Für die Weißen an die Front

von Salifu Abdul-Rahaman

Endlich! (Ausgabe I/2020)


Der 103-jährige Thomas Osie Larh ist seit einigen Jahren erblindet, aber seine geistigen Fähigkeiten hat er keineswegs eingebüßt: Auf Anhieb erinnert er sich an seine Dienstnummer, die 60525, die er im Jahr 1938 als 22-jähriger Soldat erhielt, als er von den westafrikanischen Grenztruppen eingezogen wurde. Damals befand sich die Goldküste – das heutige Ghana – unter britischer Kolonialverwaltung. Und der Krieg, in dem Larh in den folgenden sieben Jahren kämpfen sollte, war der Zweite Weltkrieg.

116 ghanaische Veteranen dieses Krieges sind noch am Leben. Larh ist der älteste von ihnen. „Wir wurden auf einen Dampfer verladen und an die Front verschifft. Wir durchquerten das Rote Meer und den Suezkanal und fuhren nach Südostasien, bis nach Indien“, erzählt er im Wohnzimmer seines Hauses in Boso, rund hundert Kilometer von Accra entfernt. Bis 1945 kämpfte er in Indien und Myanmar für die Briten. „Ich half den Weißen an der Front, ihre Gewehre zu reparieren. Sie mochten mich, weil ich hart arbeiten konnte“, erinnert er sich. Nach dem Kriegsende 1945 kehrte Larh nach Ghana zurück und arbeitete die folgenden Jahrzehnte als Waffenschmied. Heute ist er bettlägerig und wird von seiner Frau Beatrice gepflegt. Von den Bewohnern seiner Heimatstadt wird Lahr „der Soldat“ genannt und wegen seiner Langlebigkeit als auch wegen seiner Tapferkeit im Krieg sehr geachtet

Jedes Jahr am 11. -November werden die Veteranen mit einer großen Parade und viel Pomp gefeiert. Es fließen Tränen, wenn die überlebenden Soldaten an die Geschehnisse des Aufstands von 1948 erinnern: Damals wurden die Kameraden Odartey Lamptey, Attipoe und Adjetey an der Christianborg-Kreuzung in Accra von einem britischen Offizier erschossen. Zum Zeitpunkt ihrer Ermordung marschierten sie friedlich zum Regierungssitz, um eine Petition einzureichen – an die Kolonialregierung, die ihnen nach ihrer Rückkehr von der Front die versprochenen Pensionen und Arbeitsplätze verschaffen sollte. Obwohl Ghana 1957 die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht erlangte, erhalten diejenigen, die während des Krieges für die Briten kämpften, bis heute keine angemessene Rente.

„Über siebzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges ist die prekäre Situation der Veteranen nun endlich ein öffentlich diskutiertes Thema“

„Ich esse sehr gerne. Mit gutem Essen kann ich noch lange weiterleben“, sagt Thomas Osie Larh. Doch dass Ghanas ältester Kriegsveteran täglich drei Mahlzeiten auf den Tisch bekommt, ist keineswegs selbstverständlich, denn seine staatliche Rente beträgt gerade einmal vierzig Cedi pro Monat – rund 6,60 Euro. Das ghanaische Renten- und Pflegesystem ist nicht gut ausgebaut, worunter neben allen anderen Senioren auch die Veteranen zu leiden haben. Larh überlebt nur dank der Unterstützung seiner Familie.

Wie kann es sein, dass sich die gesellschaftliche Wertschätzung für die Veteranen bis heute nicht in einer lebenswürdigen Rente widerspiegelt? Bright Segbefia, der Pressesprecher des Ghanaischen Veteranenverbandes, beschreibt die finanziell eingeschränkte Situation: „Wir bekommen von der Regierung nicht genug Geld. Darum sind wir nicht in der Lage, die Arztrechnungen der Kriegsveteranen vollständig zu übernehmen, dazu sind es zu viele. Aber wir stellen Särge für die Verstorbenen zur Verfügung.“ Ein bitterer Trost nach Jahren an der Front. Umso mehr, weil viele kriegsbedingte Gesundheitsprobleme der Veteranen auch früher nicht von der staatlichen Krankenversicherung abgedeckt wurden. Über siebzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges ist die prekäre Situation der Veteranen nun endlich ein öffentlich diskutiertes Thema: Im November 2019 wurde der ehemalige Gefreite Ashietey Hammond, 93 Jahre alt, von der britischen Regierung nach Großbritannien eingeladen, um von seinen Erinnerungen an die Zeit an der Front zu berichten. Dank seines Einsatzes hat die britische Regierung nun beschlossen, die Renten der überlebenden Kriegsveteranen und deren Witwen aufzubessern. Eine frohe Botschaft für Thomas Osie Larh, seine Frau Beatrice und die anderen 115 Überlebenden.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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