Das Spiel mit dem Geld

von Toan Luu Duc Huynh, Mei Wang

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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Illustration: Dimitri Sakelaropolus


Aktienmärkte sind Gradmesser für die wirtschaftliche Lage und für das kollektive Verhalten einer Gesellschaft. Auch Gesundheitskrisen machen sich deshalb an den Börsen bemerkbar. Nie zuvor haben die globalen Finanzmärkte jedoch so stark unter eine Gesundheitskrise gelitten wie während der Coronapandemie. Das liegt zum einen daran, dass sich das Coronavirus schneller verbreitet hat als andere Viren, und zum anderen an den harten Maßnahmen, die rund um die Welt ergriffen wurden: von Abstands- und Hygieneregeln über weitgehende Reisebeschränkungen bis hin zu Lockdowns.

Doch während die Kurse 2020 zeitweise rapide fielen, wuchs das Handelsvolumen an den Aktienmärkten zuletzt tatsächlich an. Einer der Gründe: Vor allem junge Menschen stiegen während der Coronakrise in den Aktienmarkt ein. Dies scheint nicht nur eine direkte Folge der Lockdown-Langeweile zu sein, sondern auch mit der Vielzahl von kostenlosen Trading-Apps zusammenzuhängen, die in dieser Zeit erschienen. Sie versprechen, die private Geldanlage leicht zugänglich, interaktiv und so spannend wie ein Computerspiel zu machen. Ein prominentes Beispiel für solch eine kostenlose Trading-Plattform ist die in den USA entwickelte App „Robinhood«, deren Nutzung mit minimalen Hürden verbunden ist. Ein Bankkonto, ein Mindestalter von 18 Jahren und ein Smartphone: Mehr braucht es nicht, um loszulegen. Provisionen fallen nicht an, auch wenn Robinhood durch Premium-Dienste Geld verdient. 

Ähnlich verhält es sich mit Trading-Apps, die zuletzt anderswo entwickelt wurden, zum Beispiel mit „Wealthsimple“in Kanada, „Futa“ und „Tiger Brokers“in China oder „Freetrade“in Großbritannien. Sie ermöglichen es Smartphonebesitzern, zu jeder Zeit und an jedem Ort – und während der Pandemie natürlich vor allem zu Hause – per Fingertipp in den Aktienmarkt zu einzusteigen. Und damit nicht genug: Denn Nutzer können über die Apps nicht nur in einzelne Aktien und in ETF-Indexfonds investieren, sondern auch ausgefallene Trendprodukte wie Kryptowährungen oder kompliziertere Derivate wie Optionen handeln.

„In der Öffentlichkeit macht sich angesichts von Berichten über den rücksichtslosen Anlagestil manch eines Junginvestors Besorgnis breit. Im Juni 2020 nahm sich Alex Kearns, ein Student der University of Nebraska, das Leben, nachdem sein Robinhood-Konto einen Verlust von 730.000 US-Dollar aufwies“

Unter jungen Erwachsenen sorgte das zuletzt für einen regelrechten Boom: Die meisten Robinhood-Nutzer eröffneten ihre Konten tatsächlich während der Coronakrise. Beflügelt wurden sie durch Diskussionen in den sozialen Medien und durch die Kommentare prominenter Anleger wie Tesla-Chef Elon Musk, die sich nicht scheuten, über Investitionsmöglichkeiten wie Kryptowährungen und Co zu twittern. Selbst auf der Onlineplattform Reddit findet man mittlerweile eine Fülle von Anlagetipps. 

Doch Handelsplattformen und Apps wie Robinhood sind umstritten. Während Finanzexperten den Vorteil sehen, dass junge Erwachsene sich stärker am Aktienmarkt beteiligen, stehen Regulierungsbehörden den neuen Anlageinstrumenten eher skeptisch gegenüber. Nicht umsonst warnte die Financial Conduct Authority, die britische Finanzaufsichtsbehörde, zuletzt vor den hohen Risiken, die junge Anleger bei ihren Investitionen eingingen.

Und auch in der Öffentlichkeit macht sich angesichts von Berichten über den rücksichtslosen Anlagestil manch eines Junginvestors Besorgnis breit. Im Juni 2020 nahm sich Alex Kearns, ein Student der University of Nebraska, das Leben, nachdem sein Robinhood-Konto einen Verlust von 730.000 US-Dollar aufwies. Kurz vor seinem Selbstmord beschuldigte Kearns die Betreiber von Robinhood, ihm ein zu hohes Risiko aufgebürdet zu haben. Später stellte sich jedoch heraus, dass Kearns die Finanzübersicht von Robinhood laut eines Familienmitglieds schlichtweg falsch verstanden haben könnte. Eine Tragödie, die unterstreicht, wie riskant komplizierte Finanzinstrumente sein können – insbesondere in den Händen von Neuanlegern.

Dabei hängt die Frage, wie gefährlich der Aktienmarkt ist, immer auch davon ab, wie man investiert. Kluge und weitsichtige Anleger wie der US-amerikanische Unternehmer und Großinvestor Warren Buffet setzen nach sorgfältiger Analyse auf Unternehmen, die sie am Aktienmarkt für unterbewertet halten. Neulinge und Junganleger hingegen treffen ihre Entscheidungen oftmals auf der Grundlage irrelevanter Informationen beziehungsweise des „Marktrauschens«, eine Tendenz, die ihnen die Bezeichnung „Noise Traders“eingebracht hat. Allzu selbstbewusste Anleger erliegen oft der Illusion, mit etwas Talent oder einem glücklichen Händchen den Markt schlagen zu können. Tatsächlich sind die meisten „aktiven“ Handelsstrategien jedoch weitaus weniger profitabel als Marktindexfonds, die nichts anderes tun, als die Marktentwicklung abzubilden. Gerade in Zeiten, in denen jeder von zu Hause aus ins Trading einsteigen kann, ist es wichtig, das zu bedenken. 

„Wissenschaftliche Erkenntnisse spielen für Anleger am Aktienmarkt tatsächlich oft eine kleinere Rolle als ihre Risiko- und Selbsteinschätzung – und diese hängt nicht selten auch von kulturellen und geografischen Faktoren ab“

Ohnehin deuten historische Daten über die Wertentwicklung von Aktien darauf hin, dass das langfristige Halten einiger gut diversifizierter Indexfonds oder ETF (kurz für „Exchange Traded Funds«, also börsengehandelte Fonds) für Kleinanleger eine viel einfachere und lohnenswertere Strategie ist als der aktive Handel. Der Grund: Durch den langen Anlagezeitraum werden die täglichen Schwankungen des Aktienmarktes unerheblich und die kumulierte Rendite größer. Eine bekannte Faustregel besagt deshalb, dass man den Prozentsatz seines Portfolios, den man in Aktien stecken sollte, mit der einfachen Rechnung „100 minus das eigene Alter“ bestimmen kann. Jüngere Menschen sollten dementsprechend mehr Geld in Aktien investieren, da sie diese länger halten können. Geduld ist also der Schlüssel zum Anlageerfolg.

Doch wissenschaftliche Erkenntnisse spielen für Anleger am Aktienmarkt tatsächlich oft eine kleinere Rolle als ihre Risiko- und Selbsteinschätzung – und diese hängt nicht selten auch von kulturellen und geografischen Faktoren ab. In einer länderübergreifenden Studie haben die Finanzwissenschaftlerinnen Mardy Chiah und Angel Zhong festgestellt, dass das Handelsvolumen in der Coronapandemie insbesondere in Märkten mit größeren Spekulationsmöglichkeiten gestiegen ist. Es scheint also, als sei die Geldanlage derzeit mancherorts in gewissem Maße ein Ersatz für das Glücksspiel. Zudem neigen Anleger aus individualistisch geprägten Kulturen laut Studien eher zu Selbstüberschätzung und regem Handel als andere. 

Und auch wie vorsichtig oder geduldig Anleger sind, hängt nicht nur von ihrem Alter, sondern auch von ihrem kulturellen Hintergrund ab. So haben vergleichende Studien gezeigt, dass Studierende aus den nordischen und deutschsprachigen Ländern zu den risikoscheuesten und geduldigsten Anlegerinnen und Anlegern gehören. Auf die Investitionsbereitschaft kann das mitunter eine ambivalente Wirkung haben: Entweder sind diese Menschen zu risikoscheu, um überhaupt in den Aktienmarkt zu investieren oder aber ihre Geduld beschert ihnen, haben sie ihr Geld erst mal angelegt, bei Investitionen langfristig eine bessere Rendite.

Auch Menschen aus ostasiatischen Ländern sind laut Studien in der Geldanlage eher geduldig. Das finanzielle Risiko einer Investition kann zudem durch größere soziale Netzwerke und familiäre Auffangnetze abgefedert werden. Dies könnte erklären, weshalb Glücksspiele in Ostasien sehr beliebt sind. Am Aktienmarkt kann die Kombination aus relativ starker Risikobereitschaft und langfristiger Orientierung jedoch eine gute Grundlage sein. Diese Menschen sind mutig genug, in den Markt einzusteigen, und gleichzeitig bereit, lange genug zu bleiben, um die entsprechende Rendite einzufahren.

„Ist es möglich, jungen Anlegern das Potenzial von Aktienanlagen zu vermitteln und dabei gleichzeitig einen klaren Unterschied zwischen Investitionen und Glücksspiel zu machen?“

Neben kulturellen Normen beeinflusst auch die technologische Entwicklung das Investitionsverhalten. Wie bereits erwähnt, sollten kluge Anleger diversifizierte Aktien über einen längeren Zeitraum halten. Robinhood und ähnliche Social-Trading-Plattformen sind unter diesem Gesichtspunkt jedoch ein zweischneidiges Schwert: Einerseits machen sie den Aktienmarkt für junge Erwachsene zugänglicher. Das Durchschnittsalter der Robinhood-Nutzer liegt nicht umsonst bei 31 Jahren. Andererseits sind diese Plattformen nicht so strukturiert, dass sie passive und langfristige Investitionen fördern. Bereits heute zeigen erste Analysen des Verhaltens von App-Tradern, dass diese tendenziell weniger verantwortungsbewusst sind und oft weitaus aggressiver handeln als der durchschnittliche Anleger. Außerdem scheinen Robinhood-Anleger vermehrt dazu zu neigen, risikoreiche Wetten auf krisengeplagte Unternehmen einzugehen.

Die wichtige Frage für die Zukunft lautet also nicht, ob der Aktienmarkt für junge Menschen generell zu gefährlich ist, sondern: Ist es möglich, jungen Anlegern das Potenzial von Aktienanlagen zu vermitteln und dabei gleichzeitig einen klaren Unterschied zwischen Investitionen und Glücksspiel zu machen? Und die Antwort darauf lautet: Ja. Denn junge Anleger können nicht nur dann etwas über Risiken lernen, wenn sie Risiken eingehen. Statt direkte Erfahrungen mit schlechten und leichtsinnigen Investitionen zu machen, sollten sie durch Bildungsarbeit in die Lage versetzt werden, früh mit Begriffen wie „Risiko“, „Rendite“ und „Anlagehorizont“ umzugehen.

Immerhin würden solide Finanzkenntnisse jungen Anlegern nicht nur dabei helfen, eine vernünftige und verantwortungsvolle Investitionskultur zu entwickeln, sondern sie auch dazu bringen, ihre Ressourcen in die produktivsten und nachhaltigsten Wirtschaftssektoren zu lenken. Statt die nächste Generation vom Aktienmarkt fernzuhalten, sollte also vielmehr ein verantwortungsbewusster Umgang mit dem Thema Börse und Anlage gefördert werden. 

Und das nicht zuletzt deshalb, weil Investitionen in Aktienwerte auch in Zukunft ein wichtiges Instrument der Geldanlage und Vorsorge sein werden. In seinem Buch „Stocks for the Long Run“ hat der amerikanische Finanzprofessor Jeremy Siegel gezeigt, dass aus einem im Jahr 1801 in Aktien investierten US-Dollar im Jahr 2001 stolze 12,7 Millionen US-Dollar geworden wären. Die Lehre: Eine Investition in den Aktienmarkt war in den letzten 200 Jahren weitaus lukrativer als alle anderen Anlageformen. Hätte man 1801 für einen US-Dollar in Gold investiert, dann wäre dieses Gold im Jahr 2001 nur 32 Dollar wert gewesen. 

Dass es sich dabei durchaus lohnt, früh anzufangen, erkennen mittlerweile immer mehr Menschen. Als Moira O’Neill, die Herausgeberin des Magazins „Moneywise“, ihre Leserinnen und Leser im Alter über fünfzig Jahren einmal fragte, was sie in ihren Zwanzigern gerne gewusst hätten, lautete eine der bemerkenswertesten Antworten: „Ich wünschte, ich hätte mir ein Langzeitdiagramm des Aktienmarktes angesehen, denn dann hätte ich im jungen Alter mit dem Investieren begonnen.“Als eine der Autorinnen des Magazins ihrer zwölfjährigen Tochter daraufhin tatsächlich das Schaubild des langfristigen Anlagevergleichs in Siegels Buch zeigte, beschloss das Mädchen sofort, ihr überschüssiges Taschengeld in börsengehandelte Fonds zu investieren. 

Könnten wir solche langfristigen Diagramme und das damit verbundene Wirtschaftswissen in die Schulbücher aufnehmen, wäre das ein Segen für unsere Gesellschaft.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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