Großwetterlage

Richard Weitz

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Die klassische Wirtschaftsphilosophie stützt sich auf das Gedankengut von Adam Smith und geht davon aus, dass die Akteure – seien es ganze Nationen oder die in ihnen lebenden Menschen – stets darauf aus sind, ihren wirtschaftlichen Eigennutz zu maximieren. Wenn aber die Erde größere Klimaveränderungen durchmacht, wird sich auch die Art und Weise wandeln, wie nationale Regierungen ihre Interessen verfolgen und wie sie ihre Agrar- und Industrieproduktionen organisieren. 


 Regionen wie Nordamerika und Europa haben ein Eigeninteresse daran, den gegenwärtigen Status quo der Wirtschafts- und Agrarproduktion zu wahren. Selbst wenn der Wetter- und Klimawandel sich fortsetzt, wird die Reaktion der Regierungen also aller Wahrscheinlichkeit nach zunächst darin bestehen, dass Milliarden von Dollar in die verstärkte Errichtung von Handelsschranken gesteckt und die vorhandenen Produktionsmöglichkeiten geschützt werden. Außerdem werden die Regierungen beträchtliche Mittel für die Entwicklung kohlenstoffärmerer Produktionsmittel wie Wasserstoff-Brennstoffzellen, Wind- und Solarenergie und Strom aufwenden.
 
 Statt eines vom Menschen herbeigeführten technologischen Wandels steht die Welt nun vor der Perspektive, dass infolge einer Neuverteilung von Wettermustern auch die Ressourcen der Erde neu verteilt werden. Die Menschen und ihre Regierungen werden sich fragen müssen, wie sie mit der veränderten Ressourcenausstattung, die ihnen die sich wandelnde Erde beschert, ihre wirtschaftliche Stärke bewahren können. Einer der Vorschläge ist die Begrenzung der von den einzelnen Nationen erzeugten Kohlenstoffemissionen. Die wirksamste Möglichkeit für eine Firma, ihre Emissionen zu verringern, ist die Drosselung ihrer Produktion – was zu geringerem Umsatz führt. Viele Unternehmen werden in andere Länder abwandern, die weniger reguliert oder mit besseren Rahmenbedingungen ausgestattet sind. Mit der Neuverteilung der Weltproduktion und der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sorgen diese abwandernden Firmen zugleich für eine Neuverteilung der nationalen Anteile am Weltbruttoinlandsprodukt und vielfach auch dafür, dass sich die diplomatische und militärische Machtverteilung der Länder verändert. 


 Wenn Fabrikationsbetriebe zum Beispiel weiterhin nach China umziehen, wird sich das militärisch-industrielle Potenzial dieses Landes weiter erhöhen. Besonders denkwürdig ist in dieser Hinsicht die Verlagerung führender Computerchiphersteller. Sie besitzen ein unmittelbar militärisches Potenzial, da sie die Möglichkeiten der Informationskriegsführung eines Landes erweitern können. Von China aus agierende Internetspezialisten waren bereits an massiven webbasierten industriellen und militärisch-industriellen Operationen beteiligt und sind dabei in eine Reihe von Computernetzwerken von Regierungen in den USA und Europa sowie von führenden Privatunternehmen eingedrungen, darunter auch Spitzenfirmen im Verteidigungsbereich. Im Unterschied zu vielen anderen Technologien arbeitet das Internet bemerkenswert kohlenstoffarm, weil nur wenig kohlenstoffbasierte Energie nötig ist, damit es funktioniert.


 Auch Indien dürfte von ähnlichen Entwicklungen profitieren. Unter anderem, weil Neu-Delhi vor zehn Jahren seinen Wirtschaftsraum verstärkt für ausländische Investitionen öffnete, haben indische Waffenhersteller mittlerweile ein hohes technisches Niveau erreicht. Sie werden bald in der Lage sein, moderne konventionelle Waffen im eigenen Land zu fertigen. Indiens lascher Umgang mit Kohlenstoffemissionen, der sich darin manifestiert, dass die Regierung sich der Festsetzung verbindlicher Emissionsgrenzwerte verweigert, wird Chiphersteller und andere innovative Privatfirmen anziehen. Die von Indien betriebene Politik wird zwar der Erderwärmung weiter Vorschub leisten, aber wahrscheinlich auch die wirtschaftliche – und damit auch die diplomatische und militärische – Macht des Landes stärken.


 Grundsätzlich könnten die USA ihre Position als führende Weltmacht ausbauen, wenn es ihnen gelänge, mit der Herausforderung des Klimawandels fertig zu werden, denn nur sie verfügen über die militärische Macht, um eine breit angelegte, internationale Reaktion auf globale Katastrophen zu organisieren. In weiten Teilen der Welt ernteten die Vereinigten Staaten Beifall, als das US-Militär nach dem Tsunami 2004 in Asien im großen Maßstab humanitäre Hilfe leistete. Die Aufgabe, den internationalen Beitrag zu multinationalen Korrekturbemühungen zu managen, würden zwar wahrscheinlich die Vereinten Nationen übernehmen, aber die USA würden sich unmittelbar nach größeren Naturkatastrophen oder humanitären Notsituationen als „Ersthelfer“ einen Namen machen.


 Dass es den USA möglicherweise gelingen könnte, auf kurze Sicht mit dem Klimawandel und anderen wetterbedingten Veränderungen zurechtzukommen, heißt allerdings nicht, dass sie die tiefer liegenden Ursachen für die Veränderung des Klimas rückgängig machen können. Die Bush-Administration wurde massiv dafür kritisiert, dass sie dem Kyoto-Protokoll ihre Unterstützung versagt hat, gerade vor dem Hintergrund, dass die USA der weltgrößte Emittent vom Menschen verursachter Treibhausgase sind (und das pro Kopf) und jedes Jahr rund 25 Prozent des globalen Gesamtausstoßes verantworten . Doch selbst wenn Washington das Protokoll noch heute unterzeichnen würde, dürfte sich der Wandel des Erdklimas noch Jahrzehnte weiter fortsetzen, weil sich die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre infolge der langfristigen Auswirkungen industrieller Tätigkeit weiterhin erhöhen würde. Gegenwärtig werden die Vereinigten Staaten in ihrer Eigenschaft als weltgrößter Einzelemittent von Treibhausgasen von China überholt. Zwar hat die chinesische Regierung zugesagt, ihren Teil zur Begrenzung der nachteiligen Weltklimaveränderungen beizutragen, doch die chinesischen Energieverbraucher bauen unverändert auf Kohle als wichtigste Energiequelle, obwohl Kohle bei der Verbrennung atmosphärischen Kohlenstoff in großen Mengen freisetzt. Die chinesische Führung beharrt da-
 rauf, dass ihre Bevölkerung sich nicht dafür bestrafen lassen muss, dass die wirtschaftliche Entwicklung in ihrem Land zufälligerweise so spät eingesetzt hat.


 Von offizieller Seite wird in China immer wieder betont, dass man sich keiner Energiepolitik anschließen werde, die dazu führen würde, dass man auf die Fähigkeit zur Hebung des chinesischen Lebensstandards verzichten müsste. Derzeit propagiert die chinesische Regierung vor allem das Konzept des „Grünen Bruttoinlandsprodukts“ („Green GDP“). Hierbei werden Unternehmen, die die Verschmutzung reduzieren und trotzdem weiterhin eine positive Produktionsrate erreichen, mit wirtschaftlichen Vergünstigungen und Anreizen belohnt. Wie sich dieses neuartige Modell langfristig auswirkt, ist einstweilen ungewiss. Bisher fiel es den Entscheidungsträgern in Peking schwer, ihre Politik in den Provinzen durchzusetzen, wo Lokalpolitiker und Wirtschaftsführer das Wirtschaftswachstum als höchstes Gut betrachten, weil es auf lokaler Ebene die Beschäftigung fördert und für höhere Steuereinnahmen sorgt.


 Die Mitglieder der Europäischen Union gehören dagegen zu den Ländern, die sich am aktivsten um eine Politik bemühen, die das Tempo des Klimawandels verlangsamt. Früher oder später könnte das Bemühen der EU um tragfähigere Vereinbarungen zur Klimakontrolle zu Spannungen zwischen Ländern untereinander führen. Bereits jetzt besteht einer der deutlichsten Unterschiede zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten in ihren unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie man auf die potenziellen Bedrohungen durch den Klimawandel reagieren soll. Trotzdem wird für die Regierungen der EU-Staaten die relativ hohe Arbeitslosigkeit, die ein Strukturmerkmal vieler europäischer Volkswirtschaften zu sein scheint, immer eine Kernfrage sein, die ihrem Bekenntnis zu einer grünen Politik eine deutliche Grenze setzt. Das Land, das sich vielleicht am stärksten für weniger Umweltverschmutzung und die Eindämmung des Klimawandels einsetzt, ist Deutschland. Mit enormen Subventionen fördert die deutsche Regierung die Solar- und Windenergie und andere klimafreundlichere Energiequellen. Auch in der Erforschung alternativer und erneuerbarer Energien sind die Deutschen führend. Dennoch hat sich die deutsche Regierung jüngst geweigert, eine EU-weite CO2-Emissionsgrenze für Autos zu verabschieden, die der internationalen Wettbewerbsfähigkeit großer deutscher Autohersteller hätte schaden können und die diese gegenüber Herstellern in anderen, weniger umweltbewussten Ländern wie China, Japan und den USA benachteiligt hätte.
 
 Wie sich solche internationalen klimabezogenen Harmonisierungen auswirken, lässt sich nicht vorhersagen. Je nach Ausmaß könnten sich regionale Kooperationen entweder zu globalen Kooperationen ausweiten oder aber regionale Klimablöcke ähnlich den Militär- und Wirtschaftsblöcken des 20. Jahrhunderts entstehen lassen. Die USA, China und weitere Länder, die am stärksten zu den Treibhausgasemissionen beitragen, könnten sich untereinander auf weniger strenge Klimaabkommen einigen. Einerseits könnte das Bemühen um eine „Umweltkoalition der Willigen” oder um unilaterale Maßnahmen zur Beseitigung externer Klimabedrohungen leicht über das Ziel hinausschießen und bisherige Sicherheitsbündnisse und Allianzen durcheinanderbringen. So könnten transatlantische Spannungen in Fragen des Klimawandels zu einer Schwächung der Sicherheitsbeziehungen führen, die in der NATO Gestalt angenommen haben, und europäische Regierungen veranlassen, dies durch eine Stärkung der Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitsstrukturen ausgleichen zu wollen. Unter diesen Umständen müssten Großbritannien und Frankreich gar bereit sein, sich die Entscheidungsgewalt über ihre Nuklearpotenziale mit anderen EU-Mitgliedern zu teilen und eine europäische Atommacht zu schaffen, die als Gegengewicht sowohl zu den USA als auch zu Russland dienen könnte. NATO-Führer haben bereits Verwerfungen wie die Irak- und die Afghanistanfrage zum Anlass genommen, die Lebensfähigkeit des Bündnisses zu überdenken. Selbstzweifel und Fragestellungen genau dieser Art könnten auch durch den Klimawandel ausgelöst werden. 


 Andererseits könnte die gemeinsame Bedrohung durch den Klimawandel die Länder zur Kooperation mit neuen Partnern bewegen. So könnten sich beispielsweise die EU-Mitgliedsstaaten mit den USA, China und anderen Ländern zusammentun, um die Erforschung und Entwicklung alternativer Energietechnologien zu fördern, die weniger Treibhausgase produzieren.
 
 Zunächst werden die Länder mit wirtschaftlichen, politischen und diplomatischen Maßnahmen wie Abkommen und Handelsembargos versuchen, die Lebensmittel-, Wasser- und sonstige Ressourcenknappheit in den Griff zu bekommen. Mit der Zeit allerdings könnte das sich erhöhende Tempo des Klimawandels dazu führen, dass die Konflikte um die Land- und Wassernutzung ernster – und gewaltsamer – werden. Mit der wachsenden Verzweiflung der Staaten wird auch der Handlungsdruck zunehmen. Abgesehen von den wirtschaftlichen Kosten sorgen sich Strategen der nationalen Sicherheit darum, dass der Klimawandel zu einem „Bedrohungsmultiplikator“ werden könnte, der in ohnehin schon fragilen Regionen die internationale Instabilität und den politischen Extremismus noch weiter verstärkt, indem er Wasser und Lebensmittel immer knapper werden lässt, massenhafte umweltbedingte Migrationsbewegungen auslöst und die Ausbreitung von Krankheiten befördert. Diese Entwicklungen könnten in diversen Regionen zu Staatsversagen, zwischenstaatlichen Konflikten und anderen Sicherheitsproblemen führen – insbesondere in den weniger entwickelten Regionen Lateinamerikas, Südasiens und des ganzen afrikanischen Kontinents, deren politische Führer schon heute den Klimawandel bisweilen als Akt der Aggression der entwickelten Länder gegen Afrika charakterisieren. Dies wird die Großmächte und Regierungen, die die Stabilität im eigenen Land wahren und ihre Volkswirtschaften am Leben erhalten wollen, vor neue Herausforderungen stellen.


 Wirtschaftlich betrachtet werden die umfassend dokumentierten physischen Auswirkungen des Klimawandels (globaler Anstieg der Durchschnittstemperaturen, steigende Meeresspiegel und veränderte Wettermuster) mit sozioökonomischen Folgen wie etwa Gesundheitsschäden der Bevölkerung einhergehen, bedingt durch die Ausbreitung von Krankheitsträgern in neue, für sie zuträglich gewordene Gebiete. Da die meisten Städte und Häfen der Welt an Küsten oder Flussmündungen liegen, stellen die ansteigenden Meeresspiegel und extremen Wetterereignisse eine klare Bedrohung für Leib und Gut wie auch für wichtige Infrastrukturen für Kommunikation, Verkehr und Stromversorgung dar. Die Chinesen könnten gezwungen sein, Schanghai und andere große Hafenstädte zu evakuieren, sodass Chinas jahrzehntelanger Wachstumsschub ein Ende hätte. In Europa könnten Rotterdam und andere niederländische Häfen unter dem ansteigenden Meeresspiegel versinken. Und in den USA hat Hurrikan Katrina bereits gezeigt, wie anfällig amerikanische Küstenstädte für steigende Wasserstände sind. Wenn die Häfen in Kalifornien und an der Ostküste aufgrund der sich ausbreitenden Ozeane nicht mehr genutzt werden könnten, hätte dies verheerende Folgen für den transatlantischen wie für den transpazifischen Handel. Selbst Länder, die nicht in dieser Weise direkt betroffen wären, besitzen womöglich Wirtschafts- und Militärgüter in Übersee, die ebenfalls in Gefahr geraten können. Diese Verluste allein würden bereits enorme wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. 


 Auch ein Ansturm auf die globalen Ressourcen ist möglich. Neben der offensichtlichen Lebensmittel- und Wasserverknappung wird sich der Klimawandel auch auf Energieangebot und -nachfrage auswirken. Dadurch dürfte die strategische Position von Ländern gestärkt werden, die reich an Energiequellen sind. So könnte etwa Russland zunächst davon profitieren, dass Erdgas und Kernenergie – die beide als Energiequellen gelten, die weniger schädlichen Kohlenstoff produzieren als Öl und Kohle – eine wachsende strategische Bedeutung erlangen. Das Land besitzt mit Abstand die größten bekannten Erdgasvorkommen der Welt. Die Energievorräte des Landes könnten als politisches Druckmittel dienen.


 Umgekehrt könnten durch das Aufkommen alternativer Energiequellen wie Biokraftstoffe neue Regionen mit wichtiger strategischer Bedeutung entstehen. Wahrscheinlich werden die entwickelten Nationen mit Alternativlösungen dieser Art aufwarten – einfach deswegen, weil sie über die Mittel für Forschung und Entwicklung verfügen. Gelingt es einem EU-Land, eine solche alternative Energiequelle zu entwickeln, stärkt dieses Land seine strategische Position, indem es sich von traditionellen Energielieferanten wie Russland unabhängiger macht.
 
 Auch andernorts könnten Wasser- und Lebensmittelknappheit zu schweren Konflikten führen. Da sich über 200 Flussbecken über mehrere Nationen erstrecken, werden wir möglicherweise erleben, wie Länder über den Zugang zu Trinkwasser sowie Bewässerungs- und Transportmöglichkeiten miteinander in Konflikt geraten. Der Zugang zu Flüssen könnte zu einem entscheidenden Faktor und wichtigen Zankapfel werden, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel die Donau zwölf, der Nil neun und der Amazonas sieben Länder durchfließt.


 Wasser- und Lebensmittelknappheit könnten auch interne Konflikte auslösen. In einem Artikel für die „Washington Post“ hat im letzten Jahr UN-Generalsekretär Ban Ki-moon den Klimawandel als Grundursache für den Konflikt in Darfur genannt, wo es durch veränderte Wettermuster zu verstärkten Hungersnöten und Dürre und in der Folge zu Ressourcenstreitigkeiten gekommen ist. Hier wird deutlich, wie sich in weniger wohlhabenden Regionen, in denen aufgrund mangelnder Ressourcen und Möglichkeiten eine rasche Anpassung an härtere Bedingungen nicht möglich ist, das Problem aller Wahrscheinlichkeit nach verschlimmert. Unterentwickelte und arme Staaten – viele davon in Afrika – sind somit stärker gefährdet und werden mit größerer Wahrscheinlichkeit geschwächt oder versagen.


  Eine der Implikationen für die nationale Sicherheit, die der Klimawandel mit sich bringt und die sich zum besorgniserregendsten Problem entwickeln könnte, sind die verstärkten internen und grenzüberschreitenden Spannungen, die durch massenhafte Migrationsbewegungen entstehen. Wenn der ansteigende Meeresspiegel die industrialisierten Küstenregionen Chinas bedroht, müssen unter Umständen Millionen von Chinesen in das weniger gastliche Landesinnere übersiedeln. Um der öffentlichen Entrüstung über diese Entwicklung entgegenzuwirken, entschließt sich die chinesische Regierung womöglich zu politischen Reformen im Inneren. Alternativ könnte sie die Kontrolle durch die Zentralregierung wieder verstärken, um das regionale Umweltverhalten besser beeinflussen zu können, und scharf gegen Volksproteste in Xinjiang und anderen Nicht-Han-Regionen vorgehen, die plötzlich mit ethnischen Chinesen überfüllt wären. In ähnlicher Weise könnten mehr und mehr Chinesen angesichts der sich verschlechternden Umweltbedingungen in China in den Fernen Osten Russlands auswandern – mit der Folge, dass die russische Furcht vor einer faktischen Annexion dieser Region durch die Chinesen neue Nahrung erhielte. In Europa wäre ein wachsender Zustrom von Umweltflüchtlingen aus nordafrikanischen und südasiatischen Ländern wohl ebenfalls nicht willkommen. Zu den möglichen Gründen für eine solche Massenmigration gehören Desertifikation, Naturkatastrophen und steigende Meeresspiegel oder Ressourcenkriege.

 
 Ein neues Schlachtfeld im klimawandelbedingten Kampf um Ressourcen zeichnet sich bereits, so scheint es, in der Arktisregion ab, wo die vielleicht letzten wirklich unerschlossenen, wiewohl unermesslich großen Vorkommen an wertvollen Bodenschätzen auf unserem Planeten überhaupt zu finden sind. Durch die milderen Temperaturen, die die Erderwärmung mit sich bringt, könnte die kommerzielle Ausbeutung dieser Unterwasserressourcen erstmals in der Geschichte der Menschheit in den Bereich des Machbaren rücken. Unter dem Arktischen Ozean verbergen sich gigantische Vorräte an Zinn, Mangan, Nickel, Gold, Platin und Diamanten sowie riesige Fischbestände. Der lukrativste Schatz der Arktis dürften die gewaltigen Öl- und Gaslagerstätten sein, die möglicherweise ein Viertel der weltweiten Vorkommen ausmachen. Um den arktischen Eisbären zu retten, werden die Länder dieser Welt wohl keinen Krieg führen, aber auf Konflikte zur Durchsetzung von Territorialansprüchen in einer Welt der Zukunft, die verzweifelt um Energie und Nahrung aus dem Meer kämpft, werden sie sich möglicherweise einlassen.
 
 

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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