Eine Tasche aus Flachs

von Yvonne Hammond

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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„Kete“ sind Taschen, die aus Flachs gewebt werden. Foto: Yvonne Hammond


Meine Mutter hat mir das Weben mit Flachs beigebracht, als ich 24 Jahre alt war. Ursprünglich war ich einfach daran interessiert, eine praktische Fertigkeit zu erlernen, aber jetzt webe ich schon seit mehr als 35 Jahren. Für mich wurde das Flachsweben zu einer spirituellen Reise, bei der es sowohl um das Land und die Umwelt als auch um die Māori-Kultur geht

Der Māori-Begriff für einen Flachsweber ist „kai mahi raranga“. Als ich mit dem Weben begann, gab es nicht viele kai mahi raranga, und ich habe es genossen, Teil eines Wiederauflebens zu sein. Mittlerweile gibt es viel mehr Weber. Als „pākeha“, als Neuseeländerin europäischer Abstammung, fühle ich mich geehrt, in ein einheimisches Handwerk aufgenommen zu werden, als Weberin und als Lehrerin. Ich gehöre einer anderen Kultur an – ich bin eine Kiwi der vierten Generation, meine Familie kam um 1880 hierher –, daher ist es für mich etwas Besonderes, dazuzugehören.

Das Weben, „raranga“, ist fester Teil meiner Woche. Ich genieße den gesamten Prozess, von der Ernte des Flachses in der Natur über die Vorbereitung bis hin zur Herstellung einer „kete“, einer Tasche. Die Art Flachs, die wir verwenden, stammt aus Neuseeland. Man findet ihn überall, von den Rändern des Ozeans bis zu den Hängen der Berge. Dieser Flachs unterscheidet sich von dem, den man auf der Nordhalbkugel findet. Sein Māori-Name ist „harakeke“. Botanisch gesehen ist er eine Lilie. Es gibt viele Flachsarten, die sich jeweils für unterschiedliche Projekte eignen – zum Beispiel für die Herstellung von Blumen oder „putiputi“, für Geschenke und Brautsträuße, Kete, Rucksäcke und viele verschiedene Arten von Körben oder „korowai“ und „kakahu“, traditionelle Umhänge mit oder ohne Federn.

Es ist mir wichtig, dass die Kete, die ich herstelle, sauber und grün sind und unseren Planeten nicht weiter belasten. Die „tikanga“, die kulturellen Protokolle rund um das Flachsweben, sind wichtig. Sie zeugen von Respekt. Bei der Ernte der Harakeke wird ein „karakia“ (Gebet) gesprochen, um einen heiligen Raum für das Weben zu schaffen. 

Abgesehen von der kulturellen Seite ist es auch wichtig, die richtigen Verfahren für die Ernte einer solchen Naturfaser zu erlernen, damit wir die besten Ergebnisse erzielen können. So gibt es beispielsweise einen optimalen Zeitpunkt für die Ernte, da das Blatt dann seine Feuchtigkeit verliert und sich am besten zum Weben eignet.

Kete kann dekorativ oder praktisch sein. Einige werden einfach hergestellt – das so genannte „Grünflachs“-Weben, bei dem wir mit frischem Harakeke arbeiten. Andere Kete sind gefärbt und mit „pounamu“ (grünem Stein), Federn oder anderen Verzierungen geschmückt. „Kete whakairo“ ist der kompliziertere Stil; der Flachs wird dabei oft gefärbt und von innen nach außen gewebt, sodass die Veredelung auf der Innenseite liegt. 

Für manche Menschen ist eine Kete etwas Alltägliches. Sie benutzen sie zum Beispiel wie eine Handtasche oder eine Einkaufstasche. Die Menschen hier entscheiden sich auch oft für eine Kete, weil sie damit ihre Identität oder ihre Verbundenheit mit der Māori-Kultur zum Ausdruck bringen. Mir geht das Herz auf, wenn ich Kete oder Rucksäcke aus Flachs im täglichen Gebrauch sehe. Ihre Verwendung zeigt, dass in das soziale, kulturelle und ökologische Wissen der Māori investiert wird.

Wenn ich anderen das Weben von Kete beibringe, sollten sie ganz in den Prozess eintauchen, ohne Unterbrechungen. Das Weben basiert auf Mathematik und ist anspruchsvoll. Es kann sehr schwierig zu erlernen sein. Die Lernenden können schnell die Motivation verlieren, wenn der Flachs zu steif ist oder sich nicht eignet. Ich würde sagen, eine der größten Herausforderungen besteht darin, seinen inneren Kritiker zu überwinden. Seien Sie sanft zu sich selbst und erwarten Sie am Anfang nicht zu viel! Das Flachsweben erfordert viel Übung.

Protokolliert von Cathrin Schaer

Aus dem Englischen von Leonie Düngefeld



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