Wählen in: Paraguay

Borja Loma

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Die Stimmung vor den Präsidentschaftswahlen am 20. April 2008 ist von tiefem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem politischen Establishment geprägt: 61 Jahre lang haben Präsidenten und Generäle aus den Reihen der „Partido Colorado“ (PC) die Macht unter sich aufgeteilt. Die Folgen dieser von Günstlingswirtschaft und staatlicher Gewalt überschatteten Alleinherrschaft sind verheerend. Das Binnenland gilt heute als einer der ärmsten und korruptesten Staaten des südamerikanischen Subkontinents. 42 Prozent der etwas mehr als sechs Millionen Paraguayer gelten laut der UN-Welternährungsorganisation als „arm“, 1,2 Millionen sogar als „extrem arm”. Dazu kommt eine sogar für südamerikanische Verhältnisse extrem ungleiche Verteilung von Grund und Boden: 80 Prozent der Flächen gehören nur zwei Prozent der Bevölkerung. Die größte Sorge der Paraguayer ist aber der hohe Grad an Korruption in der Gesellschaft. Begriffe wie „Funktionär“ oder „Politiker“ gelten schon als Synonyme für „Dieb“. 
 In diesem Kontext tritt Fernando Lugo auf die politische Bühne, unterstützt von der „Patriotischen Allianz für Veränderung“, einem Bündnis aus Liberalen, Linken, Christdemokraten sowie sozialen Bewegungen und Gewerkschaften. Der katholische Geistliche trat 2006 von seinem Kirchenamt zurück, um für die Präsidentschaft zu kandidieren. Die Wurzeln von Lugos politischem Engagement liegen in der vom Vatikan durchaus kritisch gesehenen Befreiungstheologie. Als Bischof der Diözese San Pedro im Südosten des Landes widmete er sich den katholischen Basisgemeinschaften und der Bewegung der Landlosen. Immer wieder kommt es in der armen Region an der Grenze zu Brasilien zu Landbesetzungen. Kleinbauern erstürmen große Landgüter, weil sie keine eigenen Anbauflächen haben. Fernando Lugo hat angekündigt, eine Landreform in Angriff zu nehmen und ein „Null Hunger“-Programm zu starten. Ein wichtiges Anliegen ist ihm auch die Neuverhandlung des Vertrages über das Wasserkraftwerk in Itaipú in Brasilien. Er hat vorgerechnet, dass Paraguay eigentlich 1,4 Milliarden US-Dollar jährlich zustünden, bislang bekommt das Land vom reichen Nachbarn lediglich 200 Millionen. 
 Auch die beiden ernst zu nehmenden Konkurrenten Lugos haben sich den Wandel auf die Fahnen geschrieben. Die ehemalige Bildungsministerin Blanca Ovelar, die für die PC antritt, verspricht eine „weibliche Regierung“, der Exgeneral und Putschist Lino Oviedo will mit sieben industriellen Megaprojekten das Land aus der Krise führen. Mittlerweile liegt aber der charismatische Geistliche Lugo in Umfragen vorn. Das Regierungslager sucht schon fieberhaft nach einem Vorwand, um ihn von den Wahlen auszuschließen: Weil der Vatikan ihn nicht exkommuniziert habe, sei er ein Geistlicher und dürfe nicht kandidieren. Die Anhänger des 57-Jährigen argumentieren wiederum mit der laizistischen paraguayischen Verfassung. Unter ihnen hat sich mittlerweile eine weitere Befürchtung breitgemacht: Die PC könnte die Wahlen manipulieren, um die Macht nicht abgeben zu müssen. Für den Fall kündigten sie bereits einen unbefristeten Generalstreik an. 
 

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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