Wir sind Spiegel

von Lizzie Doron

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)


Kürzlich besuchte ich eine kleine Buchhandlung, dessen Besitzer mich sehr schätzt. Er hatte eins meiner Bücher ins Fenster gestellt. Kurz darauf kamen zwei Typen in den Laden gestürmt und drohten, sein Schaufenster einzuschlagen, falls er das Buch nicht herausnähme. Immer, wenn ich besonders heftige Reaktionen auf meine Bücher bekomme, stehe ich unter Schock. Offenbar lesen manche Menschen so viel in sie hinein, dass sie glauben, ich sei gegen mein Land oder eine „Prostituierte der Araber“. Dabei ist es doch meine Aufgabe als Autorin, die Geschichten derer zu erzählen, die nicht gehört werden. Ich bin überzeugt, dass alle Menschen die Geschichte ihres Nachbarn kennen sollten. 

Die aktuelle Situation im Nahen Osten ist unerträglich. Die Positionen sind in Stein gemeißelt. Ich glaube nicht, dass es bald eine Lösung geben wird, denn auf beiden Seiten ist Gott involviert. Dabei ist die Geschichte schon kompliziert genug: Wir haben den Palästinensern ja wirklich ihr Land genommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchten wir einen sicheren Ort, wir hatten keine Wahl und dafür haben sie bezahlt. Es ist also sehr ernst und sehr kompliziert. Genau wegen dieser Kompliziertheit schreibe ich mit Humor. Beim Lachen kann man einander näherkommen. Ich nutze Humor und Zynismus, weil meine Bücher sonst depressiv machen würden.

Ich bewundere die „Combatants for Peace“, die Friedenskämpfer. Zu ihnen gehören Israelis und Palästinenser, die Veränderung schaffen, weil sie ihren Feind als Menschen mit einer Geschichte akzeptieren. Es geht nicht darum, alles zu verzeihen. Aber man muss zuhören. Dann erkennt man, dass auch die anderen für ihre Freiheit kämpfen, wie wir. Wir sind wie Spiegel. Auf jeder Seite sieht man ein Gesicht. Und sie sind sich so ähnlich. 

 

Protokolliert von Gundula Haage



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