt sich über das trockene Grasland und ein langer weißer Kamm markiert den Rand einer Eiskappe von 40 Quadratkilometern Ausdehnung. Pfade führen aus Phinaya hinaus zu verstreut liegenden Ansammlungen von Steinhäusern und Gehegen, wo Quechua sprechende Hirten ihre Herden von Alpakas halten, jenen Tieren, die seit über 5.000 Jahren in den Anden domestiziert werden. Während der Regenzeit von November bis März gibt es saftige Weiden für die Tiere, in der Trockenzeit aber, in die auch mein Besuch fällt, versammeln sie sich entlang der Wasserläufe und Sümpfe, der einzigen Gebiete, die in dieser Zeit grün bleiben. 


 Die Hirten sprechen mich direkt auf ihre Sorgen an. „Rit’i pisiyamun“, sagen sie wieder und wieder auf Quechua, „das Eis verschwindet“, und sie zeigen mir Gletscherspalten und Gletschermühlen, spiralförmige Hohlräume im Eis. Beides sind neue Merkmale, die auf der früher festen Oberfläche der Gletscher erscheinen. Sie weisen mich auf Gebiete hin, die bis vor Kurzem noch von Gletschern bedeckt waren und jetzt trockene, sandige Halden sind, Quellen des Staubs, der die niedrigeren Bereiche der Gletscher dunkel färbt und ihr Abschmelzen beschleunigt. Die Hirten bringen mich auch zu einem Wasserlauf, der früher das ganze Jahr über Wasser führte, aber nun, wo er nur noch von kleineren Gletschern gespeist wird, lediglich aus einer Reihe von Becken besteht, deren stehendes Wasser sich in der Sonne erwärmt und zur Brutstätte für Parasiten wird, die über die Herden herfallen. Hier sehen wir die Überbleibsel früherer Weiden, heute gänzlich vertrocknet, und die Hirten äußern ihre Angst, ihre Tiere könnten dünner werden, leiden und schließlich sterben. Auch ihr Leben würde dann zu Ende gehen – „tukurapunqa“. Ein wichtiger Tag im rituellen Kalender der Hirten ist der 1. August. An diesem Tag, so glauben sie, sprechen die Geister der Berge miteinander. „Sie weinen“, erzählt mir ein Hirte, dem ich auf einem Höhenzug begegne.


 Ist Anpassung – eine Anpassung in natürlichen und menschlichen Systemen, die Schaden minimiert – in diesen Fällen möglich, so wie sie wenigstens teilweise für prosperierendere Regionen Perus und anderer Länder möglich erscheint? Die Anpassung einzelner Individuen und Haushalte ist für die Hirten kein Problem. Wenn die Weide eines Hirten austrocknet, kann er anderswo hinziehen, entweder um dort Alpakas zu hüten oder um eine andere Arbeit aufzunehmen. Er kann auch nach Phinaya hinuntergehen und Verwandte besuchen. Die wahre Sorge der Hirten ist anderer Art. Ich denke über meine Gespräche mit ihnen noch einmal im Hinblick auf die soziale und räumliche Dimension in ihren Äußerungen nach. Keiner spricht nur von seinem eigenen Haushalt. Einige reden über Phinaya, die meisten sprechen über Phinaya und die benachbarten Hirtendörfer und einer spricht über das ganze Hochland Perus. Es ist das Ende ihrer Gemeinschaft, das sie aufwühlt. Dieser Schaden – für Menschen, Tiere und Berggeister – kann nicht gemindert werden. 


 Eine Gruppe von Forschern der Universität Zürich um Christian Hüggel hat Modelle der Wasserläufe in der Gletscherregion um Phinaya entwickelt. Ihre Forschung belegt, dass die Wasserstände heute nur noch halb so hoch sind wie in den frühen 1960er-Jahren und im Jahr 2050 vermutlich nur noch ein Zehntel dieses Ausgangswertes erreichen. Zu diesem Zeitpunkt wird von den Weiden der Trockenzeit nur noch ein kleiner Bruchteil der ohnehin schon reduzierten Fläche übrig bleiben. Einerseits werden sich die Hirten anpassen: Krankheiten und Sterbefälle werden durch die verschlechterten Bedingungen zunehmen, aber die Hirten werden nicht einfach sitzen bleiben und zuschauen, wie ihre Tiere und später auch sie selbst verhungern. Da werden sie schon eher noch weiter fortziehen, bis sie nur noch wenige Verwandte haben, die sie besuchen können. Anderseits aber ist – aus der Sicht der Hirten – Anpassung unmöglich. Individuen werden überleben, aber die Gemeinschaften, wertvolle Kulturen, werden verschwinden. Die verstreuten Häuser der Hirten werden als verlassene Gemäuer überdauern, das Vermächtnis eines Lebens, das unwiederbringlich zu Ende gegangen ist. 
 
 

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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