Im Bauch der Stadt

von Shumona Sinha

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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Die Autorin Shumona Sinha. Foto: Patrice Normand


Am Großen Bahnhof, zwischen fliegenden Händlern, Obst- und Gemüseständen, Pornomagazinen, Damenunterwäsche und Ladegeräten für Smartphones, wartet Sam am Bahnsteig auf den Zug. Seine Shorts sind zu weit für seine dürren Beine, an seinem Hemd fehlen ein paar Knöpfe, seine nackten Füße sind so schmutzig wie der Boden, gelegentlich reibt er sich den mit Krätze bedeckten Ellbogen. Sein jugendliches Gesicht ist schön wie ein frisches, saftiges Blatt.

Der Nachmittag ist schwer und klebt an der Haut. Der Geruch des Regens hat den üblichen Gestank von Pisse, Tabak und Müll überdeckt. Die versprengte Menge rennt umher, springt auf die Gleise, überquert sie, um auf den Bahnsteig auf der anderen Seite zu klettern, klammert sich an die Türen der überfüllten Züge, die den Bahnhof bereits verlassen. Sam wartet weiter.

Schließlich trifft er ein: Der Mann, dreißig Jahre alt, steigt aus dem Zug, eine Plastiktüte mit seinen Habseligkeiten in der Hand, er wirkt verloren, müde, aber gespannt vor Hoffnung. Einer von Tausenden von Männern, die vom Land in die Millionenstadt gekommen sind, um Arbeit zu finden. Ein Bauer, der kein Land mehr hatte und bereit war, Arbeiter zu werden, in einer Fabrik, auf einer Baustelle, in irgendeinem Räderwerk, das sich dreht.

„Wer nicht genug Geld hat, um eine Unterkunft in der Stadt zu bezahlen, um dort oben, über der Erde, zu leben, gräbt Tunnel, steigt tiefer hinab, in das schwarze, verkohlte Herz der Erde“

Sam ist da, um ihn zum Bauleiter zu bringen, ihm eine Unterkunft zu besorgen und ihn auf die Gästeliste des Restaurants zu setzen. Im Gegenzug hofft er auf eine Belohnung, darauf, etwas Geld oder eine Mahlzeit zu ergattern.

Der Mann bleibt dicht hinter ihm. Sam bahnt sich einen Weg durch die Menge, lässt die große Halle, die Gänge zu den Bahnsteigen und die Büros mit den Glastüren hinter sich. Er geht schnell und stellt dem Mann ein paar Fragen. Der Mann, wenig gesprächig, pflichtet ihm einsilbig bei, nickt, lächelt vage, um nicht unhöflich zu erscheinen, und verschlingt alles mit seinem Blick. Sam wendet sich nach links, macht eine Kopfbewegung in Richtung seines Begleiters, betritt einen Durchgang und plötzlich werden sie von der Dunkelheit verschluckt. Sam lehnt sich gegen die Seitenwand, rät dem Mann, es ihm nachzutun, vorsichtig zu sein.

Da stehen sie nun vor den Stufen, die nach unten führen. Je weiter sie gehen, umso mehr steigt ihnen der grüne, stechende Geruch von Schimmel in die Nase, der sich seltsam mit dem Geruch von Gewürzen und Seife vermischt. Am Ende der Treppe ist wieder Licht. Vor ihnen breitet sich eine unterirdische Siedlung aus. Eine Stadt im Bauch der Stadt.

Kleine Zelte säumen die beiden Seiten der Mauern. Der Raum hier ist breit, wie ein Hof, von dem mehrere schmale Gänge abgehen, deren Ende nicht zu sehen ist. Zusammen bilden die unterirdischen Tunnel ein Labyrinth, das bewohnt, belebt und beinahe fröhlich ist. Unterkünfte für Bettler, Prostituierte, Putzfrauen, Rikschafahrer, Arbeiter aus anderen Regionen, die in die Millionenstadt gekommen sind. Wer nicht genug Geld hat, um eine Unterkunft in der Stadt zu bezahlen, um dort oben, über der Erde, zu leben, gräbt Tunnel, steigt tiefer hinab, in das schwarze, verkohlte Herz der Erde. Sie sind Exilanten in ihrem eigenen Land, unterirdische Exilanten, die Verdammten, denen Sonne und Luft verwehrt wird. Ihre einzige Jahreszeit ist die ewige Nacht.

„Der Boden der anderen ist ihr Dach. Wenn sie alle aufstehen und mit ihren Händen gemeinsam die Betondecke berühren würden, könnte man meinen, dass sie die Stadt stützen, sie vor dem Einsturz bewahren“

Sam führt den Mann zu seiner neuen Bleibe. An die Wand gelehnte Plastikrollen dienen als Dach, von Schnüren herabhängende alte Saris als Wände, der Betonboden ist mit Lumpen, alten Zeitungen und Jutesäcken gepolstert. Die Sandalen am Eingang markieren den Beginn der Intimität. Hier und da kritzeln über Papier und Schulbücher gebeugte Kinder etwas, sagen laut etwas auf und brechen manchmal in Gelächter aus. Andere spielen und krabbeln auf dem Boden, ziehen an den Schwänzen räudiger Hunde und klettern auf sie, umgeben von Töpfen, die auf Öfen aus Lehm und Ziegeln stehen. Einige verbeulte Geräte aus Aluminium und Emaille, mit Wasser gefüllte Benzinkanister ergänzen die verborgenen Küchen. Die Frauen, die nicht als Arbeiterinnen oder Hausmädchen angestellt sind, laufen geschäftig umher, bürsten ihren Freundinnen die Haare, entlausen sich, stillen ihre Säuglinge, schelten ihre schreienden und rennenden Kinder und verpassen ihnen, wenn nötig, eine Tracht Prügel.

Die Stadt rennt irgendwo weit über ihren Köpfen wild durcheinander. In Wolkenkratzern, Häusern, Cafés, Restaurants, Geschäften und Basaren. Busse und Züge sägen durch die Haut der Stadt und lassen die Geräusche in diesem höhlenartigen Raum widerhallen. Der Boden der anderen ist ihr Dach. Wenn sie alle aufstehen und mit ihren Händen gemeinsam die Betondecke berühren würden, könnte man meinen, dass sie die Stadt stützen, sie vor dem Einsturz bewahren.

Es ist ein tief im Inneren des Landes verborgenes Land. Weder ein geografisches noch ein politisches Territorium. Ein Land wie in einem Traum, in einem verschwommenen Albtraum. Ein Feld der Möglichkeiten, ohne Einschränkungen, ohne Grenzen. Bis die Tunnel zu Sackgassen werden, gegen Wände stoßen, in Abwasser eintauchen und die Ratten zu den Menschen hinaufklettern.

Sam lebt allein. Als Waise, bei der Geburt ausgesetzt, von einer alten Bettlerin gerettet, die nicht mehr am Leben ist, bewegt er sich in den Tunneln ebenso sicher wie auf den Straßen der Stadt. Überlebt mit Gelegenheitsjobs. Putzt Fenster, Autos und Gehwege. Trägt den Lebensmittelhändlern die Einkaufstüten, den Touristen die Koffer und den alten Leuten aus der Nachbarschaft die Einkäufe. Spielt Bote für den Bauleiter, die Arbeiter und die Huren.

„Man wird nicht als Migrant geboren, man wird es. Diese Männer und Frauen waren bei ihrer Geburt keine Migranten, sie sind es geworden“

Die meisten Bewohner hier leben im Kreise ihrer wachsenden Familien. Die anderen, die allein gekommen sind, knüpfen Bande – der Freundschaft, der Liebe, des Begehrens und der Abhängigkeit. Sie leben in ihren Überlebenskreisen. Ihre Wut, ihr Schmerz, ihre Verzweiflung formulieren sich, versetzen die Zone in Unruhe, verfliegen im Geschmack des übelriechenden Alkohols, in einem spöttischen Lachen. Oder in einer plötzlichen Schlägerei wie bei einem grölenden Box- oder Ringkampf von Amateuren, der sie nach Luft schnappen lässt, sie zuweilen blutig zurücklässt, jeglicher Sinne beraubt.

Man wird nicht als Migrant geboren, man wird es. Diese Männer und Frauen waren bei ihrer Geburt keine Migranten, sie sind es geworden. Sie haben ihre Hütten auf dem Land verlassen, ihre kleinen Parzellen, ihre Kühe und Ziegen verkauft, das wenige Geld zusammengekratzt, das sie zusammenkratzen konnten, und mit einem glühenden Mut im Schädel sind sie hier angekommen. Als sie kurz davor waren zu verrecken, kurz davor zu sterben, vor Hunger, vor Angst, vor Scham, haben sie sich auf den Weg gemacht.

Sie wissen, dass es so und nicht anders sein wird. Zu rebellieren ist vergeblich. Die Stadt verändert sich. Das Land ist in der Entwicklung. Schmückt sich mit Dekoration, Sinnesfreude und Luxus. Vielleicht schafft es die neue Generation, aus diesen Tunneln herauszukommen, an die Oberfläche zu gelangen und dort zu bleiben, um zu leben. Unterdessen trinken sie einen letzten Schnaps.

Der Mann lässt sich in einem Zelt nieder. Nach der langen Tagesreise aus seinem Dorf kann er sich endlich hinlegen. Die letzten Ernten waren katastrophal, die Schulden bei den Gläubigern bedrohten die ganze Familie. Er musste sich anderswo nach Arbeit umsehen. Er musste seine Eltern zurücklassen, jüngere, arbeitslose Brüder, Schwestern, die verheiratet werden müssen. Eine junge Ehefrau. Wenn er an sie denkt, möchte er an den Tabakblättern saugen. Sie lange kauen und dann den braunen Speichel hinunterschlucken.

„Wenn er gut aussieht, wenn er es wert ist, machen sie es ihm vielleicht für ein Lächeln, vielleicht werden sie sogar süchtig danach“

Von seinem Zelt aus beobachtet er seine neuen Nachbarn und Nachbarinnen. Ein paar alte Männer und Frauen, die meisten aber sind jung, dünn, hager, aber mutig, wendig und erfinderisch. Ein oder zwei Frauen werfen ihm Blicke zu. Die Hausmädchen sind zur Arbeit in die Stadt gegangen. Die anderen bereiten sich auf ihr abendliches Gewerbe vor. Neugierig, amüsant, aufreizend. Sie wissen, dass er allein ist. Er wird hier für längere Zeit allein leben. Er wird eine Arbeit haben, Geld haben. Genug, um seiner Familie etwas zu schicken, seine Mahlzeiten zu bezahlen, seine Flaschen Alkohol und vielleicht ein- oder zweimal im Monat eine Nutte. Wenn er gut aussieht, wenn er es wert ist, machen sie es ihm vielleicht für ein Lächeln, vielleicht werden sie sogar süchtig danach. Es kann sogar ganz nett sein.

Der Mann beobachtet sie und kaut auf den imaginären Tabakblättern. Er ist in dem Moment, der allen anderen noch kommenden Momenten vorausgeht. Vor Erwartung verkrampft sich sein Magen.

Das Elend ist ein Gefängnis. Man schläft dort mit jedem, den man kriegen kann, um zu überleben, solange man überleben kann.

Sam wird später am Abend wiederkommen, um ihn in das Netzwerk, in den Kreislauf der unterirdischen Tunnel, einzuführen. Der Mann sieht, wie Sam sich entfernt. Unter seinen schweren Lidern verschwimmen der Körper des Teenagers und sein schönes, frisches Gesicht, vermischen sich mit den Körpern der Frauen um sein Zelt, wiegen sich gemeinsam wie Farbwellen, rieseln als Konfetti herab, glitzern, funkeln, versetzen ihn in tiefes Vergessen, während der Abend wie Staub auf die Stadt fällt.

Aus dem Französischen von Claudia Kotte



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