Ein Fenster nach Hause

Nadim Oda

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Jeden Monat verlassen etwa 60.000 Iraker den Irak, schätzt das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge. Ich verließ meine geliebte Heimat am 29. Dezember 2006, am Morgen der Hinrichtung Saddam Husseins. Jedem meiner Freunde schickte ich die SMS: „Ich verlasse Bagdad gegen meinen Willen.“ Nie sind mir Worte schwerer gefallen. Als ich mich schließlich dazu durchgerungen hatte, mich und meine Familie in Sicherheit zu bringen, fühlte ich, dass außer der Schönheit der Heimat jede Schönheit falsch ist.


 Einer meiner schiitischen Freunde brachte mich mit seinem Pick-up zum Flughafen. Das war gefährlich für ihn. Mein Haus im Hamra-Viertel lag auf sunnitischem Gebiet. Die Bewohner des Viertels waren an diesem Tag besonders schwer bewaffnet, man erwartete Unruhen im Zusammenhang mit der Hinrichtung. Die Angst steckte uns in den Knochen, da wir jederzeit eines sinnlosen Todes hätten sterben können. Die Zugehörigkeit zu einer anderen Konfession war und ist einer der Hauptasylgründe der irakischen Emigranten, die derzeit die größte Gruppe derer, die in den Industriestaaten Asyl suchen, ausmachen: Es waren 22.000 im Jahr 2006 und 19.000 in den ersten sechs Monaten des Jahres 2007.


 Entlang der Straßen, die mit Dattelpalmstämmen befestigt waren, liefen bewaffnete Zivilisten. Kein Licht leuchtete in den Häusern, und in einem der vornehmsten Viertel Bagdads häufte sich der Müll an den Straßenrändern. Von Zeit zu Zeit wurden wir von Autos mit Möbeln und Menschen überholt, die in Richtung Syrien unterwegs waren. Wie ich. Mein Flugzeug sollte um zehn Uhr früh abfliegen, aber der Start verzögerte sich. Hin und wieder landete eines, wir hasteten in Richtung Gate und stellten uns in eine Reihe. Doch immer wieder erfuhren wir, dies sei nicht unsere Maschine, und kehrten enttäuscht auf unsere Sitzplätze zurück. Dort saßen Menschen, die ihre Häuser verlassen, ihre Arbeitsplätze oder ihr Studium aufgeben mussten, einige ließen ermordete Familienmitglieder zurück, andere einen Teil der noch lebenden oder den Geliebten, die Geliebte. Wir diskutierten in kleinen Gruppen über die konfessionelle Gewalt oder über die Schwierigkeiten der irakischen Flüchtlinge in den anderen arabischen Ländern.


 Mein Gepäck wog über 100 Kilogramm: Es bestand aus meinen in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Artikeln, meinen Büchern und Notizen und meinen Tagebüchern. Außerdem hatte ich einige Fotos, die mir viel bedeuteten, mitgenommen, meine Ausweispapiere und etliche Blätter Papier, auf denen ich neue Buchprojekte ausgeführt hatte. Als wir endlich in der Luft waren, warf ich einen letzten Blick auf Bagdad und den Irak. Umfangen von der Nacht verfinsterte ein schwarzer Himmel meine Seele, und Tränen verschleierten meine Augen.
 
 Nach sechs Uhr abends landete die Maschine in Damaskus. Nachdem mein Pass gestempelt war, nahm ich ein Taxi ins Sayyida-Zainab-Viertel. Der Fahrer überfiel mich mit der schmerzhaften Frage: „Wie ist die Stimmung in Bagdad nach der Hinrichtung? Was ist Ihre Meinung?“ Dann fing er an, die Amerikaner und die irakische Regierung zu verfluchen. Zuerst wollte ich mich vor der Antwort drücken, da ich befürchtete, schon am ersten Tag bei den Sicherheitskräften und nicht im Hotel zu landen. Da er aber darauf bestand, kommentierte ich mutig die Hinrichtung: „Müll auf den Müllhaufen.“ Meine Antwort schockierte den Fahrer, und er verstummte.


 Er brachte mich in ein Hotel, wo ich mir ein Einzelzimmer mit Bad nahm und nach der ermüdenden Reise in tiefen Schlaf fiel. Am nächsten Morgen ging ich durch die Geschäftsstraßen in der Nähe. Überall hörte ich irakische Flüchtlinge nach billigen Wohnungen, nach Unterstützung bei der Asylsuche in einem ausländischen Staat oder nach irgendeiner Arbeit fragen. Später ging ich in ein Internetcafé, um meine E-Mails zu lesen. Der Raum war voller Flüchtlinge, die sich über Chat mit ihren Angehörigen oder Freunden unterhielten. Ich erfuhr bittere Geschichten. Neben mir saß ein etwa 50-jähriger Mann, der nicht mit dem Computer umgehen konnte. Er diktierte einem Jungen einen Brief an den radikalen Schiitenprediger Muktada al-Sadr, in dem er ihn anflehte, er möge ihm bei der Suche nach seinem Sohn helfen, den die bewaffneten Milizen entführt hatten. Es klang schmerzlich, als er davon sprach, wie er sein Haus verlassen musste, in dem er die schönsten Jahre seines Lebens verbracht hatte.


 Ich selbst hatte von einem befreundeten Dichter und Journalisten die Nachricht bekommen, der irakische Dichter und Akademiker Lu’ay Hamza Abbas habe von einer antischiitischen Gruppe, die sich „Schutztruppe der Sunniten“ nannte, einen Drohbrief erhalten. In einem Umschlag steckte eine Kugel und die Drohung, er solle sofort seine Arbeit aufgeben und die Stadt verlassen. Lu’ay hatte sich bei Freunden versteckt und suchte nach einer Möglichkeit, nach Kuwait zu fliehen. Ich schrieb Lu’ay und versicherte ihm meine Solidarität.


 Danach machte ich mich auf den Weg, um einen meiner Freunde zu treffen, der für eine Zeitschrift arbeitete, die zu einer sogenannten „Hauza“, einer schiitischen Lehreinrichtung, gehörte. Wir trafen uns in einem Café, dessen Chef Iraker und dessen Gäste irakische Flüchtlinge waren. Er lebte mit seiner Frau und den drei Kindern in äußerst schlechten finanziellen Verhältnissen. Ich lernte einige Iraker kennen, die in der Hauza arbeiteten, und einen Teil der afghanischen Studenten. Die Zahl der schiitisch-islamischen Veröffentlichungen, besonders in Zeitungen und Zeitschriften, hatte seit der Errichtung der islamischen Republik Iran stark zugenommen. 
 
 Meine Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken befriedige ich beim Zusammensein mit irakischen Flüchtlingen. Meistens gehe ich in jenes Café, um irakischen Tee zu trinken und bewegende Geschichten aus dem Irak zu hören: über die Kälte, den Bedarf nach teurem Brennstoff, Krankheiten, steigende Preise für ärztliche Behandlung und Medizin, fehlende Arbeit, Analysen der gegenwärtigen politischen Lage, die Ermordung oder Vertreibung von Freunden und Nachbarn durch die Extremisten. Ich höre die Geschichte einer etwa 30-jährigen Frau, die einen Universitätsabschluss hat. Mit ihrem Mann und dessen Familie wohnt sie in einem Zimmer, das sie durch Vorhänge unterteilen. Ihr Ehemann weiß nicht, dass sie als Tagelöhnerin Geld verdient, und denkt, sie gehe in einem Frisiersalon arbeiten, wenn sie das Haus verlässt. Ich höre die Geschichte eines Oberleutnants der Luftwaffe. Er war mit seinem einzigen Sohn nach Damaskus geflohen, denn man hatte eine Säuberungskampagne unter den Offizieren des irakischen Heers, besonders unter denen der Luftwaffe, gestartet. Verantwortlich für die Kampagne war wahrscheinlich der iranische Geheimdienst. Seine Frau und seine vier Töchter hatten in Bagdad bleiben müssen, er arbeitete jetzt bei einem Gemüsehändler. Ich hörte die Geschichte einer Ärztin mit fünf Kindern. Ihr Mann arbeitete für eine der neuen Firmen im Irak, und man hatte versucht, ihn zu ermorden. Er war mit seiner Familie nach Syrien geflohen, dann aber wieder in den Irak zurückgekehrt, um mit der Arbeit dort die Lebenshaltungskosten seiner Frau und Kinder in Syrien zu decken. Seine Frau sagt, wenn das Telefon klingele, denke sie immer, er sei tot. Ich sehe die Traurigkeit in den Gesichtern, den Schritten, den Bewegungen, den Unterhaltungen der Iraker. Verzweifelt ersuchen sie immer wieder das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), die Hilfsgelder für irakische Flüchtlinge nicht zu kürzen. Das UNHCR schätzt die aktuelle Zahl der irakischen Flüchtlinge auf über 4 Millionen weltweit, davon befinden sich 2,2 Millionen in ihrem eigenen Land auf der Flucht und ebenso viele halten sich in den Nachbarstaaten wie Syrien oder Jordanien auf. 


 Besonders schlimm ist das Los der irakischen jungen Generation. In den Straßen von Damaskus und des Sayyida-Zainab-Viertels betteln irakische Kinder, junge Iraker verkaufen Zigaretten und andere Waren und fürchten sich davor, von der Polizei aufgegriffen zu werden. Das gehört zur Arbeitsteilung innerhalb der Familien, um das tägliche Brot, die Miete oder andere Notwendigkeiten zu sichern. Die wenigsten Kinder erhalten die Chance auf eine Ausbildung, denn die staatlichen Schulen sind überfüllt, die Privatschulen zu teuer. Außerdem müssen sich die Schüler einer Prüfung unterziehen, bei der sie unter Umständen ein ganzes Schuljahr oder mehr zurückgestuft werden – wegen der Unterschiedlichkeit der syrischen und irakischen Lehrpläne. Ein irakischer Schüler, der sein Abitur in Syrien macht, darf die Hochschule danach nur besuchen, wenn er Gebühren zwischen 6.000 und 10.000 Dollar jährlich bezahlt.


 Die Farbe der Gesichter der Leute hier ändert sich vom einen Moment zum anderen, je nachdem, welches Gerücht gerade kursiert. Das übelste ist wohl jenes: Visa von Irakern werden nur verlängert, wenn sie für einen Monat in den Irak zurückkehren. Das würde für viele eine Art Todesurteil bedeuten.


 Die irakischen Familien zerbrechen in zwei Teile: Ein Teil bleibt im Irak, der andere geht ins Ausland die eine Hälfte irrt zwischen zwei Ländern umher, die andere wird von Terrorismus und täglicher Todesgefahr gebeutelt. Im Ausland sehen sich viele dazu gezwungen, zu heiraten, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Um sich über Wasser zu halten, schicken manche Familien ihre Töchter zum Tanzen in Nachtclubs.


 Die irakischen Nachrichten berichteten, dass große Mengen Erdöl über Bagdad außer Landes geschmuggelt wurden, einige Milliarden Dollar sollen im Zuge der Wirtschaftskorruption unterschlagen worden sein, während sich viele irakische Familien vor Hunger krümmen und keiner sie beachtet.


 Gepeinigt von solch traurigen Gedanken bleibe ich bei der Rückkehr auf mein Zimmer vor dem Spiegel an der Wand gegenüber meinem Bett stehen und betrachte lange mein Gesicht. Mal verziehe ich mein Gesicht zu dem eines Tiers, mal zu dem eines Verrückten, eines Bettlers, oder ich ziehe ein Gesicht, das gar nichts bedeutet, mal lächele ich, mal kneife ich die Lippen zusammen, rede irre oder lache. Zuletzt sehe ich versunken aus dem kleinen Fenster neben meinem Bett auf den wolkenverhangenen Himmel.
 
 

Aus dem Arabischen von Steffi Gsell



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