Ein zweites Leben für den Müll

von Tapiwa Matsinde

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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Eine Kintsugi-Schale aus Japan: Die Idee, zerbrochene Töpferwaren mit Gold-, Silber- oder Platinlack zu reparieren, entstand vermutlich im 15. Jahrhundert. Foto: Motoki Tonn / unsplash


Vor fünfzig Jahren veröffentlichte der Wiener Designer Victor Papanek mit „Design für die reale Welt“ eine Kritik an der umweltschädlichen Kultur, Dinge zu entwerfen, die man konsumiert und dann wegwirft. Für Papanek herrschte in westlichen Gesellschaften eine „Kleenex-Kultur“. Heute haben diese Länder mit den Folgen ihres nicht nachhaltigen Konsums zu kämpfen.

Im Laufe der Jahrhunderte haben die Menschen immer wieder weggeworfen, was sie nicht mehr brauchten. Dieses Wegwerfen wurde jedoch durch das ausgeglichen, was repariert, wiederverwendet oder umfunktioniert werden konnte – die sogenannte „kreative Wiederverwendung“ beziehungsweise das heutige „Recycling“. Diese Praxis war auf der ganzen Welt üblich, zumindest bis zum Aufkommen des Massenkonsums Mitte des 20. Jahrhunderts, als es in den wohlhabenden Ländern billiger wurde, etwas wegzuwerfen, als es zu reparieren, was zu unserer heutigen Wegwerfkultur geführt hat. Mit der zunehmenden Umweltbelastung durch Müll ist das Thema Upcycling in aller Munde.

Recycling ist der Prozess, bei dem unerwünschte Abfallstoffe in neue Materialien und Gegenstände verwandelt werden. Beim Upcycling werden diese Materialien oder Gegenstände zu etwas Neuem und Hochwertigerem verarbeitet. Der Begriff „Upcycling“ wurde erstmals von dem Wirtschaftswissenschaftler Gunter Pauli in seinem 1999 erschienenen Buch „UpCycling. Wirtschaften nach dem Vorbild der Natur für mehr Arbeitsplätze und eine saubere Umwelt“ geprägt. Verbreitung fand er in dem 2002 erschienenen Buch „Cradle to Cradle: Einfach intelligent produzieren“ des Architekten William McDonough und des Chemikers Michael Braungart. Wie Papanek fordern auch diese Autoren dazu auf, unsere Art des Konsums und der Entsorgung zu überdenken.

Lange Zeit waren Menschen gezwungen, kreativ mit dem Vorhandenen umzugehen

Blickt man in die Geschichte, so entwickelte sich die Verwandlung von Abfällen in etwas Wertvolles aus der Not heraus. Lange Zeit waren Menschen gezwungen, kreativ mit dem Vorhandenen umzugehen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist das Archiv des russischen Künstlers Wladimir Archipow mit einzigartigen, funktionalen und fantasievollen Stücken, die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen Sowjetunion aus gefundenen Gegenständen von Hand herstellten, weil sie als Industriegüter nur schwer zu bekommen waren. Ein weiteres rührendes Beispiel ist der Mangel an feinen Stoffen in den 1940er-Jahren, der Frauen in Großbritannien dazu brachte, ausrangierte Fallschirmseide für ihre Hochzeitskleider zu verwenden.

Auch heute noch ist das Upcycling von Abfallstoffen in vielen Gemeinschaften üblich, insbesondere in Teilen Afrikas, Lateinamerikas und Südostasiens. Angesichts der eingeschränkten Verfügbarkeit und der Kosten für neue Produkte und Rohstoffe ist Upcycling oft eine Überlebensstrategie. „Jugaad“, was auf Hindi so viel wie „schnelle Lösung“, „Kniff“ oder „Behelf“ bedeutet, ist ein indisches Konzept, bei dem es darum geht, das Beste aus den vorhandenen Ressourcen zu machen: kreatives Denken, um Probleme zu lösen und etwas zum Laufen zu bringen.

Im Gegensatz zu diesem „Notbehelf“ ist die Zunahme des Upcyclings in der modernen, überwiegend westlichen Welt eine Reaktion auf die Notwendigkeit, unseren Konsum zu reduzieren und mit unseren Abfallbergen fertigzuwerden. In Westeuropa und Nordamerika wird Müll bis zu einem gewissen Grad verwaltet, allerdings nicht immer auf ethische Weise. Man denke nur an die Schlagzeile, wonach Malaysia im Januar 2020 150 Schiffscontainer voll Plastikmüll in 13 reiche Länder zurückschickte. Diese Nachrichten werfen ein Schlaglicht auf die seit Langem bestehende Praxis westlicher Länder, Müll in weniger wohlhabende Länder in Afrika und Asien zu exportieren und sich deren weniger strenge Entsorgungsvorschriften zunutze zu machen.

Im 17. Jahrhundert ribbelten ghanaische Weber Seidentücher auf und verwendeten die Fäden für ihre eigenen gewebten Stoffstreifen

Vielerorts landet der Müll auf der Straße. In Westafrika haben Designer wie Ousmane Mbaye aus dem Senegal und Hamed Ouattara aus Burkina Faso neue Verwendungen für diesen Müll entwickelt. Aus Ölfässern und anderen Metallen, die von westlichen Konzernen weggeworfen werden, machen diese Designer innovative Möbel, die weltweit begehrte Sammlerstücke sind.

Upcycling hat sich als zentrales Element in verschiedenen Formen von Kunst und Design erwiesen. Ein Beispiel dafür ist Kintsugi, die japanische Methode, etwas Zerbrochenes wieder ganz zu machen. Die Kunst, zerbrochene Töpferwaren mit Gold-, Silber- oder Platinlack zu reparieren, entstand vermutlich im 15. Jahrhundert. Anstatt einem Gegenstand seine Schönheit zu nehmen, unterstreicht Kintsugi seine Makel und seine Geschichte und verleiht ihm so einen höheren Wert.

Textilien sind ein weiterer Bereich, in dem sich Upcycling als sehr innovativ erwiesen hat. Im 17. Jahrhundert ribbelten ghanaische Weber Seidentücher auf und verwendeten die Fäden für ihre eigenen gewebten Stoffstreifen, die sie „Kente“ nannten, ein Stoff, der von Königen getragen wurde. Das Flicken oder Zusammenfügen alter Stoffreste zu einem neuen Gewebe ist ebenfalls typisch für Boro, eine andere alte japanische Kunstform, die von Dorfbewohnern angewandt wurde. Da sie zu arm waren, um neue Kleidung zu kaufen, flickten sie Stoffreste immer wieder neu zusammen, sodass Kleidungsstücke über mehrere Generationen hinweg weitergegeben und überarbeitet wurden.

Dieses Ausbessern von Stoffen findet man auch in Indien, wo alte Saris und Tücher zu Decken und Kissen zusammengenäht wurden, die als „Kantha“ bekannt sind, das Sanskrit-Wort für „Lumpen“. Kantha-Stoffe sind heute sehr begehrt. Quilten ist eine weitere historische Technik zur Wiederverwendung von Stoffen. Das Handwerk, bei dem wattierte Textilien aus Stoffresten hergestellt werden, die wegen ihrer Schönheit geschätzt sind, reicht vermutlich bis in die erste Dynastie des alten Ägypten (circa 3000 v. Chr.) zurück.

Upcycling ist eine Form von kreativem Aktivismus, um die Umwelt zu schützen

Upcycling, wie wir es kennen, entstand in den 1980er-Jahren, als Kreislaufwirtschaft zum Thema wurde, die Idee, Abfälle und Umweltauswirkungen durch eine möglichst lange Nutzung von Produkten zu minimieren. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Upcycling nun eine Form von kreativem Aktivismus, der der Schädigung unserer Umwelt entgegenwirkt, die Eigenverantwortung von Gemeinschaften stärkt und kreative kulturelle Praktiken wiederbelebt.

Designer suchen aktiv nach neuen Wegen, um die von uns konsumierten Produkte nachhaltiger zu gestalten. Zu den Pionieren gehört das ägyptische Reform Studio, das Plastiktüten recycelt und daraus ein neues Material namens Plastex herstellt, das in Lifestyle-Produkte eingewebt wird. In Hongkong verwenden die Wheel Thing Makers Abfallmaterialien als Teile für Upcycling-Fahrräder, während EcoBirdy in Belgien altes Plastikspielzeug in Kindermöbel verwandelt. Der britisch-nigerianische Künstler Yinka Ilori transformiert alte, ausrangierte, leuchtend bunte Stühle und Stoffe mithilfe von Geschichten aus Nigeria und verbindet so Upcycling mit Kultur.

Da das Bewusstsein für die Folgen unserer Konsumgewohnheiten wächst, ist die Verlängerung des Lebenszyklus von Materialien und Produkten von größter Bedeutung. Ob Wohlstandsgesellschaft oder Entwicklungsland, Upcycling ist für alle eine Notwendigkeit geworden.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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