„Die Angst ist immer da“

von Luthando Mampintsha

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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Arbeiter bei Bohrungen auf der Suche nach Gold. Foto: Graeme Williams / South Photos / Africa Media Online / laif (o.); Sygma / Getty Images


Ich stehe jeden Tag um zwei Uhr morgens auf und beginne meine Schicht in Mponeng um etwa fünf Uhr. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Mine sind hoch. Man muss drei Zugangskontrollen passieren, denn die Betreiber der Mine wollen sich vor illegalem Abbau schützen und verhindern, dass Kriminelle die Ausrüstung stehlen, insbesondere die hochexplosiven Sprengstoffe. Außerdem müssen sie sicherstellen, dass sich niemand mehr vor Ort aufhält, wenn es zu den großen Sprengungen kommt.

Morgens holt man sich zuerst eine Lampe und einen „Selbstretter“, das ist ein Notfallsauerstoffset, das am Gürtel befestigt wird. Bei der Arbeit trage ich Gummistiefel, einen Overall, einen Schutzhelm, ein Rettungspaket und die Lampe. Alles zusammen ist schwer, aber man kann sich trotzdem noch bewegen. Am Eingang werden unsere Karten eingesammelt, damit die Rettungsteams im Falle von Problemen wissen, wer fehlt. Wir nehmen den Aufzug, den sogenannten „Catch“. Ich fahre bis zur Ebene 83 hinunter, laufe dann zu einer anderen Station und nehme den Aufzug bis zur Ebene 120. Ich arbeite etwa einen Kilometer unter der Erde und laufe dort fast drei Kilometer in der Horizontalen.

In der Mine ist es sehr laut: Die Belüftung und die Maschinen machen viel Lärm, daher tragen wir alle einen Gehörschutz. Um uns herum ist es dunkel, außer dort, wo die eigene Grubenlampe hinscheint. Unter Tage ähnelt ansonsten manches dem Leben über Tage. Es gibt zum Beispiel Autos, Fahrräder und Krankenstationen. Das Leben unter der Erde erinnert mich manchmal an verschiedene Stadtviertel, jedes hat seine eigenen Bauten und Straßen.

„Es ist schwer, an einem Ort zu arbeiten, an dem man nie weiß, ob man es zurückschaffen wird“

Schon bevor ich in meinem Abschnitt ankomme, spüre ich die Hitze. Es ist etwa dreißig Grad heiß und man muss viel Wasser bei sich haben. Ich arbeite in einem neunköpfigen Team, wir führen die Sprengungen durch. Oft müssen wir auf den Knien kriechen, weil es nicht genug Platz gibt, um aufrecht zu gehen. Die Arbeit unter Tage ist riskant, der Boden kann einstürzen, man kann dehydrieren. Immer wieder kommt es zu Verletzungen. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand sein Leben verloren hat, aber auch das kann vorkommen. Bei meiner Arbeit muss ich das Gestein über mir erst einmal abstützen, das geschieht oft mit Stöcken. Ich habe schon viele heikle Momente erlebt, aber ich kenne die verschiedenen Gesteinsarten und bin dafür ausgebildet. Der Profi in mir beschwichtigt irgendwie meine Ängste.

Wir bohren Löcher ins Gestein, um darin Bomben anzubringen. Sie sind aus einem starken Sprengstoff. Gelegentlich wird dieser Sprengstoff auch von kriminellen Banden gestohlen und dann bei Raubüberfällen verwendet. Im Bergwerk wird der Sprengstoff erst gezündet, wenn niemand mehr unter Tage ist. Manchmal spüre ich die Explosionen sogar noch von meinem Haus in Carletonville aus. In der Mine arbeiten wir elf Stunden am Stück. Wenn man nach einer Schicht an die Oberfläche kommt, wird genau kontrolliert, dass niemand Gold mitgenommen hat – manchmal sieht es nämlich genauso aus wie Erde.

Ich persönlich wollte nie Bergmann werden. Ich habe eine Ausbildung im Personalwesen gemacht, bin aber wegen fehlender Jobs unter Tage gelandet. Dies ist mein drittes Jahr im Bergbau. Mein Vater war Bergmann, und meine Schwester und mein Bruder arbeiten auch in den Minen. Ich bin froh, dass ich einen sicheren Arbeitsplatz habe, aber langfristig habe ich vor, die Mine zu verlassen. Mit der Zeit verliert man zwar etwas von seiner Angst, aber sie ist dennoch immer da. Es ist schwer, an einem Ort zu arbeiten, an dem man nie weiß, ob man es zurückschaffen wird. Unter Tage beten wir immer: „Bitte, bitte, Herr, lass uns zurückkommen, lass uns einfach nur zurückkommen.“

Protokolliert von Simthandile Ntobela

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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