Der Jäger in mir

von Carl Christian Olsen

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Wir, die Inuit, haben uns selbst nie als „Eskimos“ bezeichnet, sondern schon immer „Inuit“ genannt. Obwohl räumlich voneinander getrennt, sind sich die Inuit aus Nordamerika, Russland und Grönland in ihrer geistigen Kultur und ihrer Werkstofftechnologie überraschend ähnlich. Das kollektive Gedächtnis, in dem mehrere Jahrtausende arktischen Lebens gespeichert sind, wird in allen Heimatländern der Inuit wachgehalten. Bei traditionellen Kulturfestivals kommen sie zusammen, tauschen Waren aus und zelebrieren ihre gemeinsame Kultur mit traditioneller Musik, Geschichten und Erfahrungsaustausch. Das Mammut kommt zum Beispiel in den Geschichten vor, die man sich in Grönland erzählt, wobei nur die Inuit in Alaska auf seine Überreste stoßen. In den Mythologien und mündlichen Überlieferungen der Inuit zeigt sich ein gemeinsames kosmologisches Modell: Trotz kultureller Vielfalt sind sie sich einig, dass Ressourcennutzung, Angebot und Nachfrage stets im Gleichgewicht gehalten werden müssen. Dies lässt sich bis 4000 v. Chr. zurückverfolgen.

So haben die Inuit schon mehrere Klimaveränderungen erlebt und ihre Lebensweise jeweils an die sich wandelnde Situation angepasst. Alle 50 Jahre, wenn sich die Meerestemperatur um ein halbes Grad erhöhte und sich so die Bestände bestimmter Tierarten änderten, haben die grönländischen Inuit ihr Jagdverhalten und ihre Behausungen entsprechend umgestellt.

Der heutige Wandel vollzieht sich außergewöhnlich schnell und macht mehrere Grad aus. Im äußersten Norden Grönlands erleben wir mitten im Januar ungewöhnlich ergiebige Regenfälle. Die eisfreien Gebiete an Land und im Meer wachsen. Der Permafrostboden taut – mit unbestimmten Folgen für die technischen Infrastrukturanlagen. In den letzten zehn Jahren hat sich der Packeisstrom so stark verändert, dass manche Tiere ihr Wanderungsverhalten umstellen mussten. So ziehen die Rentiere nordwärts und andere Tierarten folgen ihnen.

Am stärksten von diesem ökologischen Wandel betroffen ist die Jagdkultur. In Grönland leben 56.000 Menschen. Rund 10.000 von ihnen haben einen Jagdschein, und davon sind wiederum 3.000 als professionelle und 7.000 als nicht professionelle Jäger zugelassen. Letztere pflegen ihre Beziehung zur Tradition des Jagens, verdienen ihren Lebensunterhalt aber anderweitig. Die Erwartung, Jäger würden eines Tages nur noch in Geschichten aus der guten alten Zeit vorkommen, ist überholt. Die heutigen Jäger müssen in ihr Equipment investieren, um für die moderne Situation gerüstet zu sein – Gewehre, GPS, UKW-Funk oder Außenbordmotor – und zahlen, da sie kein Nomadenleben mehr führen, obendrein für ihre Häuser. Als Transportmittel nutzen sie Schlittenhunde und Boote. Die Hunde werden mit erlegtem Wild gefüttert.

Vor zwei Jahren haben die Menschen in Westgrönland ein humanitäres Hilfsprogramm zur Unterstützung der Schlittenhunde im äußersten Norden gestartet. Aufgrund des immer dünner werdenden Eises wurde das Jagen für die Menschen wie für die Hunde zu einem äußerst gefahrvollen Unterfangen. Die Jäger konnten weder jagen, um ihre Hunde zu ernähren, noch genügend Geld verdienen, um aus Europa importiertes Hundefutter zu kaufen. Mehrere Interessengruppen sammelten Geld und Lebensmittel und sorgten dafür, dass die Hilfe zu den einzelnen Jägern gelangte. Manche Jäger mussten ganz auf die Bootsfischerei umsteigen, da die Fjorde mittlerweile eisfrei sind.

Zu den positiven Veränderungen gehört die Tatsache, dass man in immer mehr südgrönländischen Gebieten mit dem Anbau von Kartoffeln und Gemüse beginnt und andere gezähmte Tierarten hält als früher – wie zum Beispiel Milchkühe. 
 Die Jäger möchten die Jagdkultur in der sich wandelnden klimatischen Umgebung am liebsten in angepasster Form beibehalten. Veränderungen haben wir schon oft erlebt. Eine der heutigen Optionen ist der Berufswechsel in die Geldwirtschaft: Aus Jägern werden Arbeiter in der Bergbauindustrie. Der Wechsel von der Jägerei zur Fischerei ist machbar, aber die Kluft zwischen Jäger und Industriearbeiter lässt sich nicht so leicht überwinden. Es fehlt nicht an Fähigkeiten. Das Problem ist die unterschiedliche Lebensführung. Sowohl Mentalität als auch Esskultur der Grönländer sind sehr eng mit dem Meer und dem Jagen verbunden. Man kann sehr wohl promovierter Linguist sein und weiterhin der Jagd auf Rentiere, Seehunde und arktische Dorsche nachgehen. In Alaska gibt es für Lohnbeschäftigte einen speziellen Selbstversorgerurlaub, den sogenannten „Subsistence Leave“, der außerhalb ihrer Ferienzeit liegt. Die Jäger können ihre Kultur so weitgehend bewahren. Sie können, statt 360 Tage im Bergbau oder in der Industrie zu arbeiten, bei der Jagd bleiben und sich durch Hinzuverdienst absichern. Die Herausforderung besteht darin, Hoffnung und Entschlossenheit zu wahren.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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