Die Hände der Frauen

von Christina von Braun

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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Handnegative in der »Höhle der Hände« im argentinischen Patagonien, zwischen 13.000 und 9.000 Jahre alt. An solchen Malereien kann man heute das Geschlecht der Künstlerinnen und Künstler ablesen. Foto: Hubert Stadler / Corbis / Getty Images


Marylène Pathou-Mathis, eine französische Ur- und Frühhistorikerin, nimmt sich viel vor: Sie möchte den Verfechtern einer traditionellen Geschlechterordnung den Boden für ihr liebstes Argument entziehen – einen seit den Anfängen der Menschen unveränderten Urzustand der Geschlechterverhältnisse. Auf knapp 200 Seiten (zieht man den umfangreichen Anmerkungsapparat ab) nimmt sie die „Belege“ dafür, dass Männlichkeit „immer schon“ das kämpferische, überlegene, innovative Geschlecht gewesen sei, auseinander. Natürlich ist sie mit diesem Anliegen nicht allein.

An diesen Brocken arbeiten sich Anthropologinnen, Archäologinnen und Historikerinnen schon seit etwa hundert Jahren ab. Seit einiger Zeit kommen nun auch männliche Forscher dazu. Im ersten Kapitel trägt die Autorin die Thesen der Befürworter eines „Ursprungspatriarchats“ zusammen, was den Anfang des Buches zu einer etwas mühsamen Lektüre macht. Immer wieder erwischt man sich beim Gedanken: Aber darüber haben wir schon vor zwanzig oder dreißig Jahren diskutiert! Ist doch erledigt! Immerhin verschafft das Zusammentragen der Ergebnisse aber auch Einsicht in die Veränderungsresistenz, aber auch in die Veränderungsfähigkeit der anthropologischen Wissenschaften.

Im zweiten Kapitel wird folgerichtig eine Geschichte der Disziplin skizziert, die deutlich macht, wie sehr dieses Fach die sozialen Gegebenheiten der Zeit, in diesem Fall den Aufstieg von Frauen als Wissenschaftlerinnen, widerspiegelt: eine Erkenntnis, die sich auf fast alle anderen Disziplinen übertragen lässt.

„Ihre guten Kenntnisse der Pflanzenwelt prädestinierten die Frauen dazu, zu den Erfinderinnen des Ackerbaus zu werden“

Am ergiebigsten sind das dritte und vierte Kapitel des Buchs, in dem die Frühhistorikerin von den neueren Forschungsergebnissen auf ihrem eigenen Gebiet berichtet. Hier kommen Methoden der archäologischen Forschung zur Sprache. Sie reichen von der Knochenanalyse, bei der Spuren (etwa durch die Überbelastung bestimmter Muskeln durch Speerwerfen) an den Knochen von männlichen und weiblichen Skeletten untersucht werden, über Erkenntnisse zu den „Handnegativen“ (eine Schablonentechnik), die neben Höhlenmalereien gefunden wurden und an denen man heute das Geschlecht der „Künstler“ erkennen kann, bis hin zu DNA- und Mitochondrien-Analysen, die Aufschluss über männliche und weibliche Erblinien geben.

Dabei tritt immer deutlicher ein Bild zutage, das, entgegen gängigen Vorstellungen der ersten Frühhistoriker, eine weitgehend gleiche Verteilung der Aufgaben und Fähigkeiten von Männern und Frauen in den frühen Gesellschaften zeichnet. Sogar von der Jagd auf Großwild waren Frauen nicht ausgeschlossen. Dass die Tätigkeit des Sammelns weitgehend den Frauen überlassen blieb, machte diese zugleich zu den Haupternährerinnen ihrer Gruppe. Das bei der Jagd erbeutete Fleisch stellte eher ein gelegentliches Highlight dar, gewissermaßen den Sonntagsbraten. Ihre guten Kenntnisse der Pflanzenwelt prädestinierten die Frauen wiederum dazu, zu den Erfinderinnen des Ackerbaus zu werden – während die Jäger, und damit vorwiegend Männer, zu den Pionieren der Tierzucht wurden.

Dass nach etwa 6.000 v. Chr. eine Veränderung der Sozialordnung eintrat, erklärt Patou-Mathis mit der wachsenden Bedeutung der Viehzucht, wodurch „die Frauen auf den häuslichen Bereich verwiesen“ wurden. Diese Art von ökonomischer Erklärung für die Entstehung einer männlich dominierten Ordnung ist, vor allem seit Friedrich Engels, sehr verbreitet. Simone de Beauvoir setzte dem entgegen, dass Männer durch die von ihnen benötigten und erfundenen Tötungsinstrumente eine größere Nähe zum Tod und damit eine „Transzendenzbereitschaft“ entwickelten, welche sie auf die „Seite der Kultur“ stellte. Für beide Erklärungen spricht einiges, aber mindestens ebenso viel erscheint auch fragwürdig. Gegen die ökonomische Erklärung lässt sich argumentieren, dass Männer in den voragrarischen Gesellschaften eine gleichberechtigte Rolle hatten (die Unterstellung eines dem Patriarchat vorangegangenen Matriarchats entlarvt die Autorin – nicht als Erste – als einen Mythos, der die männliche Herrschaft nachträglich rechtfertigen sollte). Welchen Grund sollten sie dann gehabt haben, „die Macht an sich zu reißen“?

„Männlichkeit wurde generell mit Kultur gleichgesetzt“

Für Beauvoirs „Transzendenzgedanken“ spricht zwar, dass Männlichkeit tatsächlich mit Kultur assoziiert wurde und damit Deutungshoheit erhielt. Doch verdankte sich diese Vorstellung weniger den Tötungsinstrumenten als der Tatsache, dass die Vaterschaft nicht nachweisbar war. Man wusste zwar um den männlichen Zeugungsbeitrag, aber wer der Vater war, ließ sich nicht feststellen. (Das gelang erst im 20. Jahrhundert mit dem genetischen Fingerabdruck.) Diese Unsicherheit trug dazu bei, dass der Beitrag des Mannes zur Zeugung als geistiger Akt verstanden und Männlichkeit generell mit Kultur gleichgesetzt wurde. Genau dieser Schritt fehlt leider in diesem Kompendium, das jedoch durch seine (wenn auch nur skizzierte) Materialfülle einen guten Überblick über die sich im Laufe der letzten hundert Jahre rasch ändernden Vorstellungen zur Geschlechtergeschichte der frühen Menschheit liefert.

Im vierten Kapitel wird in einem schnellen Durchlauf von der Antike bis ins 20. Jahrhundert die Geschichte der Geschlechterverhältnisse in historischer Zeit erzählt. Das ist, das muss man leider sagen, verzichtbar. Denn diese Geschichte wurde in den letzten Dekaden schon oft und ausdifferenziert dargestellt: In Mikrostudien, aus denen sich das Puzzle zusammensetzte, und die das enge Zusammenspiel von Theologie, Medizin, Ökonomie, dem Rechtssystem und sozialen Verhältnissen offenbarten, aus denen sich die patriarchalen Geschlechterverhältnisse ergaben. Es wäre besser gewesen, den Fakten wie auch den Theorien zur frühen Menschheitsgeschichte mehr Raum zu geben.

Eine kleine Untugend, die die Autorin mit vielen Landsleuten teilt: die Frankreichlastigkeit ihres Materials. Gerade in Anthropologie und Archäologie und erst recht auf dem Gebiet der Geschlechtergeschichte kommt heute niemand mehr am internationalen Kontext vorbei. Der verengte Blick der Autorin reduziert Entdeckungen, die zeitgleich in mehreren Ländern stattfanden (etwa die des Eisprungs) auf Frankreich allein, und wenn 1944 als das Jahr genannt wird, in dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, so möchte man ihr zurufen: Nur Frankreich war so spät dran! Auch versieht die Autorin französische Forschungsergebnisse korrekt mit den Namen derer, denen sie zu verdanken waren, während Entdeckungen aus anderen Ländern wie allgemeine Errungenschaften der Menschheit daherkommen. Da für sie keine Entdecker oder Theoretikerinnen genannt werden, erscheinen sie gelegentlich sogar wie das Resultat vorangegangener französischer Erkenntnisse.

Zusammenfassend: Das Buch bietet ein übersichtliches Kompendium zu Geschlechterfragen auf dem Gebiet der frühen Menschheitsgeschichte. Aber die Eingrenzung auf die Ergebnisse dieser Disziplin wäre ihm auch gut bekommen.

Weibliche Unsichtbarkeit. Von Marylène Patou-Mathis. Hanser, München, 2021.



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