Worüber spricht man in Jerewan?

von Nune Hakhverdyan

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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A burning house in disputed Nagorno-Karabakh. Photo: Getty Images


In der armenischen Hauptstadt Jerewan reden alle vom Krieg um Bergkarabach, der im Jahr 2020 ausgefochten wurde. Armenien unterlag dabei einem Bündnis aus aserbaidschanischen und türkischen Streitkräften sowie syrischen Söldnern. Auch jetzt noch wird der Tod von mehreren Tausend Menschen beklagt. Im Zuge der Auseinandersetzung mussten viele Armenierinnen und Armenier aus Bergkarabach fliehen und verloren dabei ihr Hab und Gut.

Seitdem sind die Wörter „Grenze“ und „grenznah“ allgegenwärtig: in den Newsfeeds der sozialen Medien, den Gesprächen auf der Straße und in den gegenseitigen Schuldzuweisungen der Parteien. Denn durch die territorialen Zugewinne Aserbaidschans wurde das Grenzgebiet ins armenische Inland verlegt. Die Auswirkungen bekommen alle zu spüren: Erst vor Kurzem wurde etwa ein Hirte entführt, der nahe der Grenze seine Schafe hütete – und eine Rinderherde verschwand, nachdem sie zufällig auf die feindliche Seite der Grenze getrottet war. Solche Nachrichten gehören mittlerweile zum Alltag.

In Jerewan versuchen wir, mit der Erkenntnis zu leben, dass die Grenze durch den Krieg verschoben wurde.

Aus dem Russischen von Andreas Bredenfeld



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