Grüner wird’s nicht

Jakob von Uexküll

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Wer glaubt heutzutage einen besseren Lebensstil als seine Eltern zu haben? Stellen Sie sich und Ihren Freunden diese Frage. Sie werden feststellen, dass es der großen Mehrheit heute besser geht als ihren Eltern, die häufig sogar noch Krieg und Lebensmittelknappheit am eigenen Leib erfahren haben. Die entscheidende Frage schließt sich dann aber erst an: Wer glaubt, dass unsere Kinder ein besseres Leben haben werden als wir heute? Kaum jemand würde dies heute, realistisch betrachtet, uneingeschränkt behaupten können. Wir wissen, dass wir mit unserem derzeitigen Lebensstil auf Kosten kommender Generationen leben. Und wir wissen auch, dass sich dies ändern muss, wenn wir nachkommenden Generationen eine einigermaßen intakte Welt hinterlassen wollen. 


 Der Klimawandel wird unseren Lebensstil in den kommenden Jahren sehr stark verändern: zum einen durch die schon heute deutlich spürbaren Schäden des Klimawandels wie Trockenheiten, Überflutungen, Wetterextreme oder das Abschmelzen der Gletscher, auf die wir reagieren werden zum anderen durch neue Möglichkeiten, den Ausstoß von Treibhausgasen zu beeinflussen. Diese Veränderungen werden von Land zu Land sehr unterschiedlich aussehen, weil das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Veränderungen im unmittelbaren Zusammenhang stehen mit der wirtschaftlichen und geografischen Lage, dem vorherrschenden Energiemix und dem Angebot an erneuerbaren Energien in dem jeweiligen Land. 


 Die Entdeckung der fossilen Brennstoffe machte den Weg frei für die Industrialisierung und die Automatisierung und Beschleunigung von Arbeitsprozessen. Nahezu alle Attribute der Modernität haben mit der Verfügbarkeit von – historisch einmaligen – Energiemengen zu tun: Elektrizität, Mobilität, Massenproduktion, Geschwindigkeit oder große Infrastrukturmaßnahmen. Der Klimawandel, der zum größten Teil durch die Verbrennung von Öl, Kohle und Gas verursacht wird, macht die Fortsetzung dieses Industrialisierungsmodells unmöglich. Umsteuern müssen vor allem die, die hauptverantwortlich sind: die USA und Europa, die knapp zwei Drittel des weltweiten Verbrauchs an Öl, Kohle und Gas verantworten. 


 Die unausweichlichen Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft und für die Städte und für das Leben der betroffenen Menschen sind unübersehbar. Das gilt vor allem für die Länder Lateinamerikas, Asiens und Afrikas. Schwerwiegende Ernteausfälle aufgrund von Wassermangel und zunehmender Unfruchtbarkeit der Böden führen schon heute dazu, dass vielen Landwirten die Existenzgrundlage abhanden gekommen ist, mit dramatischen Folgen für die Lebensweise und Kultur der ländlichen Bevölkerung. 


 Die Menschen wandern ab in die Städte um zu überleben. Über Jahrhunderte gewachsene soziale Strukturen und Kulturen zerfallen. Doch das Leben in den Städten bietet keinen Ersatz: Der Kampf ums Überleben geht weiter. Die Folgen des Klimawandels führen aber nicht nur in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu enormen Veränderungen in der Lebensweise. Auch in vielen Teilen Europas sind die Bilder von verheerenden Waldbränden, Fluten oder Wirbelstürmen allgegenwärtig. 
 
 Wenn wir es als Hauptverantwortliche also versäumen, entschlossen gegen den Klimawandel vorzugehen und erneuerbare Energien sowie eine ökologische Landwirtschaft massiv zu fördern, wird der Klimawandel unsere gesamte Zivilisation bedrohen. Es ist absurd: Je länger wir brauchen, um uns von der mentalen Fessel zu befreien, dass es so schlimm schon nicht kommen wird, desto geringer ist die Chance, das Eintreten solcher Horrorszenarien zu verhindern. Oder positiv ausgedrückt: Je eher wir anfangen, die Gefahr des Klimawandels ernst zu nehmen, desto größer ist die Chance, Schlimmeres zu verhindern. Natürlich ist es unmöglich, ein für alle Länder und für alle Völker passendes Bild zu entwerfen, wie die Menschen sich an den Klimawandel anpassen können. Generell lässt sich jedoch sagen, dass unser künftiger Lebensstil geprägt sein wird von der tatsächlichen Anpassung an nicht mehr vermeidbare Folgen des Klimawandels und von einem Verhalten, das einen umsichtigen Umgang mit Energie und anderen natürlichen Ressourcen zur Grundlage hat. 


 Die gute Nachricht ist: Es fehlt uns nicht an Alternativen. Allein mit den heute verfügbaren Erneuerbare-Energie-Technologien könnte man, würden sie breit eingesetzt, den Weltenergiebedarf mehr als viermal decken. Eine Fläche von 200 mal 200 Kilometern in der Sahara würde ausreichen, um mit solarthermischen Kraftwerken ganz Europa mit Energie zu versorgen. Den Klimawandel in den Griff zu bekommen ist also keine technologische Herausforderung. Es ist eine psychologische und eine politische Herausforderung, die wir zu bewältigen haben. 
 In der heutigen Klimadiskussion ist es üblich zu sagen, dass wir als Verbraucher letztlich die Hauptverantwortung für die notwendigen Veränderungen tragen. In Abhängigkeit von unserem Einkommen entscheiden wir schließlich selbst über unseren Lebensstil. Wir bestimmen, ob wir das Auto oder das Fahrrad nehmen, in den Urlaub mit der Bahn oder mit dem Flugzeug reisen oder welche Produkte wir kaufen. Das stimmt zwar, es ist aber nur die halbe Wahrheit. 


 Vor allem ist die Politik und die Wirtschaft in der Pflicht, Rahmenbedingungen zu setzen und Produkte herzustellen, die den Anforderungen des Klimawandels gerecht werden. Politiker sind dafür gewählt, dass sie im Sinne des Gemeinwohls handeln und legislativ gegensteuern, wenn Entwicklungen dem Gemeinwohl schaden. Von der Industrie können wir erwarten, dass die Produkte, die sie uns zum Kauf anbietet, nicht den Menschen und der Natur schaden. Es dauert keine zwei Stunden, dann räumt ein Supermarkt die Regale leer, wenn etwa Gift in Kinderspielzeug oder Schadstoffe in Nahrungsmitteln festgestellt worden sind. Zu Recht, denn niemand würde dem vertrauen, der es nicht täte. Der Klimawandel kann noch viel weiter reichende Auswirkungen auf den Menschen haben. Wir sollten uns also angewöhnen, hier mit gleichem Maß zu messen. Eine Politik, die zum Beispiel weiterhin auf Kohlekraftwerke setzt, und Unternehmen, deren Produkte unverhältnismäßig stark das Klima belasten, sollten nicht länger „mehrheitsfähig“ sein.
 
 Und wie verhalten wir uns selbst? Wie kann ein klimaneutrales Leben aussehen, welche Verhaltensänderungen sind notwendig? Was werden wir in unserem Leben verändern müssen um den Klimawandel nicht noch weiter anzuheizen? In vielen Ländern glauben große Teile der Bevölkerung, dass der Klimawandel Verhaltensänderungen unabdingbar macht. Nach einer weltweiten Befragung von 22.000 Personen in 21 Ländern im Auftrag der BBC Ende 2007 glaubten 80 Prozent der Befragten, dass jeder Einzelne sicher oder wahrscheinlich seinen Lebensstil ändern müsse, um die Menge an Treibhausgasemissionen zu verringern. 70 Prozent sagten, sie würden dafür auch persönliche Opfer erbringen. Ausgerechnet in Deutschland hielten aber nur 36 Prozent der Befragten Änderungen ihres Lebensstils für erforderlich. Die Bürger scheinen hierzulande auf andere Mechanismen zu setzen: 70 Prozent sagten, höhere Energiepreise seien unabdingbar oder wahrscheinlich nötig. Die Preise für Energie werden in der Tat steigen, die Energiekosten für Unternehmen und Verbraucher aber sinken, weil effiziente Technologien den Energieverbrauch drastisch reduzieren können.

 
 Wir werden zudem den durch die Globalisierung enorm angestiegenen Transportbedarf reduzieren und wesentlich sparsamere Antriebstechnologien entwickeln. Wir werden uns beim Einkauf wieder mehr den für die Jahreszeiten üblichen Obst- und Gemüsesorten aus dem eigenen Land oder der Region zuwenden. Äpfel um die halbe Welt zu transportieren oder einheimisches Obst energieintensiv haltbar zu machen und aufwendig zu kühlen wird schlicht zu kostspielig sein. Der Biowelle in den Supermärkten wird die Klimawelle folgen. Beim Einkauf werden wir in Zukunft nicht nur auf Produkte aus ökologischer Landwirtschaft achten, sondern auch auf deren Anteil an Treibhausgasemissionen. Auch der hohe Verbrauch an Fleisch, der ein Mehrfaches an Ressourcen in der Landwirtschaft im Vergleich zu pflanzlicher Nahrung verschlingt, wird reduziert. In den wohlhabenden Ländern können viele Menschen durch geringeren Fleischverzehr zudem gesünder leben. 


 Waren, die trotzdem über weite Wege transportiert werden müssen, gehören auf die Schiene, nicht auf die Autobahn. Auch die individuelle Mobilität wird sich verändern, wobei das Grundrecht auf Mobilität nicht in Frage gestellt werden sollte. Der amerikanische Wissenschaftler Amory Lovins vom Rocky Mountain Institute hinterfragt beim Thema Transport richtigerweise nicht ‚mobility’ im Allgemeinen, sondern ‚access’, also das Ziel beziehungsweise den Zugang. Viele Gründe für Transport, zum Beispiel Informationsaustausch, können heute aufgrund der enormen Möglichkeiten des Internets ersetzt werden. 


 Bei künftigen Verkehrskonzepten sollte man sich daher auch von der Frage leiten lassen, wie man Ausgangspunkte, beispielsweise eine Wohngegend, näher mit möglichen Zielpunkten, zum Beispiel Arbeitsstätten, verbindet, so dass weniger Transportbedarf entsteht. Immer mehr Menschen, vor allem in der Stadt, werden dann ohne Auto auskommen. Sie werden stärker auf öffentliche Verkehrsmittel, Fahrgemeinschaften, Mietautos oder Carsharing-Systeme setzen. Das Zweit- oder Drittauto verschwindet. Damit verändern sich auch Statussymbole. „Zeig mir dein Auto, und ich sage dir, wer du bist“ ist ein Relikt des letzten Jahrhunderts. Künftig wird dies immer weniger gelten. 


 Darüber hinaus wird die Region gegenüber der Stadt wieder an Bedeutung gewinnen, unter anderem weil die industrielle Landwirtschaft zunehmend durch eine ökologische Landwirtschaft ersetzt wird, die wesentlich klimafreundlicher ist und mehr Arbeitsplätze schafft. Allerdings werden sich Siedlungen und Nutzflächen verschieben, weil durch die heute schon nicht mehr vermeidbaren Klimaschäden und Klimaveränderungen manche Regionen nicht mehr kultivierbar sind. Zudem verändert sich das Berufsbild der Landwirte drastisch. Viele Landwirte sind zusätzlich heute schon Energiewirte. Sie verpachten ihr Land zur Sekundärnutzung für Windparks, produzieren Biogas oder investieren in größere Solaranlagen. 
 
 All dies sind Merkmale eines Schritt für Schritt entstehenden nachhaltigen Lebensstils. Verändern wird sich aber auch die Grundprogrammierung unseres jetzigen Lebensstils: Anders als heute wird sich in einer nachhaltigen Wirtschaft die Bereitstellung von Waren für Verbraucher mehr an dem Lebensnotwendigen orientieren als an vermeintlichen ‚Wünschen’. Die gängige Praxis, dass durch hochkomplizierte Kommunikationssysteme im Grunde ‚überflüssige’ Waren mit Bedeutung versehen und so Bedürfnisse erst geweckt werden, wird stark hinterfragt werden müssen. Die Bezeichnung „Konsument“, die ausschließliche Betonung des Konsums als Hauptzweck des Daseins, wird einer neuen Sinnstiftung weichen, die sich aus einer auf Gemeinschaft aufbauenden Kultur speist. 
 Schon jetzt erleben wir, wie die Begriffe Arbeit und Wohlstand inhaltlich und assoziativ neu aufgeladen werden. Banken und Telefongesellschaften machen aberwitzige Gewinne, gleichwohl verlieren Tausende ihre Arbeit. Immer mehr Menschen wird klar, dass diese Entwicklung gegen sie und in der Regel gegen die Umwelt läuft. Unsere sehr stark auf materiellen Wohlstand ausgerichteten Werte werden Werten wie persönliches Wohlempfinden, Freundschaften und vor allem Gemeinschaften weichen. 


 Ideen, die eine Gesellschaft eher anhand eines „gross happiness product“ (Bruttowohlfühlprodukt) bewerten als anhand des weltweit üblichen „gross domestic product“ (Bruttoinlandsprodukt), werden weiter aufblühen. Vergleiche dieser beiden Faktoren aus China oder den USA zeigen, dass der Zufriedenheitsgrad der Bevölkerung ab einer bestimmten (niedrigen) Grenze nicht mehr zunimmt, obwohl das Bruttoinlandsprodukt steigt. „Geld macht nicht glücklich“ scheint sich hier in schlichter Weise zu bestätigen. 


 Wenn man durch die Straßen von London geht, fällt es einem besonders auf: Sofern es sich nicht um Touristen handelt, trägt jeder zweite Mini-Kopfhörer in den Ohren. Vor allem in Großstädten geht der Gemeinschaftssinn verloren. Single- statt Familienhaushalte sind heute schon die Mehrheit in vielen Großstädten. Dieser Trend wird sich in einer auf Nachhaltigkeit ausgelegten Gesellschaft umkehren müssen. Gemeinschaften, ob Familien oder andere Formen der Lebens- und Sozialgemeinschaften, sind per se nachhaltiger. Und schaffen emotionale Bindungen, die lebenswichtig sind. 
 
 Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Lebensstil und letztlich auch unsere Werte in der Zukunft werden sich daran orientieren, was die Natur verträgt – denn die Naturgesetze setzen die Rahmenbedingungen unserer Existenz –, was die natürlichen Energieressourcen hergeben, was die Gemeinschaften und die Regionen stärkt, um Synergien zu nutzen, und was Lebenssinn unabhängiger von bloßem Konsum macht!


 In der Krise liegt die Chance. Wie so oft gilt diese Weisheit auch für den Klimawandel. Es handelt sich um ein globales Problem, das nur global bewältigt werden kann. Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein Kampf, den wir nur gemeinsam gewinnen können. Alle Staaten und Privatwirtschaften müssen sich beteiligen. Je mehr Staaten hier zusammenarbeiten, desto weniger Zeit werden sie haben, gegeneinander Krieg zu führen. Wir müssen noch stärker die Wachstumsdoktrin hinterfragen, die dazu führt, dass immer weniger Menschen immer mehr verdienen, während sie unseren wirklichen Reichtum – eine gesunde Erde – zerstören. 


 Unsere Lebenskultur muss sich wieder an die Naturgesetze anpassen. Wachstum und Lebensqualität werden sich in Zukunft wieder mehr am Sein als am Haben orientieren. Die globale Konsumkultur wird einer gemeinschaftlichen Bürgerkultur weichen – nicht weil es jemand vorschreibt, sondern weil es keine Alternative gibt außer Chaos, Kriege und den Zusammenbruch unserer Gesellschaften.
 



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