Waffen statt Windkraft

von Naomi Klein

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Wer die schlechten Nachrichten aus der Finanzwelt nicht mehr ertragen kann, sollte Douglas Lloyd reden hören, Direktor der „Venture Business Research“, einer Gesellschaft, die neuesten Spekulationstrends nachspürt. „Ich erwarte, dass sich die Investitionsaktivitäten erholen“, sagte er kürzlich. Der Grund für seine überschwängliche Laune war, dass Geldmengen in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie geflossen sind. „Ein weitaus attraktiverer Sektor als der der Klimaschutzindustrie“, fügte er hinzu.

Verstanden? Der sichere Tipp für die Börse lautet: Solaraktien verkaufen und in Überwachung anlegen! Vergessen Sie den Wind, kaufen Sie Waffen! Diese Beobachtung verdanken wir einer Führungskraft, die das Vertrauen von führenden Kreditunternehmen wie Goldman Sachs oder Marsh & McLennan genießt. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihr im Vorfeld der UN-Klimakonferenz Anfang Dezember 2007 in Bali zuteil.

Nach Lloyd wird das große Geld trotz aller Regierungsbemühungen von den alternativen Energietechnologien abgezogen und stattdessen in Apparate gesteckt, die die Staaten der ersten Welt in Festungen verwandeln helfen. Einfacher ausgedrückt: Auf den internationalen Aktienmärkten findet ein Wettrennen zwischen grüner Fortschrittstechnologie und Sicherheitsmaschinerie statt, zwischen Pflugscharen und Schwertern. Und es sieht so aus, als würden die Schwerter gewinnen. Was Investitionen betrifft, lagen beide Industrien nach einer Studie der Venture Business Research noch im Jahr 2006 gleichauf. 2007 machten die Waffenindustrien einen Sprung nach vorn. Während die grünen Industrien noch 4,2 Milliarden Dollar erhielten, wurden mehr als sechs Milliarden Dollar in Fonds des Sicherheitssektors gesteckt.

Mit Angebot und Nachfrage hat dieser Trend nur wenig zu tun. Die Nachfrage nach sauberen Energietechnologien könnte nicht höher sein. Bei einem Ölpreis von 100 Dollar pro Fass versteht es sich, dass wir dringend neue Alternativen brauchen, als Konsumenten und als Spezies. Der jüngste Bericht des nobelpreisgewürdigten UN-Klimarats wurde vom „Time“-Magazin als „letzte Warnung“ gedeutet. Auch der neuesten Studie von Oxfam (einem Verbund mehrerer internationaler Hilfsorganisationen) zufolge ist die jüngste Welle von Naturkatastrophen kein Zufall. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Anzahl der Unwetterkatastrophen vervierfacht. Auf der anderen Seite hat sich im Jahr 2007 weder in Nordamerika noch in Europa ein großer terroristischer Anschlag ereignet. Ein weiterer Teilabzug der US-Truppen aus dem Irak steht kurz bevor. Vom Iran geht entgegen anderslautender Propaganda keine unmittelbare Gefahr aus.

Bleibt die Frage, warum Sicherheit der neue heiße Sektor ist und nicht die alternativen Energien? Vielleicht liegt es daran, dass es zwei Methoden gibt, mit Klimawandel und Energiekrise umzugehen. Wir können Strategien und Techniken entwickeln, um uns vor denen zu schützen, die wir mit Kriegen um Ressourcen gegen uns aufgebracht oder durch den Klimawandel vertrieben haben. Und wir können uns gleichzeitig vor dem Schlimmsten schützen, was Krieg und Wetter uns selbst anhaben könnten. Kurz: Wir haben die Wahl zwischen Verbesserung und Verbarrikadierung. Umweltaktivisten und Wissenschaftler schreien nach Verbesserung. Der Heimatschutzsektor glaubt, die Zukunft liege in der Verbarrikadierung.

Eingeführt wurde dieser neue Wirtschaftszweig nach dem 11. September 2001. Viele konterterroristische Technologien wurden für die Naturkatastrophenbekämpfung nachgerüstet. Blackwater, eine der größten Sicherheitsfirmen weltweit, fungiert sozusagen als das neue Rote Kreuz. Den größten Markt bieten die neuen Schutzwälle in Europa und in Nordamerika. Beispiele: der Auftrag an Halliburton, eine so große wie umstrittene Entwicklungsfirma, Internierungslager für potenzielle Zuwandererschwämme zu bauen, die „virtuellen Schlagbäume“ der Firma Boeing, biometrische Ausweise. Der Fokus dieser Technologien liegt keinesfalls auf dem Terrorismus, sondern auf der Zuwanderung von sogenannten Klimaflüchtlingen. Katastrophen wie die Überschwemmungen in Tabasco (Mexiko) oder in Bangladesch haben das gezeigt.

Sobald der Klimawandel einen Verlust von bewohnbarem Land nach sich zieht, wird die Nachfrage nach Schutzwällen dramatisch steigen. Natürlich werden auch die alternativen Energien weiter für Rendite sorgen. Kurzfristig lässt sich mit Flucht und Schutz aber wesentlich mehr Geld machen. Übergeben wir noch einmal Herrn Lloyd das Wort: „Die Ausfallrate der Sicherheitsindustrie ist wesentlich geringer als die der alternativen Energien. Genauso wichtig: Die Investitionen, die die Sicherheitsindustrie braucht, sind ebenfalls deutlich niedriger.“ Mit anderen Worten: Die Probleme lassen sich nur schwer lösen. Aus den Problemen Geld machen, ist vergleichsweise einfach.

Aus dem Englischen von René Hamann



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