“Das Rentenalter hängt von der sozialen Klasse ab”

ein Interview mit John Macnicol

Endlich! (Ausgabe I/2020)


Herr Macnicol, gehen die Menschen mit dem Altern heute anders um als vor zwanzig oder fünfzig Jahren?

Ich glaube eher nicht, dass sich im Umgang mit älteren Menschen viel verändert hat, jedenfalls bei uns hier in Großbritannien nicht. Wir stehen sowohl unserem eigenen Alterungsprozess als auch dem Altern als sozialem Problem sehr ambivalent gegenüber. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Thema Älterwerden. Einerseits freuen wir uns darüber, dass immer mehr Menschen ein bisschen länger leben, andererseits wächst die Besorgnis über die damit verbundenen gesellschaftlichen Kosten.

Wie wirkt sich das auf ältere Menschen aus?

In den letzten dreißig bis vierzig Jahren haben die Rentner wenig Beachtung erfahren. Margret Thatchers Regierung hob bekanntermaßen die Anpassung von staatlichen Renten an Inflation und Löhne auf. Das stellte die Rentner im Lauf der Jahre vor ernst zu nehmende Probleme, bedeutete es doch, dass sie Ende der 1990er-Jahre bereits rund 1.000 Pfund jährlich einbüßten. Glücklicherweise haben nachfolgende Regierungen versucht, diese Situation zu verbessern. Momentan sind Rentner im Fokus der Sozialpolitik. Die Renten steigen langsam, außerdem profitiert die ältere Generation von steigenden Immobilienpreisen. Die heutigen Rentner konnten vergleichsweise einfach Häuser erwerben, deshalb wird jetzt darüber diskutiert, ob sie als Bevölkerungsgruppe im Vorteil waren. Ich stimme dem nicht zu, muss aber feststellen, dass diese Sichtweise die Gemüter erregt.

Wird der Besitz zwischen Alt und Jung fair verteilt?

Das ist ein wichtiger Punkt und nur sehr schwer zu beantworten. Erstens sind die wirtschaftlichen Verhältnisse schon innerhalb einer Bevölkerungsgruppe sehr unterschiedlich. Zweitens stellt sich die Frage, ob eine bestimmte Generation an den Verhältnissen Schuld haben kann. Die heutigen Senioren in Großbritannien wollten die Immobilienpreise nicht zu ihrem eigenen Vorteil niedrig halten, aber sie haben natürlich davon profitiert. Zugang zu Wohnraum ist ein entscheidender Vorteil und junge Menschen befinden sich diesbezüglich in einer viel schwierigeren Situation. Ich glaube nicht, dass man überhaupt eine Generation für etwas verantwortlich machen kann. Die politischen Entscheidungsträger müssen jedoch die Kluft zwischen Alt und Jung im Auge behalten.

Was bedeutet das steigende Renteneinstiegsalter für die ältere Generation?

Das Rentenalter ist angehoben worden und besonders bei den Frauen war das sehr umstritten. Bis vor Kurzem lag das gesetzliche Renteneinstiegsalter der Frauen noch bei sechzig, das der Männer bei 65 Jahren, doch für Frauen wurde das Pensionsalter sehr schnell angehoben. Begründet wurde dieser Schritt mit der höheren Lebenserwartung, aber ich bezweifle, dass das der Hauptgrund war. Ich denke, es ging eher darum, die staatlichen Ausgaben zu deckeln. Altersrenten sind sehr kostspielig und werden den Staat in Zukunft immer teurer zu stehen kommen. Die Erhöhung des Rentenalters ist also ein Präventivschlag. Verglichen mit anderen Industrieländern weltweit hat Großbritannien eines der schlechtesten Rentensysteme. Deshalb sind unsere Renten so niedrig. Das Bewusstsein dafür, dass ältere Menschen oft diskriminiert werden, etwa auf dem Arbeitsmarkt, ist gestiegen. Die Menschen arbeiten heute länger, weil ihnen Jobs zur Verfügung stehen. Es gibt viel mehr Teilzeitarbeit, und das sind die Beschäftigungen, denen ältere Menschen nachgehen. Das ist eine verlangsamte Umkehrung der Situation der frühen 1990er-Jahre, als man einen Rückgang der Beschäftigungszahlen von älteren Menschen zu bewältigen hatte. Hätte diese Entwicklung weiter angehalten, wäre daraus eine sehr schwierige gesellschaftliche Situation geworden, denn dann hätte man schon Fünfzigjährige vorzeitig pensionieren müssen. Dem ist der Anstieg der Beschäftigungszahlen zuvorgekommen. Einen großen Anteil daran hat natürlich Teilzeitarbeit, die durch eine staatliche Alterssicherung gestützt werden muss.

Kommt das längere Arbeiten unterschiedslos auf alle zu?

Der Renteneintritt wird sehr von der gesellschaftlichen Klasse bestimmt. Wer vorzeitig in den Ruhestand treten muss, befindet sich oft am unteren Rand der sozialen Skala und leidet mit großer Wahrscheinlichkeit unter gesundheitlichen Problemen oder ist von Entlassung betroffen.

Was genau ist die „Neoliberalisierung des Alterns“, das Thema ihres letzten Buchs?

Die Neoliberalisierung des Alterns ist im Grunde der Versuch, Altersunterschiede zu nivellieren und die Menschen so lange wie möglich arbeiten zu lassen. Ich denke, das widerspricht den tatsächlichen Interessen alter Menschen. Gesellschaften wie die unsere sollten den Ruhestand schützen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich dieser Trend fortsetzt. Es geht eher um die Maximierung der Arbeitskraft als um das Wohlbefinden der Menschen. Natürlich ist es für die geistige Gesundheit ganz gut, den Arbeitsplatz noch über den 65. Geburtstag hinaus zu behalten.  Ein Geschäftsführer oder eine Geschäftsführerin kann mit Freude weiterarbeiten. In Amerika ist für Akademiker kein Renteneintrittsalter festgelegt und so gibt es viele Akademiker in ihren Siebzigern, die ohne zu große Belastung ein sehr interessantes Leben führen. Doch Fabrikarbeiter oder Handwerker sind oft schon mit Mitte fünfzig kaum noch in der Lage weiterzuarbeiten. Es ist also schwierig, eine Grenze festzulegen, die für alle gilt. Das Beste wäre wohl, für unterschiedliche Menschen verschiedene Rentenalter festzulegen, doch das lässt sich nur sehr schwer umsetzen und politisch gestalten. Die meisten Menschen sind wahrscheinlich der Meinung, man sollte nur so lange arbeiten müssen, wie man kann. Tatsache ist, dass der Ruhestand sich sehr nach Klassen ausrichtet: Die unteren Klassen treten als erste in den Ruhestand. Auf persönlicher Ebene ist für jede Generation der Ruhestand eine Herausforderung. Manche kommen gut damit klar, andere nicht.

Die Zeitungen sind voll von älteren Menschen, die um die Welt segeln, Marathons laufen und Romane veröffentlichen. Von Autorinnen wie Margaret Atwood wird gesagt, sie sei mit ihrem jüngsten Buch „Die Zeuginnen“, das sie mit weit über siebzig schrieb, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angelangt. Gibt es Ihrer Meinung nach heute positivere Vorbilder für ältere Menschen als früher?

Die Entwicklung ist erfreulich, vor allem verglichen mit der Zeit vor fünfzig oder achtzig Jahren, als der Eintritt in den Ruhestand gleichbedeutend war mit dem Betreten eines Gefängnisses. Jedem großartigen neunzigjährigen Marathonläufer stehen jedoch viele Menschen gegenüber, die schon früh von Krankheit aus der Bahn geworfen werden oder sterben. Darin liegt für politische Entscheider die Schwierigkeit: Das Alter ist unvorhersehbar und nur sehr schwer planbar. Es kann sehr unterschiedlich aussehen: Manche leben lange und bleiben viele Jahre lang fit, andere erkranken schon mit sechzig.

In unseren alternden Gesellschaften wächst der politische Einfluss älterer Wähler. Wirkt sich das auf die Politikgestaltung aus?  

Die Regierung in Großbritannien ist ziemlich beunruhigt wegen der „alten Stimmen“, was den Rentnern wirklich zugute kommt. Alte Menschen sind momentan eine ziemlich mächtige politische Kraft. Da die Zahl der über 65-Jährigen leicht steigt, wird dieser Trend auch weiterhin anhalten.

Das Interview führte Jess Smee

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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