„Migrantenkinder werden unterfordert“

Janina Söhn

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien zeigen, wie aus der PISA-Studie hervorgeht, überdurchschnittlich häufig schwache Schulleistungen. Über die Hälfte aller ausländischen Schulabsolventen verlassen deutsche Schulen höchstens mit einem Hauptschulabschluss. 17,5 Prozent aller ausländischen Schüler schaffen nicht mal diesen. Ungenügende Deutschkenntnisse der Betroffenen wurden in den letzten Jahren meist als Grund für diesen gesellschaftlichen Missstand angesehen. Allerdings: So wichtig der Spracherwerb auch ist, ethnische Ungleichheiten im Bildungssystem haben viele Ursachen. Nicht nur die Kinder und ihre Elternhäuser, sondern auch die Schule muss hier betrachtet werden. In den Klassenzimmern finden subtile Prozesse zwischen Lehrern und Schülern statt, die die Leistungsschere zwischen Lernenden mit und ohne Migrationshintergrund vergrößern. Das Vertrauen der Lehrer in die Fähigkeiten ihrer Schüler spielt nach jahrzehntelanger psychologischer Forschung, die in einer Studie der Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration (AKI) am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) bilanziert wurde, eine große Rolle.


 In psychologischen Experimenten reichte es teilweise schon aus, wenn die Forscher den Lehrkräften suggerierten, dass die Kinder A, B und C ein höheres Entwicklungspotenzial als die Kinder X, Y, und Z hätten, um zu einem späteren Zeitpunkt nach einer Unterrichtsphase bessere Testergebnisse bei den scheinbar „begabteren“ Schülern hervorzubringen. Tatsächlich jedoch hatten sich anfangs beide Gruppen hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten objektiv nicht unterschieden. 


 Im realen Leben erwarten Lehrerinnen und Lehrer von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern, eingewanderten Familien oder ethnischen Minderheiten meist weniger als von Gleichaltrigen aus der einheimischen Mittelschicht. Lehrer vermuten auch, dass ausländische Eltern ihre Kinder in schulischen Belangen nicht ausreichend unterstützen können oder wollen. Ferner kann anfänglich fehlerhaftes Deutsch über die eigentlichen geistigen Potenziale eines Migrantenkindes hinwegtäuschen.


 Bestimmte Facetten des Verhaltens der Lehrer setzen den Mechanismus in Gang. Zum einen sind es die vom Lehrer vermittelten Inhalte: Wird dem als „schwach“ angesehenen Schüler – auch mit den besten Absichten – weniger anspruchvolles Unterrichtsmaterial präsentiert, werden also die Ansprüche gesenkt, so ist ein geringerer Lernzuwachs wahrscheinlich. Die Schüler mit Migrationshintergrund werden in der deutschen Schule oft schlicht unterfordert. Daneben ist die emotionale Atmosphäre, die die Lehrer im Umgang mit den einzelnen Schülern schaffen, für deren Leistungen wichtig. Lächelt die Lehrerin die guten Schüler öfters an und nickt ihnen aufmunternd zu? Klingt ihre Stimme eher gereizt, wenn sie mit den Jungen aus türkischen Familien spricht? 


 Die vorliegenden Forschungsergebnisse zeigen, dass gerade junge Schülerinnen und Schüler ein unterschiedliches Verhalten der Lehrer aufmerksam registrieren und daraus Rückschlüsse ziehen, wie diese sie einschätzen. Im Sinne „sich selbst erfüllender Prophezeiungen“ reagieren sie mit Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten und Ablehnung gegenüber den Lehrern und der Schule allgemein. Dies beeinträchtigt ihren Lernerfolg nachhaltig. Eigentlich vorhandene Potenziale von Migrantenkindern bleiben brachliegen.


 Negative Vorurteile sind Menschen meist nicht bewusst. Welche Lehrerinnen und Lehrer wollen sich in einer Fortbildung schon sagen lassen, sie sollten weniger vorurteilsbelastet über Kinder aus armen und zugewanderten Familien denken? Erfolgreiche Interventionen, wie sie in den USA entwickelt und erprobt wurden, lassen Lehrkräfte im Rahmen von Aus- und Weiterbildung zunächst das eigene Verhalten in der Klasse durch das Feedback von Kollegen und neutralen Beobachtern reflektieren. Anschließend trainieren sie Verhaltensweisen, die dieselbe emotionale Zugewandtheit und den intellektuell ähnlich anspruchsvollen Input für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen sicherstellen. 


 Auch wenn die Vorstellung der Lehrer in die Leistungsfähigkeit ihrer Schüler nur ein Faktor von vielen ist, der zu den gravierenden Bildungsunterschieden zwischen jungen Menschen mit und ohne Zuwanderungshintergrund beiträgt, sollte man Gegenstrategien nicht ungenutzt lassen. An dem familiären Hintergrund der Kinder und Jugendlichen kann die öffentliche Hand kurz- und mittelfristig nichts ändern – am Maße, in dem eine professionelle Lehrer-Aus- und Weiterbildung der heutigen heterogenen Schülerschaft und ihren Potenzialen Rechnung trägt, dagegen schon.
 



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