Ich bin dafür, dass mein Leben gleich viel zählt

von Andy Marso

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)


    Das Leben von Menschen mit Behinderungen wird immer noch nicht so wertgeschätzt, wie ich es mir wünschen würde. Immer wieder kommt hier, in den Vereinigten Staaten, angesichts der Todesopfer des Coronavirus die Frage auf: „Aber wie viele dieser Menschen waren alt oder hatten andere gesundheitliche Probleme?“ Impliziert wird dabei, diese Todesfälle seien eher zu akzeptieren als andere. Eine Diskussion darüber, dass Menschen mit Rückenmarksverletzungen, Down-Syndrom und anderen Behinderungen ein höheres Risiko haben, an einer Covid-19-Infektion zu sterben, wird derweil kaum geführt. Das zeugt nicht nur von Altersdiskriminierung, sondern auch von Ableismus: der Überzeugung, das Leben mit Behinderungen sei dem Leben ohne Behinderung unterlegen.

    Ein Beleg für die Missachtung des Lebens von Menschen mit Behinderungen ist auch die Tatsache, dass bei den jüngsten Überschwemmungen in Deutschland zwölf Menschen mit Behinderungen in ihrer Einrichtung für betreutes Wohnen ertranken. Niemand hatte sie evakuiert. Ein düsteres Szenario, das jedoch kein Einzelfall ist: Rund um die Welt haben sich bereits bei früheren Naturkatastrophen ähnliche Tragödien abgespielt. Ein Beleg für die Missachtung des Lebens von Menschen mit Behinderung.

    Mir selbst fallen ableistische Einstellungen immer wieder auf, weil ich sie früher selbst hatte. Als ich 22 Jahre alt war, erkrankte ich an einer bakteriellen Meningitis, einer akuten Hirnhautentzündung. Im Zuge meines fast tödlichen Kampfs mit der Krankheit sahen sich die Ärzte gezwungen, Teile meiner Füße und Hände zu amputieren. Das rettete mir das Leben, schränkte jedoch meine Beweglichkeit und Geschicklichkeit ein. Im Krankenhaus war ich in vielen Nächten verzweifelt über mein neues Leben als Amputierter. In meinen dunkelsten Momenten fragte ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, zu sterben.

    „Woher kamen meine Ängste, ob ein Leben mit Behinderung überhaupt lebenswert wäre? Ich glaube, dass ich sie durch jahrelange ableistische Kommentare und Bilder in den Medien und in meinem Alltag verinnerlicht hatte“

    17 Jahre später erscheinen mir diese Gedanken absurd. Seit den Amputationen habe ich zwei Bücher geschrieben, eine wundervolle Frau geheiratet, ich bin durch Europa und Südamerika gereist und habe viele interessante Menschen kennengelernt. Meine Rehabilitation war nicht einfach, und sicherlich gibt es Dinge, die ich noch gerne tun können würde – zum Beispiel Basketball spielen oder barfuß am Strand spazieren gehen. Aber ich führe ein gutes Leben, auch mit Behinderungen. Es ist anders, aber nicht schlechter.

    Woher kamen meine Ängste, ob ein Leben mit Behinderung überhaupt lebenswert wäre? Ich glaube, dass ich sie durch jahrelange ableistische Kommentare und Bilder in den Medien und in meinem Alltag verinnerlicht hatte. Jahre, in denen einem, ohne dass man sich dessen bewusst wäre, beigebracht wurde, dass es „normal“ ist, körperlich fit zu sein, und „unnormal“, eine Behinderung zu haben.

    Ich erinnere mich, wie ich kurz nach meinem Krankenhausaufenthalt eine Talkshow im Radio hörte. Der Moderator tadelte gerade seinen Co-Moderator dafür, dass er eine amputierte Person datete. Jeder, dem Gliedmaßen fehlten, solle gefälligst diejenigen, die noch alle Arme und Beine haben, als „außerhalb der eigenen Liga“ betrachten, sagte der Gastgeber. Verstandesmäßig wusste ich, dass es ein schlechter Scherz war, der schockieren sollte. Aber emotional hat es mich offensichtlich sehr berührt, denn ich kann mich noch genau erinnern, wo ich war, als ich das hörte.

    Wir sollten daran arbeiten, ableistische Einstellungen zu ändern – sowohl bei uns selbst als auch bei unseren Kindern. Wir müssen lernen, Behinderung nicht als Abnormalität zu betrachten, sondern als ganz normalen Teil des menschlichen Daseins. Wir haben bereits mit dieser Aufgabe begonnen: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir viele der oft erbärmlichen Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderungen untergebracht waren, geschlossen und dafür gesorgt, dass Menschen mit Behinderung an Schulen, an Arbeitsplätzen und an anderen öffentlichen Plätzen nach und nach zum „Mainstream“ werden. Wir haben Gesetze erlassen, um Diskriminierung aufgrund einer Behinderung zu verhindern. Trotzdem zeigen Krisen wie die Corona-Pandemie, dass die Abwertung von behindertem Leben ein Teil der Gesellschaft ist und wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

    Aus dem Englischen von Carmen Eller



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